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„Unbeugsam, heimtückisch“ – schwul?

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Am 24. Januar jährt sich der Geburtstag Friedrichs II. zum 300. Mal. An der Person des großen Preußenkönigs scheiden sich bis heute die Geister: Die einen sehen in ihm den genialen Schlachtenlenker und aufgeklärten Monarchen. Andere halten ihn für einen menschenverachtenden Zyniker. Über den König sprach Michael Hertel, dapd, mit dem Historiker Peter-Michael Hahn von der Universität Potsdam. Hahn vertritt eine Sicht auf den Preußenkönig, die weit entfernt ist von jeder Glorifizierung.

Nach jüngsten Umfragen ist Friedrich der II. Deutschlands bekanntester König. Weiß man also schon alles?

Hahn: Man weiß vieles, aber nicht alles. Eine historisch-kritische Gesamtedition seines Schriftwerkes fehlt bislang. Dass Friedrich Deutschlands bekanntester König geworden ist, liegt sicherlich an der gewaltigen Propagandamaschinerie des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die ihn zu einem Vorkämpfer der deutschen Nation neben Luther und Bismarck stilisiert hat.

Bei Friedrich gibt es zwei Lager: Das eine sieht in ihm „den Großen“ oder sogar „den Einzigen“, das andere lässt kein gutes Haar an ihm…

Die erste Deutung hat viel mit dem Wunsch der Deutschen nach historischer Legitimität und Selbstfindung im 19. Jahrhundert zu tun. Indem man Friedrich zu dieser überragenden Königsgestalt erhob, hat man sich eine nationale Erzählung geschaffen, die die territorialen Traditionen der Bayern, Sachsen, Hannoveraner und anderer Regionen vergessen machen sollte. Der Kern des Ganzen war die Behauptung, dass die Kaiser aus dem Hause Habsburg und Österreich nicht dazugehörten.

Unumstritten aber war doch wohl die religiöse Toleranz Friedrichs.

Eine gewisse Form von religiöser Duldsamkeit – bei Friedrich kam später Gleichgültigkeit hinzu – lag schon zuvor in der Politik der Hohenzollern. Die Fürsten des 18. Jahrhunderts führten keine Konfessionskriege mehr, aber sie bedienten sich der Religionen für ihre politischen Ziele. So auch Friedrich: Er spottete über die Religionen und hetzte gern gegen die katholische Kirche. Als er 1756 Sachsen überfiel, veröffentlichte er ein Manifest gegen das katholische Herrscherhaus, indem er sich als Beschützer der evangelischen Religion anpries.

Zum Friedrich-Mythos gehören zahlreiche Anekdoten, die den König im Dialog mit dem einfachen Mann von der Straße darstellen. Haben solche Begegnungen stattgefunden?

Schon vor seinem Tod publizierten Friedrich Nicolai und andere Schriftsteller Anekdoten zur Person des Preußenkönigs, die später für bare Münze genommen wurden. Die Wahrscheinlichkeit solcher Begegnungen war aber marginal, da Friedrich ständig von seinen Offizieren umgeben war. Ich habe jedoch den Bericht eines Augenzeugen, dass sich der Alte Fritz nach langen Paraden auch mal ohne großen Tross zurück ins Schloss quälte. Er wurde dann von einem Leibhusaren aus dem Sattel gehoben, genauso wie er zuvor in den Sattel gehoben worden war, denn der nur 1,60 Meter große,von Gicht geplagte Mann konnte sein Pferd nicht mehr ohne Hilfe besteigen.

Aber Begegnungen mit seinen Soldaten auf den Schlachtfeldern hat es doch sicherlich gegeben.
Mit seiner Leibgarde hat es solche Begegnungen sicherlich gegeben.

Man muss aber bedenken, dass Friedrich schon als junger König stark kurzsichtig war. Friedrich konnte Menschen nur unterscheiden, wenn sie unmittelbar vor ihm standen. Damit fallen viele Legenden. Es musste jemand um ihn sein, der ihm berichtete, wer ihn gerade ansprach. Später dürfte er praktisch gar nichts mehr erkannt haben. Das wurde alles von Historikern nicht erwähnt. Für die Legende sind Realitäten auf Teufel komm raus verbogen worden.

Eines ist doch aber unstrittig: Friedrich hatte eine schwere Kindheit. Der Konflikt mit seinem Vater ging an physische und psychische Grenzen.

Es war kein existenzieller Konflikt, weil er diesen Konflikt mit dem Vater nicht verlieren konnte. Friedrich war nach der Goldenen Bulle, dem Grundgesetz des alten Deutschen Reiches, Thronfolger. Sein Vater hätte niemals die Reichsordnung auf den Kopf stellen können. Der einzige Verlierer war der Vater, weil der sich so unmöglich benahm wie kein anderer Monarch seiner Zeit. Sein Hof war ein Tollhaus und er selbst ein Barbar.

Der „Soldatenkönig“ hat seine Kinder geprügelt...

...bis hin zu seiner Frau, der Königin Sophie Dorothea. Friedrich Wilhelm I. litt furchtbar unter schweren Krankheiten, war ein kleiner, fetter Mann, der sich kaum bewegen konnte. Seine ältesten Kinder, Wilhelmine und Friedrich, machten sich ein Vergnügen daraus, ihn zu reizen, ihn dazu zu bringen, sich ungezügelt zu benehmen. Hier zeigten sich schon Charakterzüge Friedrichs: Er war stolz, nahm alles hin; er war unbeugsam, verschlagen und heimtückisch.

Friedrich nahm zum Regieren den Begriff Absolutismus sehr wörtlich: Er kümmerte sich um alles persönlich. Wie effektiv war dieser Regierungsstil?

Anfangs war dieser Stil höchst effektiv. Der König umgab sich mit Personen geringen Ranges, die er benutzte, seinen Willen umzusetzen und ihm Gestalt zu geben. Das System basierte auf Vertrauen und funktionierte bis zum Ende des Siebenjährigen Krieges 1763 hervorragend. Dann wurde es immer schlechter, weil seine Günstlinge wegstarben.

War Friedrich schwul?

Damals hat es darüber natürlich keine Debatte gegeben. Den Tabubruch beging Voltaire. Er nannte Friedrich „Luc“. Wenn man das anders herum liest, heißt es „cul“ – französisch für Hintern. Im Übrigen wissen wir, dass Friedrich niemals seiner Frau Elisabeth Christine zu nahe getreten ist. Das geht eindeutig aus Briefen des Grafen Manteuffel hervor. Klar ist: Friedrich hat sich nur für das männliche Geschlecht interessiert. An seiner homosexuellen Orientierung kann kein Zweifel bestehen.

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erstellt am 30.Dez.2011 | 02:15 Uhr

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