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Unbequem und fordernd: Tag des offenen Denkmals

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erstellt am 06.Sep.2013 | 07:32 Uhr

Keine wohlgefällige Architektur und Prunk, sondern dunkle Ruinen und schwerer Stahlbeton: In der idyllischen Landschaft im Norden Usedoms haben die Überreste der ehemaligen NS-Heeresversuchsanstalt Peenemünde eine erdrückende Präsenz. Als Waffenschmiede und technische Top-Forschungseinrichtung des Nazi-Regimes sind sie Zeugnis des dunkelsten Kapitels deutscher Geschichte.

Die ehemalige Landesirrenanstalt Domjüch bei Neustrelitz ist ein Baudenkmal, das das Bild vom rückständigen Mecklenburg infrage stellt. Erwartet man beim Namen Landesirrenanstalt eine Art Gefängnis für Ausgestoßene, wie es um 1900 üblich war, täuscht man sich augenscheinlich. Großherzog Friedrich Wilhelm ließ hier für 735 000 Mark eine moderne Nervenheilanstalt im Villenstil errichten, in der Pflege und Therapie wirklich möglich waren.

Mehr als 200 Denkmäler in MV öffnen ihre Türen

Peenemünde und Neustrelitz sind zwei von mehr als 200 Stätten in Mecklenburg-Vorpommern, die zum Tag des offenen Denkmals am morgigen Sonntag zum Gastgeber werden. Gemeinsam versuchen die Deutsche Stiftung Denkmalschutz und das Landesamt für Kultur und Denkmalpflege in diesem Jahr, ein allgemeines Vorurteil über Denkmäler aus der Welt zu schaffen. Unter dem Motto „Jenseits des Guten und Schönen“ geht es diesmal um unbequeme Denkmäler. „Denn Ästhetik spielt bei der Definition im Denkmalschutzgesetz keine Rolle“, sagt Landesarchäologe Detlef Jantzen.

Die zentrale Veranstaltung des Landes Mecklenburg-Vorpommern zum Tag des offenen Denkmals findet im Historisch-Technischen Museum Peenemünde statt. Das Kulturministerium vergibt dort den mit 4000 Euro dotierten Friedrich-Lisch-Denkmalpreis. „Für mich ist Peenemünde exemplarisch, weil es sowohl Baudenkmal als auch Bodendenkmal ist“, sagt Jantzen. Viele Spuren der Raketenforschung finden sich auf dem Gelände von Gras überwachsen im Erdreich, etwa Überreste des Zwangsarbeiterlagers. Nach Angaben des Museums lebten dort bis zu 4000 Zwangsarbeiter. Zudem gab es in Peenemünde zwei KZ-Lager mit Spitzenbelegungen von 1200 und 650 Häftlingen. Sowjetische Kriegsgefangene wurden in zwei Außenlagern festgehalten. Rund 250 KZ-Insassen starben den Angaben zufolge in Peenemünde.

Bei der Produktion der V2-Raketen in Mittelbau-Dora, in Thüringen, kamen nach Schätzung von Historikern 10 000 Häftlinge ums Leben. Mit den Raketen selbst wurden in England, Frankreich und Belgien etwa 5000 Menschen getötet.

„Ein Denkmal ist Denkmal durch seinen historischen Zeugniswert“, erklärt Landesarchäologe Jantzen. Denkmäler sollen demnach gewisse Erinnerungen wachhalten, auch an „weniger schöne Ereignisse, die aber auch zu unserer Geschichte gehören“, fügt er hinzu.

In der ehemaligen Landesirrenanstalt Domjüch werden auch 110 Bilder von Wilhelm Müller zu sehen sein. Der Maler war zwischen 1907 und 1918 Patient in der Anstalt. Sie war 1902 eröffnet worden, um den Kranken ein menschenwürdiges Umfeld zu geben. Es gab fließend kaltes und warmes Wasser, elektrischen Strom und Telefon. Die Säle hatten ein ausgeklügeltes Heizungs- und Belüftungssystem.

Nicht ein Fenster war vergittert, stattdessen mit Panzerglas geschützt, und die Kranken konnten sich, bis auf wenige Ausnahmen, draußen frei bewegen. Der Ort hat aber auch eine dunkle Seite. „Im Dritten Reich haben die Nazis die Einrichtung für ihre menschenverachtenden Zwecke missbraucht“, erklärt die Vorsitzende des Vereins zum Erhalt der Domjüch, Christel Lau. 60 Insassen der Anstalt wurden 1940 zur Tötungsanstalt Bernburg bei Magdeburg transportiert und dort im Verlauf der sogenannten Aktion T4 umgebracht. Eine Ausstellung auf dem Gelände der ehemaligen Landesirrenanstalt befasst sich mit der Euthanasie und Zwangssterilisation während der Nazizeit. Für den Tag des offenen Denkmals rechnet Landesarchäologe Jantzen im Land mit 10 000 Besuchern, die sich auf den Weg in die Vergangenheit machen. „Und vielleicht danach einmal kurz ins Grübeln geraten. Schließlich heißt es Denkmal und nicht Guckmal“, sagt Jantzen.

Benefizkonzert vor bröckelnder Schlossfassade

Gucken, zuhören und die Architektur genießen können und sollen Besucher heute indes in Gadebusch: Unter dem Motto „Seht, welch kostbares Erbe es zu bewahren und zu erhalten gilt“ gibt es heute ein Benefizkonzert mit dem Landespolizeiorchester vor der Schlosskulisse in Gadebusch. Mit der Inszenierung soll Interesse für das Schloss, für das Kulturerbe, geweckt werden. Beginn des Konzertes ist um 15 Uhr. „Mit Absicht wurde als Kulisse die bröckelnde Fassade des Schlosses gewählt. Es soll ein Weckruf an die Besitzer und die Entscheidungsträger sein, endlich den Worten auch Taten folgen zu lassen“, so Richard Petzold, stellvertretender Vorsitzender der Stiftung Herrenhäuser und Gutsanlagen. „Mit dem Konzert möchten wir die Entscheidungsträger auf den seit Jahrzehnten bestehenden Dämmerzustand des Schlosses aufmerksam machen“, sagt Ulrich Howest, Gadebuschs Bürgermeister. Eine Stunde vor und nach dem Konzert können die Innenräume des Schlosses besichtig werden. Bei schlechtem Wetter findet das Konzert in der Stadtkirche statt.

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