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Datenerhebung des Kultusministeriums : Umfrage mit Misstönen

vom

Der Geschäftsführer des Theaters Vorpommern ist ein ratlos angesichts des Papierstapels: "Ich weiß nicht, wie das Land diesen Fragebogen jemals auswerten will". Freude hat Kultusminister Brodkorb damit nicht ausgelöst.

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erstellt am 15.Mär.2012 | 07:12 Uhr

Schwerin/Rostock | Rainer Steffens ist ein bisschen ratlos angesichts des Papierstapels: "Ich weiß nicht, wie das Land diesen Fragebogen jemals auswerten will", sagt der Geschäftsführer des Theaters Vorpommern. Steffens ist nicht allein mit seiner Skepsis. Wirkliche Freude hat Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) nämlich nicht ausgelöst mit seiner großen Datenerhebung, für die seine Ministerialbeamten einen neunseitigen Fragebogen an alle Theater und deren Träger verschickt haben. Sinn und Zweck laut Begleitschreiben, das unserer Zeitung vorliegt: Man wolle den mit der Rundreise des Staatssekretärs begonnenen Austausch fortsetzen, die Lage präziser abbilden und die Leitbilder der einzelnen Theaterstandorte erkennen.

Vorwurf: Land fragt lange bekannte Daten ab

Die Theatermacher im Land, allen voran der Schweriner Generalintendant Joachim Kümmritz hatten immer wieder gefordert: Der Minister solle genau hinschauen, wie es den Theatern wirklich geht, mit den Theatermachern reden, politische Gestaltungsstärke zeigen. Zufrieden ist nun aber kaum jemand mit der Art und Weise, wie die Kultus-Bürokraten die Datenerhebung angepackt haben, wiederum allen voran Joachim Kümmritz: Er fühle sich "verarscht", der Fragebogen sei absurd und beleidigend, von Sachverständnis könne keine Rede sein - und die Datenerhebung sei ein Spiel auf Zeit.

Ein Grund für den Zorn: Die Datenerhebung beginnt sozusagen bei der Ursuppe. "1.1. Welche Rechts- bzw. Organisationsform hat Ihr Theater (Orchester)?", lautet die erste Frage. Dann geht es neun Seiten weiter, bis in feinste statistische Verästelungen zur Altersstruktur der Ensembles und der Besucher, von den Bühnen errungene Preise, überregionale Wahrnehmung und so weiter… Immer wieder werden Einschätzungen, Ideen und Vorschläge gefordert. Die Landesregierung müsse aber doch endlich mal klare Vorstellung von einer künftigen Theaterlandschaft darlegen, betonte Kümmritz. Wennn es nach ihm ginge, würde er den Fragebogen gar nicht beantworten, so der Intendant, aber natürlich werde das Staatstheater die abgefragten Daten alle liefern.

Um das künftige Verteilen von mehr Geld geht es bei der Datenerhebung nicht, das stellt Staatssekretär Sebastian Schröder (SPD) im Begleitschreiben klar: MV fördere den Theater-Bereich stärker, als es der finanziellen Leistungsfähigkeit des Landes entspräche, schreibt er. Und: Derzeit gebe es rund 1300 Theater-Arbeitsplätze - im Jahr 2020 seien von den heutigen Zuschüssen des Landes von 35,8 Millionen Euro noch rund 970 finanzierbar.

Eine düstere Perpektive: Rund ein Viertel aller Schauspieler, Sänger, Bühnenarbeiter, Maskenbildner, Musiker und Beleuchter muss gehen. Schwerins Oberbürgermeisterin Angelika Gramkow (Linke) sieht die Befragungsaktion kritisch: "Wer Fragebogen verschickt, um Daten zu erheben, die er in jeder Statistik des Bühnenvereins nachlesen kann, spielt nur auf Zeit und will sich vor kulturpolitischen Entscheidungen drücken." Die Landeshauptstadt werde den Fragebogen dennoch beantworten. "Ich frage mich allerdings, auf welcher Basis das Land den Theatern in den vergangenen Jahren die Mittel aus dem Kommunalen Finanzausgleich zugewiesen hat, wenn dort offensichtlich keine Daten vorhanden sind!"

In Rostock ist OB Roland Methling (parteilos) ebenfalls nicht begeistert von dem Fragebogen: "Das ist ein Armutszeugnis. Leider lässt sich keine strategische Linie des Kultusministeriums erkennen. Viele praktische Vorschläge, die in den vergangenen Jahren auch aus Rostock kamen, sind weiterhin nicht aufgenommen worden."

Das Kultusministerium verteidigt die Aktion. "Der Fragebogen ist Teil des Dialogs über die künftige Theater- und Orchesterstruktur", sagt Sprecherin Johanna Hermann. Und in den Gesprächen des Staatssekretärs mit den Theaterträgern und Theatern habe sich herausgestellt, dass eine vergleichbare Datenbasis aller Träger und Theater eben nicht vorhanden sei. Die Bühnenvereinsstatistik sei dafür nicht aussagegkräftig.

Minister will Berater für Auswertung engagieren

Wann es Ergebnisse gebe, hänge auch vom Rücklauf der Fragebögen ab. Die Auswertung der Antworten werde durch das Bildungsministerium erledigt, so Hermann, und durch "ein in Kulturfragen erfahrenes Beratungsunternehmen", das noch per Ausschreibung gesucht werde. "Über Kosten können noch keine Angaben gemacht werden", sagt die Ministeriumssprecherin.

Schwerins OB ist besonders sauer angesichts des vom Kultusminister in unserer Zeitung erhobenen Vorwurfs, das Staatstheater sei deshalb in Not, weil die Bühne und ihr Träger Landeshauptstadt seit Jahren "bewusst schmerzhafte Entscheidungen unterlassen" hätten. Gramkow: "Das ist an Arroganz nicht zu überbieten. Schwerin hat seine Hausaufgaben erledigt. Die Einschnitte waren und sind schmerzhaft: Schließung der Philharmonie 1992, Streichung von 200 Stellen seit der Wende, Lohnverzicht per Haustarifverträgen - und trotzdem hervorragende Einspielergebnisse und Besucherzahlen." Dass ein Bildungsminister genau darin ein Problem sehe, sei eine Bankrotterklärung, so Gramkow: "Die Stadtpolitik muss jetzt wieder die Drecksarbeit erledigen."


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