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Mecklenburg-Vorpommern

22. August 2017 | 13:18 Uhr

Um Prora fliegen wieder die Fetzen

vom

Prora/Berlin | Neue Runde im Streit um die Erinnerungskultur in Sachen Prora: Der Verein "Denk-Mal Prora" hat seine Auflösung beschlossen. "Wir werfen das Handtuch", sagt der Historiker Dr. Stefan Wolter, Initiator und Vorsitzender des Vereines. Die seit Jahren tobende Diskussion um den Umgang mit dem "Koloss von Prora", dem Ende der 1930er-Jahre gebauten, aber nie fertiggestellten Seebad der Nazi-Ferienorganisation "Kraft durch Freude" (KdF), erlebt mit dem Rückzug des Vereins noch einmal einen Höhepunkt, wenige Tage vor dem großen Jugend-Event "prora10". Man reagiere nun auf die "fragwürdige selektive und unglaubwürdige Erinnerungskultur in MV", so Wolter.

Rund zwei Jahre lang hatten Wolter und seine Mitstreiter Denk-Mal Prora e. V. betrieben, als Forum für Forschung und Austausch zur Geschichte Proras als größter Standort von Bausoldaten in der DDR. "Bis heute wird Block 5 als KdF-Gelände vermarktet, während die reale Geschichte seit 1939 einen völlig anderen Verlauf genommen hat. Mit Ausnahme des Baukörpers erhielt die Anlage ihr heutiges Antlitz in den Jahren des SED-Regimes", kritisierte Stefan Wolter immer wieder. In Block 5 urlaubten nie verdiente Nazi-Volksgenossen, sondern er diente nach 1945 als Bausoldaten-Quartier. Wolter selbst war dort kaserniert, musste beim Bau des Fährhafens Mukran schuften und hat darüber und über den Umgang mit dieser Geschichte mehrere Bücher geschrieben.

Der Verein Denk-Mal Prora betrieb vor allem die Sicherung der Bausoldaten-Spuren in Prora und über ein "Virtuelles Museum" im Internet auch die Kontaktpflege zu Zeitzeugen. Dr. Wolters mehrfach erhobene Kritik: Die derzeitige Gedenkstättenarbeit in Prora verenge den Blick auf das "ehemalige KdF-Bad, das es nie gegeben hat" und unterschlage die Geschichte des Baukomplexes in der DDR, vor allem als Schauplatz der Aufrüstung nach 1945 und als größter und berüchtigster Bausoldaten-Standort. Prora werde vermarktet und zu einer Jugendherberge ausgebaut, kritisierte Wolter. In die Planungen für ein Bildungszentrum in Prora sei sein Verein nicht einbezogen und als Konkurrent ausgegrenzt worden, sagte Wolter. Dabei gehe es der Landeszentrale für politische Bildung, dem Prora-Zentrum e. V. und dem Verein "Politische Memoriale" auch um die Deutungshoheit über die Geschichte. Wolter nennt es eine "Allianz von Unwissenheit und interessenbedingter Verdrängung". Zwar arbeite der seit der Entscheidung des Kuratoriums der Landeszentrale für politische Bildung mit der Trägerschaft der geplanten Bildungs- und Begegnungsstätte im Block 5 bei der im Bau befindlichen Jugendherberge beauftragte Verein Prora-Zentrum auch mit Bausoldaten-Zeitzeugen. "Aber das Zentrum hat das Thema nur aufgegriffen und an uns vorbei agiert", kritisiert Wolter. Ohnehin sei die Entscheidung "in einem nur zur Hälfte besetzten Kuratorium durchgepeitscht" worden.

Vorwürfe, die der Direktor der Landeszentrale für politische Bildung, Jochen Schmidt, nicht nachvollziehen kann: "Die neuen Vorwürfe gehen ins Leere. Es ist doch allen klar, dass die DDR-Geschichte in Prora ein Thema sein muss." Der Verein Denk-Mal Prora sei nie ausgegrenzt, sondern immer in den Informationsfluss eingebunden worden. Vor der Vergabe des Bildungsauftrages an das "Prora-Zentrum e. V." im Juni habe man auch Wolter und dessen Verein Denk-Mal Prora zum Interessenbekundungs-Verfahren eingeladen.

Geht mit der Vereinsauflösung die Geschichte der Bausoldaten unter? Nein, sagt Dr. Stefan Wolter: "Wir haben ja viel erreicht." Man habe die Geschichte der Proraer Bausoldaten ins öffentliche Bewusstsein gerückt. Erhalten bleibe durch das Engagement auch ein Raum mit einer von Bausoldaten gemalten Rügenkarte. Die Zeitzeugen-Kontaktpflege im "Virtuellen Museum" werde man fortsetzen. Wolter: "Das Thema ist verankert, über die Darstellung ist zu reden."

Vielleicht sogar mit bisherigen Diskussionsgegnern? Landeszentrale-Direktor Schmidt will das nicht ausschließen, trotz der harten Worte: "Das Tischtuch ist nicht zerschnitten." Gute Vorschläge seien immer willkommen, denn "Leute, die sich um solche Themen kümmern, wachsen nicht auf Bäumen."

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erstellt am 30.Aug.2010 | 07:27 Uhr

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