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Fury in the Slaughterhouse : Ultimativer Pferderock

vom
Aus der Onlineredaktion

Fury In The Slaughterhouse machen in diesem Jahr eine Pause von der Pause. Am Donnerstag spielen sie auf der Freilichtbühne Schwerin.

svz.de von
erstellt am 16.Aug.2017 | 11:45 Uhr

Als die Band Fury In The Slaughterhouse sich 2008 auflöste, gaben die Mitglieder einander das Versprechen, alle fünf Jahre ein „Klassentreffen“ zu veranstalten. Gesagt, getan! 2013 spielten sie in ihrer Heimat Hannover vor 25 000 Menschen auf der Expo-Plaza. Das nächste Treffen hätte eigentlich erst 2018 angestanden, erklärt Sänger Kai Wingenfelder. „Beim Recherchieren ist mir aber aufgefallen, dass wir 2017 30 Jahre alt werden, also haben wir das Ganze ein Jahr vorverlegt.“ Innerhalb von zwei Tagen war die Arena in Hannover zweimal ausverkauft. „Als wir den Kartenvorverkauf gestartet haben und der so durch die Decke gegangen ist, konnten wir gar nicht mehr anders … Also haben wir beschlossen, alles, was wir sonst so machen, ein Jahr hinten an zu stellen und stattdessen Fury zu machen.“ Kein Comeback, so Wingenfelder, lediglich eine Pause von der Pause.

„Und wie die Leute sich freuen, dass wir wieder spielen! Völlig irre“, sagt der Sänger, „irgendwas haben wir scheinbar nicht ganz falsch gemacht, früher, als wir das noch richtig betrieben haben.“ Weil der Ansturm so enorm war, beschlossen die Furys eine Open-Air-Tour dranzuhängen. Morgen Abend (20 Uhr) spielt die Band auch auf der Schweriner Freilichtbühne. Eines der wenigen Konzerte in Ostdeutschland. Auf ihrer Facebookseite konnten sich Fans zehn Lieblingslieder wünschen, die auf der Setlist stehen, verspricht Kai Wingenfelder.

Ihr erstes Konzert spielte die Gruppe Silvester 1986 im Jugendtreff Godshorn bei Hannover. Nicht mal einen Bandnamen gab es damals, wie sich Gitarrist Thorsten Wingenfelder erinnert. Eigentlich wollte man den Namen immer ändern. Wer will schon nach einem Pferd aus einer US-Kinderserie benannt sein? „In Amerika haben uns wegen des Namens alle für eine Death- Metal-Band gehalten“, erklären die Brüder im Duett. Aber irgendwann war es dann zu spät, der Erfolg da, der Gaul durchgegangen.

Schon das Debütalbum „Fury In The Slaughterhouse“ (1988) war ein Geheimtipp. Die Neue Deutsche Welle war gerade überstanden, MTV in den meisten (West-)Haushalten noch nicht zu empfangen, Madonna und Michael Jackson stürmten die Hitparaden. Da kam eine junge Band aus Hannover und machte gute alte Rockmusik, ohne Schnickschnack. Alle, die auf Gitarren standen, atmeten auf. Das war kein Schweinerock, das war Pferderock, der Name legt es nahe. „Kick It Out“ oder „No Man’s Land“ gingen bei Livekonzerten ordentlich ab und Balladen wie „Time To Wonder“ oder „Then She Said“ lassen sich heute noch gut hören.

Fury tourte als Vorgruppe der Pogues durch die Bundesrepublik. Deren trinkfreudiger Sänger Shane McGowan soll sie mal als „Best Supporting Act Ever“ bezeichnet haben. Was nicht ganz verkehrt ist. Die meisten Konzertbesucher hatten den Namen vorher nie gehört. Danach merkten sie ihn sich.

Live kam die Musik noch viel kraftvoller rüber. Thorsten Wingenfelder ließ seinen Arm windmühlenartig wie einst Pete Townshend (The Who) durch die Luft wirbeln und schlug auf sein Instrument ein. Während der zweite Gitarrist Christof Stein-Schneider mit Fluppe im Mund cooler als Keith Richards sein wollte. Egal, auf welches Festival man kam, immer spielte Fury. Unermüdlich tingelte die Band durch die Provinz.

Beim zweiten Album mit dem uncoolen Titel „Jau“ (1990) hatten sie schon ihre feste Fangemeinde. Der Song „Won’t Forget These Days“ wurde zur ersten Hymne und weckte kurz nach der Wende auch im Osten Assoziationen. Obwohl es sich dabei um eine ganz allgemeingültige Ode an die Jugend handelt, die gar nichts mit dem Mauerfall zu tun hat. Wie dem auch sei: Ganz sicher einer der besten Songs von Fury.

Mit „Hooka Hey“ (1991) knüpfte die Band nahtlos an und ging diesen Weg konsequent weiter. Melodischer Rock, der sich beim ersten Hören mitsingen lässt wie „Cut Myself Into Pieces“, wunderschöne akustische Balladen wie „Trapped Today, Trapped Tomorrow“ und schier unanhörbare Partyknaller wie „Anthem Of The Handsome Ransome“. Kai Wingenfelders Englisch klang immer noch Deutsch, die Rhythmusgruppe um Christian Decker (Bass) und Rainer Schumann (Drums) im Studio irgendwie unprofessionell. Aber die Songs gingen ins Ohr. Genauso bei „Mono“ (1993), mit dem Fury auch Amerika erobern wollte. Das Album war der kommerzielle Höhepunkt. „Radio Orchid“ und „Every Generation Got It’s Own Disease“ liefen hoch und runter im Radio. Und „When I’m Dead And Gone“ mit Country-Einfluss zielte aufs US-Publikum.

Alle zwei Jahre kam ein neues Album. Nichts wirklich Nennenswertes war mehr dabei. In der Kritik wurde Fury jetzt abgeschlachtet. Künstlerischer Tiefpunkt war die schmalzige Americana-Nummer „Homesick“ und der tote Reggae-Track „Midnight Rider“. Die Trennung 2008 war nur folgerichtig. „Zwar haben die Live-Auftritte immer noch gut funktioniert, aber es fehlte die Seele“, sagte Wingenfelder damals. „Wäre es so weitergegangen, hätten wir auch uns verloren.“

Umso überraschender war es, als bekannt wurde, dass der Sampler „30 – The Ultimative Best Of Collection“ (Another Dimension/Sony) neben 30 Hits sechs neue Songs und zwei Remixes enthält. Das neue Material ist gar nicht mal schlecht. Abgesehen vom beliebigen „My Personal Everest“ und „Words“ mit schrammeligem Banjo lässt sich Fury nach zehn Jahren Pause direkt wieder hören. In „Dance On The Frontline“ heißt es, die Zeit sei ein Bastard und kennt kein Pardon, aber halte an deinen Träumen fest und tanze weiter an der Front. Ob das ein Versprechen für die Zukunft ist?

Kai Wingenfelder wiegelt ab. Ein ganzes Album soll es nicht geben: „Das Risiko, dass wieder irgendwas anbrennt, ist da. Wir wollen diese kleine Pflanze, die gerade sprießt, und uns wahnsinnig viel Spaß macht, jetzt am Leben erhalten.“

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