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Mecklenburg-Vorpommern

18. November 2017 | 15:15 Uhr

Über KZ-Tod des Großvaters berichtet

vom

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erstellt am 27.Jan.2011 | 06:20 Uhr

Ludwigslust | Vor dem Ludwigsluster Landratsamt wehten am gestrigen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus die Fahnen auf Halbmast. Drinnen, im Kreistagssaal, erzählte die Niederländerin Elma Gaasbeek aus dem Leben ihres Großvaters Cornelis Jan Gaasbeek. Ein ebenso kurzes wie dramatisches Leben. Nachdem Widerstandskämpfer 1944 im niederländischen Dorf Putten einen Anschlag auf ein deutsches Militärfahrzeug verübt hatten, verhafteten deutsche Soldaten sämtliche Männer des Ortes. 661 Männer wurden verschleppt. Darunter auch Cornelis Jan Gaasbeek. Mit dem Anschlag hatte der Niederländer nichts zu tun. "Er war einfach zur falschen Zeit am falschen Ort", sagte Dr. Carina Baganz, Vorsitzende des Fördervereins der Mahn- und Gedenkstätten Wöbbelin, die das Gespräch moderierte. Deutsche Soldaten brachten Cornelis Jan Gaasbeek erst ins Konzentrationslager Neuengamme, schließlich ins Konzentrationslager Wöbbelin. Am 2. Mai 1945 befreiten amerikanische Soldaten das KZ. Auch Gaasbeek erlebte diesen Tag noch, doch sein Körper war von Misshandlungen und Hunger so schwach, dass er einige Tage später in Ludwigslust starb.

Doppelter Schlag für die Familie

Für seine Familie in den Niederlanden ein doppelter Schlag: "Erst hieß es, dass er das Lager überlebt habe und seine vier Kinder freuten sich und tanzten", brachte Enkelin Elma Gaasbeek in Erfahrung. Einige Tage später überbrachte ein ehemaliger Mitgefangener des Vaters die Nachricht von dessen Tod. Am Tag seines Todes war er erst 32 Jahre alt. 552 der 661 aus Putten verschleppten Männer kehrten nie in ihre Heimat zurück. Nach Kriegsende wurde der Ort das Dorf der Witwen und Waisen genannt.

"Danach sprach von dem Großvater niemand mehr", erinnert sich Elma Gaasbeek. Zu schwer war die Erinnerung. Doch obwohl die Kulturwissenschaftlerin ihren Großvater nie kennenlernte, entwickelte sie eine ganz besondere Beziehung zu ihm. Sie machte sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit, seiner Haft, seinem Tag. Sie fuhr nach Wöbbelin, besuchte die Orte der Demütigung und des Untergangs, die ihrem Großvater das Leben gekostet hatten. "Es war ein Gefühl von Lernen und Erfahren", sagt die Niederländerin. In erster Linie sei es kein Gefühl der Trauer gewesen, sondern das Gefühl, endlich der Frage nachzugehen: Was ist dort geschehen. Sie habe mit der Gedenkstätte in Wöbbelin viele gute Erfahrungen gemacht.

"Gedenktage allein reichen nicht aus"

Moderatorin Dr. Carina Baganz betonte, dass die Generation der Zeitzeugen immer kleiner werde und deshalb die Erinnerungen der Kinder- und Enkelkinder immer stärker in den Vordergrund rücken würden. Landrat Rolf Christiansen betonte, dass die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit vielschichtig sein müssten. "Gedenktage allein reichen nicht aus", so Christiansen. Die Erziehung zu Toleranz und das Kennenlernen fremder Kulturen sei besonders wichtig. Der Landrat bedankte sich bei dem Zeitzeugen Erich Kary, Überlebender der Konzentrationslager Auschwitz, Mittelbau-Dora, Ravensbrück und Wöbbelin. Durch seine Arbeit mit Schülern werde die Geschichte für Kinder und Jugendliche begreifbarer.


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