MV-Tag in Stralsund : Typisch MV: Traditionell und "einfach cool"

<strong>Schiffe gehören selbstredend</strong> zu einem richtigen MV-Tag dazu. In Stralsund präsentierte sich das Land natürlich auch von seiner maritimen Seite. <foto>Foto: dpa</foto>
1 von 5
Schiffe gehören selbstredend zu einem richtigen MV-Tag dazu. In Stralsund präsentierte sich das Land natürlich auch von seiner maritimen Seite. Foto: dpa

Mecklenburg-Vorpommern mag es maritim: In Stralsund feierte sich das Land dieses Wochenende am MV-Tag vor historischer Kulisse. Das Fest ist nach Ansicht von Ministerpräsident Sellering ein Schaufenster des Landes.

svz.de von
01. Juli 2012, 07:26 Uhr

Stralsund | Nur zögerlich steigt Helga Duchow in diesen Bus. Doch dann siegt die Neugier. Ein ganz schmaler Gang, winzige, mit Edelstahl ausgekleidete Zellen. "Dass ich hier mal reinkomme, da wär’ ich in meinen schlimmsten Albträumen nicht drauf gekommen", sagt sie. Und dann will sie auch gleich wieder raus aus Mecklenburg-Vorpommerns Gefangenentransporter.

"Wir sind praktisch jede Woche fast 1000 Kilometer zum Gefangenaustausch zwischen den Anstalten des Landes unterwegs", erklärt Justizvollzugsbeamter Volker Döbler der Besucherin, die an diesem Sonnabend mit ihrer Schwägerin über die Festmeilen zum MV-Tag in Stralsund bummelt. Bis zu 27 Gefangene könnten in den Einzel-, Zweier-, Vierer- und Fünfer-Zellen des modernen Spezialbusses untergebracht werden, von den beiden Fahrern und einem Begleitwachmann getrennt durch Spezialtüren und Gitter. "Ein bisschen unheimlich", sagt die Frau: "Aber der Bus scheint sehr sicher."

Exklusiv-Einblicke: "Einfach cool"

Seltene Exklusiv-Einblicke hinter allerlei Kulissen wie diese gab es viele an diesem Wochenende zum Mecklenburg-Vorpommern-Tag in Stralsund. "Alle paar Meter etwas Neues, was man so noch nicht kannte", schwärmt Helga Duchow, die seit 43 Jahren in Stralsund wohnt und mit ihrer Schwägerin zwei Tage lang Altstadt und Hafeninsel erkundet. Jung und Alt sind unterwegs. 200 Meter vom Gefangenenbus entfernt, am Stand der Zollverwaltung, finden es ein paar Dreikäsehoch "einfach cool", was die Beamten da bei Grenzkontrollen des Landes "hochgezogen" haben: einen Schwertwalzahn, eine Pilzkoralle, eine Handtasche aus Krokodilsleder, gefälschtes Marken-Parfüm und Waffen. Ein Trupp Studenten flaniert etwas geschafft die Kaikante entlang. Die Nacht sei kurz gewesen, sagt einer von ihnen: "Wir haben gefeiert, im heftigsten Gewitter zum Open-Air-Konzert von Los Colorados, Marquess und Cascada!"

Dem Regierungschef sieht man die Müdigkeit dagegen nicht an. Gerade erst von der nächtlichen Bundesratssitzung über Fiskalpakt und EU-Rettungsschirm zurück, macht Erwin Sellering mit Ehefrau Britta die Runde durch das marktähnliche Treiben. Stralsund sei ein hervorragender Gastgeber des zehnten Landestages, sagt er. "Wie kaum eine anderer Ort verkörpere die UNESCO-Weltkulturerbe-Stadt Tradition mit Moderne." Auch seine Landesregierung sei präsent. Im Regierungszelt, wo Minister den Gästen Rede und Antwort stehen, stellt das Umweltministerium das neue digitale Geländemodell der Küste vor. Das Innenressort informiert über aktuelle Hackerangriffe, und das Finanzministerium über moderne Online-Steuererklärungspro gramme.

Tausende Besucher, unter ihnen viele Gäste aus der Urlauberregion und Sportbootbesatzungen, genießen das maritime Flair. Abseits der Fest- und Infomeilen ruhen einige auf einer Wiese in blauen Liegestühlen mit dem Slogan "MV tut gut" und löffeln aus großen Kübeln Eintopf eines Restaurants am Strelasund. Etwas weiter, auf der Strandpromenade der Hansestadt, haben sich zwei Dutzend ältere Herren an eine lange Tafel gesetzt. Umgeben von einigen Schaulustigen, liefern sie sich mehr oder weniger packende Schachpartien.

Turbulenter geht es im Sport- und Kinderland am Hansa-Gymnasium zu, wo die Kleinsten auf einer riesigen Hüpfburg toben. Für Begeisterung sorgt eine 60 Quadratmeter große Eisenbahnanlage der Bahn AG, auf der dreijährige Knirpse die Weichen für Elektroloks stellen, die durch Landschaften mit den Wahrzeichen Mecklenburg-Vorpommerns rattern.

Auch die Originale des Landes präsentieren sich im bunt-fröhlichen Gewimmel. In historischen Spinnerinnen-Trachten flanieren Andrea Krause und Roswitha Lindow von der Sagen- und Märchenstraße durch die Stadt, im Schlepptau das Petermännchen, Schwerins Schlossgeist, die Kräuterhexe aus Boizenburg und die beiden Riesen aus Neustadt-Glewe. Zum Hingucker und beliebten Fotomotiv aber hat sich Moung-Yul Braun vom Hotel "Pommern-Mühle" aus Ueckermünde herausgeputzt. Auf ihrem Kopf thront ein riesiger Mecklenburg-Vorpommern-Hut mit einem Storchenpaar auf der Spitze. Auf der Hutkrempe sind ein Leuchtturm, mehrere Segelschiffchen, eine Holländer-Mühle und allerlei Landwirtschafts-Getier zu sehen. "Ich habe mit meiner Schneiderin monatelang an diesem Landeshut gebastelt", sagt die gebürtige Koreanerin, die 1997 nach Mecklenburg-Vorpommern kam und seitdem kräftig die Werbetrommel für die Region am Stettiner Haff rührt.

Zum unumstrittenen Highlight des Mecklenburg-Vorpommern-Tages gehört in diesem Jahr das erstmals ausgetragene Wissenschaftsfestival, bei dem sich alle Hochschulen, Institute und Forschungseinrichtungen des Landes präsentieren, darunter das neue Schülerweltraumlabor des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Neustrelitz. Gleich neben dem erst im April dieses Jahres in Dienst gestellten Fischereiforschungsschiff "Clupea" stellen Wissenschaftler und Studenten in einem Großzelt neueste "Forschungsprojekte made in M-V" vor. Bei Jazz-Klängen informieren sich auffallend viele junge Menschen über Neues aus den Forschungs-Tempeln des Landes.

Am Stand der Fachhochschule Stralsund zum Beispiel weckt ein spinnenartiges Flugobjekt die Neugier der Gäste. Das sei eine Art Drohne, erklärt ein Student. Ein Prototyp, zusammengesetzt aus einem Bausatz, aber ausgerüstet mit allerlei Spezialtechnik wie Sensoren zum Aufspüren giftiger Gase wie Kohlenmonoxid. "Solche Drohnen könnten zum Beispiel bei Katastropheneinsätzen in gefährlicher Umgebung nützlich sein."

Auch Greifswalds Archäologen haben sich etwas einfallen lassen, um den Nachwuchs für ihre oft mühsamen Ausgrabungen zu gewinnen. Dazu haben Studenten vom Institut für Ur- und Frühgeschichte in einem kleinen Sandkasten allerlei Fundstücke verbuddelt. Unter fachlicher Anleitung legen nun Interessenten mit Pinsel und Kelle die Relikte frei und dokumentieren auf Millimeterpapier ihre Entdeckungen. Gleich nebenan informiert Institutschef Professor Thomas Terberger über die sensationellen Funde bronzezeitlicher Gold- und Zinnringe im vergangenen Jahr im Tollensetal.

Stralsunds Mecklenburg-Vorpommern-Tag sei ein voller Erfolg gewesen, konstatiert die Chefin vom Organisationsteam MV Event, Martina Hildebrandt, zum Abschluss am Sonntag. Schätzungsweise 80 000 Besucher seien an den Sund gekommen. Das nächste Landesfest solle es 2014 in Neustrelitz geben.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen