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Mecklenburg-Vorpommern

23. November 2017 | 10:39 Uhr

Die „letzten Zeugen“ : Typisch DDR

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Woran erinnern Sie sich… Plattenbau, Bückware oder doch der Wartburg? Auf der Suche nach den „letzten Zeugen“ der DDR sind schon mehr als ein Dutzend Zuschriften eingegangen.

svz.de von
erstellt am 16.Mai.2015 | 15:45 Uhr

Auf der Suche nach den „letzten Zeugen“ der DDR unterstützen wir die Rostockerin Prof. Katja Koch. Für ihr geplantes Buchprojekt sind schon mehr als ein Dutzend Zuschriften bei uns eingegangen, in denen die Absender sich an Typisches aus dem DDR-Alltag erinnern. Idealerweise sind die kurzen Geschichten an einem bestimmten, für die Zeit prägenden Begriff festgemacht.

Kennen auch Sie solche Begriffe oder erinnern Sie sich an Geschichten, die nicht vergessen werden sollten? Dann schreiben Sie uns.

Beiträge sollten nicht länger als eine A4-Seite sein. Jede Zuschrift sollte Ihre vollständige Anschrift und eine Mailadresse oder Telefonnummer für Nachfragen enthalten. Zur zeitlichen Einordnung ist außerdem Ihr Geburtsjahr wichtig. Mit der Einsendung erklären Sie sich mit einer Veröffentlichung in unserer Zeitung und einer eventuellen Publikation von Katja Koch einverstanden.

Zuschriften richten Sie bitte unter dem Kennwort „Die letzten Zeugen“ per Mail an mantel@medienhausnord.de oder auf dem Postweg an das medienhaus:nord, Gutenbergstraße 1, 19061 Schwerin.

 

Unterrichtstag in der Produktion

von Kerstin Schnegula, Rostock

Ich komme aus einer Kleinstadt im Havelland. Kam man in unser heimisches Premnitz, erblickte man einen riesigen Industriekomplex. Unser Havelstädtchen hatte in seinen besten Zeiten knapp 12 000 Einwohner. In unserem Chemiefaserwerk waren bis zur Wende über 7000 Angestellte und Arbeiter tätig.

Unser riesiger Chemiebetrieb war ab der 7. Klasse auch der Arbeitsstandort für uns Schüler. Zweimal im Monat hatten wir dort unseren Unterrichtstag in der Produktion (UTP) zu absolvieren. Da es bei den Konsumgütern Engpässe gab, wurden wir in der Kassettenproduktion eingesetzt. Fast jeder Schüler hatte spätestens nach der Jugendweihe oder der Konfirmation einen Kassettenrecorder. Die Kassetten für dieses Gerät kosteten mindestens 20 Mark. Wir Schüler hatten das Glück, dass wir an der „Quelle“ saßen. Kassetten mit kleinen Fehlern konnten wir schon für 10,75 Mark erwerben. Obwohl die Arbeit sehr eintönig war, war sie beliebter als das Fach ESP (Einführung in die sozialistische Produktion). In ESP, das zusammen mit TZ (Technisches Zeichnen) zweimal im Monat Pflichtprogramm für die Schüler ab Klasse 7 war, schrieben wir oft Arbeiten. In PA (Praktische Arbeit) wurden wir hingegen vorwiegend als Arbeitskräfte eingesetzt. Für die Ferienarbeit konnte man sich auch bewerben und wurde dann meist in der Spinnerei eingesetzt. In drei Wochen konnte man da gut verdienen, denn zu meiner Zeit gab es für die Abiturienten der 11. und 12. Klasse noch kein Geld. Das kam erst später den Schülern nach uns zugute. Einige von den Kassetten besitze ich noch heute. Sie erinnern mich an meine Zeit als Schülerin im Chemiefaserwerk „Friedrich Engels“ in Premnitz. Vom Chemiefaserwerk ist heute nicht mehr viel übrig geblieben, und auch meine geliebte Heimatstadt hat ein Drittel ihrer Einwohner verloren. Die Industriestadt von einst ist nun wieder eine beschauliche Kleinstadt.

 

Autofreuden – Autosorgen

von Otto Ringel, Hagenow

1960 wurde ich mit der Leitung der HO-Fahrzeugverkaufsstelle in Hagenow betraut. Über diese Handelseinrichtung lief der gesamte Pkw-Verkauf für den Kreis Hagenow. Ich verkaufte im Jahr durchschnittlich 220 Autos, davon 150 vom Typ Trabant. Die Freude der neuen Autobesitzer nach der langen Wartezeit war unbeschreiblich. Häufig reiste die halbe Familie mit an.

Meist bezahlten die Kunden in bar. Ich erinnere mich an einen Kunden, der ein Bündel Geldscheine aus der Aktentasche zog und sie mir reichte. Die Scheine waren derart stumpf, dass sie sich kaum zählen ließen. Der Käufer entschuldigte sich, er habe das Geld jahrelang zu Hause gehortet und mit viel Mottenpulver bestäubt, damit es vor Schädlingen sicher sei.

Eines Tages war ich auf dem Bahnhof mit dem Entladen von Trabants beschäftigt. Die Rückwand des Waggons war derart verzogen, dass es mir nicht gelang, sie herunterzuklappen. Da in der Nähe ein Trupp sowjetischer Soldaten beim Kohlen entladen war, ging ich zu ihnen und bat um Hilfe. Sie begriffen und kamen mit. Sechs Mann packten den ersten Wagen, hoben ihn hoch, bugsierten ihn über die Seitenwand des Waggons und stellten ihn auf der Rampe ab. So ging es auch mit den anderen Autos. Da, wo ich nicht schnell genug die Holzklötze und die Krampen gelöst hatte, rissen sie mit brachialer Gewalt den Trabant aus der Verankerung. Den Soldaten machte diese Arbeit sichtlich Freude. So schnell hatte ich noch nie zwei Waggons entladen. Schade, ich hätte mich gern mit einer Flasche Wodka bedankt.

 

In der Berliner Markthalle

von Manfred Basedow, Rostock

Meine Familie lebte schon immer in Mecklenburg-Vorpommern. Seit 1973 war Rostock unser Zuhause. Die Hansestadt Rostock war damals die Hauptstadt des Bezirkes Rostock und gehörte zu den ehemaligen drei Bezirken Schwerin, Rostock und Neubrandenburg.

In unseren HO-Kaufhallen gab es fast nur gewöhnliche Nahrungsmittel. Besonderes wurde oft schon unter den Verkäufern aufgeteilt, weil diese Artikelmengen so knapp bemessen waren, dass die Kunden sich mehr geärgert hätten. Oder sie wurden als so genannte Bückware für „besondere Kunden“ zurückgehalten.

Wollten wir normalen Bürger wirklich mal etwas anderes auf den Tisch stellen, war viel Einfallsreichtum von Nöten. So luden wir alle Einkaufstaschen, Beutel und Trollis in unseren roten Trabant 601 und fuhren auf der Autobahn von Rostock nach Berlin…

Dann betraten wir zum ersten Mal die gigantisch große Markthalle von Berlin. Sie war riesig groß und war mit tausenden Kiosken aus Glas und Holz bestückt, die uns als Kunden wie in ein Labyrinth versetzt, vorkam.

Wir hatten vorrangig zwei Artikel, auf die wir aus waren, denn genau diese waren im Rest der Republik Mangelware. An einem Stand gab es polnische Erdbeeren eingeweckt im Konservenglas.…

Der Rest der Familie suchte nun nach dem Kiosk, wo die grünen schlanken Paprikaschoten aus Ungarn verkauft wurden. Gefüllte Paprikaschoten waren eine sehr beliebte Delikatesse, für die die DDR Bürger gern Schlange standen. Nachdem wir alle Einkäufe in der Berliner Markthalle erledigt hatten, wurde es Zeit für einen kleinen Snack.
Am Berliner Fernsehturm in der Nähe vom Roten Rathaus gab es Imbissbuden, die Hamburger und Hotdogs anboten.
Doch in der ehemaligen Hauptstadt der DDR Berlin wurden diese Hamburger Grilletts genannt, weil sie keinen Ärger mit der großen amerikanischen Handelskette riskieren konnten. Devisen waren in unserer Republik schließlich immer knapp.

Nach dieser für uns erfolgreich verlaufenden Shoppingtour a la DDR Bürger, bei der wir uns freiwillig in die sozialistische Wartegemeinschaft (DDR-Humor für Schlangestehen) einreihten, traten wir wieder die Heimreise im roten Trabbi nach Rostock an.
Diese Art Tour wiederholten wir bis zum Ende der ehemaligen DDR mindestens zweimal im Jahr. Manche Nichtberliner kannten sich in der Hauptstadt oft besser aus als mancher Berliner.
Davon konnte ich mich selbst überzeugen, als ich im Jahr 1976 mit dem Bezirksmusikkorps der Freien Deutschen Jugend (FDJ) Rostock nach Berlin reiste, wo wir für den IX. Parteitag der SED vor dem Palast der Republik auftreten sollten.
Ich war in der Familie eines Berliner Taxifahrers privat untergebracht. Als ich ihnen erzählte, wie oft ich mit dem Musikkorps, meinen Schulklassen während der Jugendweihefahrten und mit meiner Familie in Berlin war, sagten die: „Ob du es glaubst oder nicht. Wir waren noch nie auf dem Fernsehturm, obwohl wir hier schon immer leben.“

 

Haushaltstag und mehr

von Heidrun Sager, Banzkow

Auf den Haushaltstag habe ich mich immer gefreut. Nicht weil ich dann den ganzen Tag putzen oder waschen wollte, das habe ich vorher erledigt, aber ich hatte einen Tag für mich. Die Kinder waren ja im Kindergarten oder in der Schule. Manchmal konnten wir auch zwei Haushaltstage zusammenlegen, am letzten und am ersten Tag des Monats, dann hatten wir gleich zwei freie Tage.

Immer Silastiknetz oder Gummitasche dabei – es könnte ja etwas geben, was man sonst nicht bekommt – z. B. Tomaten, Gurken, Bananen oder zu Weihnachten Nüsse oder Apfelsinen. Essenträger – das war ein kleiner Aluminiumeimer mit ein oder zwei Einsätzen. Mein Vater war damals Zugführer bei der Deutschen Reichsbahn. Wenn am Sonntagmittag der Zug in unserem Dorf hielt, habe ich ihm das Mittagessen im Essenträger gebracht.

Wer bauen wollte, musste schon gute Beziehungen haben. Wenn man aber eine sogenannte Freigabe vom Bürgermeister hatte, kam man schneller an Baumaterial.

Was in der DDR der Kulturbeutel war, ist heute die Waschtasche.

Die Ferienspiele waren immer toll. Wir haben Hütten im Wald gebaut von morgens bis abends, mit den Jahren wurde ein kleines Hüttendorf daraus. Dort haben wir auch mal übernachtet. Die Frauen aus der LPG-Küche haben uns mittags Essen gebracht und wenn wir abends singend nach Hause kamen, gab es Klappstullen von ihnen.

 

Kredite vor und nach der Wende

von Manfred Krueger, Banzkow

Im Zusammenhang mit der Veränderung meiner Arbeitsstelle kauften wir im Juli 1989 ein Haus, welches 1981 von einem jungen Ehepaar erbaut worden war. Auf diesem Eigenheim war noch ein Baukredit bei der „Bank für Landwirtschaft und Nahrungsgüterwirtschaft der DDR“ eingetragen, welchen wir übernahmen. Diese Kredite wurden an junge Eigenheimbauer mit null Prozent Zinsen vergeben und es blieb auch so nach dem Kauf für uns.

Am 22.08.1990 erhielten wir von der Raiffeisenbank und Handelsgenossenschaft e.G. folgendes Schreiben: „Sehr geehrter Kreditnehmer! Mit dem Wirksamwerden des Staatsvertrages wurden alle bisher geltenden Rechtsvorschriften für die Gewährung von Krediten außer Kraft gesetzt. Die Zinsen werden ab Juli 1990 entsprechend marktwirtschaftlichen Erfordernissen auch für alle bisher ausgereichten Kredite neu festgelegt. Mit Wirkung vom 1.7.1990 werden Ihnen nach der erfolgten Umstellung im Verhältnis von 2:1 für die Bestände auf Ihren Kreditkonten bis auf weiteres Zinsen in Höhe von 9,2 Prozent pro Jahr berechnet.
Die Höhe der Rückzahlungsraten ersehen Sie aus den beiliegenden Kontoauszügen. Bei Zahlungsproblemen wenden Sie sich bitte vertrauensvoll an unsere Kreditabteilung. Wir prüfen dann, ob eine Reduzierung der Raten möglich ist.
Mit freundlichen Grüßen“

Auf diese Grüße hätten wir gerne verzichtet. Wir trennten uns von vielen Dingen, um die Kreditsumme zu verkleinern. Es tat manchmal weh.

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