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Schwerinerin in Chile : Typisch chilenisch und „hasta luego“

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Schwerinerin Marie Eckermann zieht ein Resümee ihres einjährigen Aufenthalts im Andenland

svz.de von
erstellt am 29.Aug.2017 | 12:00 Uhr

Die Schwerinerin Marie Eckermann hat zwölf Monate in der Stadt Santa Bárbara im Zentrum Chiles gelebt und dort in einem Heim gearbeitet. Ein Jahr lang berichtete sie regelmäßig für die „Schweriner Volkszeitung“.

Heute teilt sie zum letzten Mal ihre Erlebnisse in diesem fernen Land.

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Ein Sonnabendabend in Chile. „Wann treffen wir uns für die Party?“ „Ein Weilchen später werde ich dich abholen, um 20 Uhr.“ Eigentlich eine ganz normale Verabredung. Doch in Chile muss man eines beachten: Die „hora chilena“, das typisch chilenische Zeitmanagement. Dem überpünktlichen deutschen Normalbürger fällt die Gewöhnung an dieses nicht ganz leicht, denn meistens bleibt es nicht bei der verabredeten Uhrzeit. Aus 20 Uhr wird dann 22 Uhr – und niemand ärgert sich über die Verspätung, denn keiner rechnet mit Pünktlichkeit.

In Chile wird kaum etwas weit vorausgeplant, sondern spontan erledigt. Ich finde diese Lebensart sympathisch, denn sie bedeutet: Genieße und lebe die Gegenwart in vollen Zügen.

Höchste Bedeutung kommt in Chile dem Leben in der Gemeinschaft zu. Es wird gerne gegessen und getrunken, vor allem in Familie. Nebenbei ist stets der Fernseher oder das Radio angeschaltet, damit es bloß nicht zu leise im Haus ist. Die gemeinsamen Erlebnisse zählen mehr als das akribische Achten auf das Höchstmaß an Tageskalorien, auf Feiern wird traditionell Karaoke gesungen und im Wohnzimmer bis zum Sonnenaufgang zu Reggaeton- Musik oder alten südamerikanischen Schlagern getanzt. Richtig jung wird jeder Chilene neben dem Tanzen auch beim Fußball.

Ebenso gemeinschaftsstiftend sind traditionelle Rodeowettkämpfe, denen von der Tribühne aus zugeschaut wird. Dabei tragen die Reiter die „Huaso“-Kleidung, die aus Poncho, Hut, kniehohen Lederlappen und Sporen besteht. Ein Huaso ist etwa mit einem amerikanischen Cowboy zu vergleichen und Teil der chilenischen Folklorekultur. Traditionen sind den Chilenen wichtig.

Ich habe während meines Aufenthaltes gelernt, Menschen mehr zu vertrauen. Während meiner letzten großen Reise durch den Norden Chiles und die Atacamawüste saß ich nachts in einem Reisebus und wurde wie alle anderen Passagiere aufgefordert, den Bus zu verlassen und das Gepäck drinnen zu lassen. Ich war verunsichert, denn nach der groben Information, dass etwas mit dem Tank nicht in Ordnung sei, verschwand der Bus und ließ uns ratlos am Terminal zurück. Die chilenischen Passagiere überbrückten die Wartezeit, während europäische Touristen sich sehr aufregten. Nach einer Stunde kehrte der Bus samt Gepäck und vollem Tank zurück und wir konnten weiterfahren.

Rodeowettkämpfe sind sehr beliebt.
Rodeowettkämpfe sind sehr beliebt.
 

Familie ist die wichtigste Basis des Lebens in Chile. Deshalb wohnen viele junge Leute bis zur eigenen Familiengründung bei ihren Eltern im Haus. Man hilft sich und hat überall Kontakte. Wenn ich an einem fremden Ort eine Unterkunft brauchte, wurden sofort jegliche Verwandte und Bekannte gefragt, ob sie nicht eine reisende Freundin beherbergen könnten. Die meisten sind unglaublich offen und empfangen einen nach dem Motto: „Mi casa es tu casa“(„‚Mein Haus ist dein Haus.“) Auch Selbstlosigkeit ist eine typische Eigenschaft der Chilenen. Zu geben ist enorm wichtig, sei es durch das Streicheln eines Straßenhundes oder einfach durch den liebevollen Umgang mit Mitmenschen. Man grüßt sich freundlich und erkundigt sich nach dem Befinden des Gegenübers. Möchte man sich in Chile wohlfühlen, muss man seine eigenen Maßstäbe hinsichtlich gewohnter europäischer Perfektion heruntersetzen. Auf die Straße herunterhängende Stromkabel oder fehlende Sicherheitsgurte in Sammeltaxen stören hier niemanden. Bei Sturm gibt es oftmals Stromausfall.

Leider musste ich im Juni auch die Erfahrung eines Einbruchs in das Haus meiner Gastfamilie machen. Neben Kamera und Rucksack wurde auch mein Laptop gestohlen, weshalb ich längere Zeit keinen Zeitungsartikel mehr schreiben konnte. So schlimm sich der Diebstahl anfangs für mich auch anfühlte – ich konnte für alles einen improvisierten Ersatz finden und habe ein anderes Gefühl für die Wichtigkeit materieller Gegenstände bekommen. Dieses negative Ereignis überschattet auf keinen Fall die zahlreichen wunderbaren Erfahrungen mit den Chilenen. Während des Jahres habe ich die Chilenen als wunderbar herzliche und lebenslustige Menschen erlebt und bin sehr froh, diese Mentalität nun teilweise in mir aufgenommen zu haben!

Für mich geht nun ein Jahr in Chile zu Ende. Ich habe ein Abenteuer gewagt, welches spannender und intensiver für mich nicht hätte sein können. Ich habe sowohl viel über andere Menschen als auch über mich selbst gelernt und bin persönlich an vielen Herausforderungen gewachsen.

Anfangs erschien mir vieles fremd und ich verstand kaum ein Wort von dem chilenischen Spanisch. Nun wird es mir sehr schwerfallen, mich von all den mir liebgewonnenen Menschen auf eine unbestimmte Zeit zu verabschieden. Vielleicht wird es anfangs nicht ganz einfach, mich wieder in Deutschland einzuleben. Doch für mich beginnt nach meiner Rückkehr ein neuer Lebensabschnitt – ich werde mit einem Studium beginnen. Darauf freue ich mich natürlich schon sehr. Und der Abschied von Chile wird nicht für immer sein: Ganz sicher werde ich irgendwann zurückkehren in das Land „am Ende der Welt“, das mein zweites Zuhause geworden ist. „Hasta luego – Tschüss, bis bald!“

 

 

 


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