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Geschichte der Juden in MV : Twittern gegen das Vergessen

vom
Aus der Onlineredaktion

Gegen alle Widrigkeiten forscht der Genealoge Jürgen Gramenz über die Geschichte der Juden von Mecklenburg

svz.de von
erstellt am 11.Mär.2017 | 05:00 Uhr

„16.02.1942: #Waren (#Müritz) erklärt sich für „judenfrei“ oder „16.02.1910: Landesrabbiner Dr. phil. Gabriel Fabian Feilchenfeld gestorben“. So klingen die regelmäßigen Kurznachrichten des Profils „Juden in Mecklenburg“ auf Twitter. Doch hinter den kurzen Tweets steckt ein lang angelegtes Forschungsprojekt zur Geschichte der Juden von Mecklenburg.

Kernstück ist ein digitales Archiv mit aktuell 27 000 Personen. Ziel ist, die jüdische Geschichte von 66 Orten in der Region innerhalb des nächsten Jahres aufzuarbeiten. Aktuell sind es 35. „Mit dem Twitter-Account erinnern wir an ein historisches Ereignis jüdischer Geschichte am jeweiligen Tag“, sagt der Familienforscher Jürgen Gramenz aus Halle. Gemeinsam mit der Berlinerin Sylvia Ulmer startete er das Projekt 2011.

Seine digitale Datenbank veröffentlicht die Tweets automatisch, mit Hilfe eines selbst geschriebenen Programms. Seit Mai 2015 ist auch die Internetseite Juden-in-Mecklenburg.de online.

Gramenz arbeitet hauptberuflich als Entwickler für Finanzsoftware in Halle an der Saale. „Eigentlich hatte ich vorher mit Mecklenburg-Vorpommern nichts tun. Jetzt habe ich die Region schon unzählige Male besucht“, sagt er. Doch die Recherchen der beiden Hobbyforscher begannen mit Gegenwind: „Die Akten von Juden bekommen sie nicht“, hieß es 2011 im Rathaus von Hagenow. „Wir haben Nachkommen von Tätern im Ort und wollen keinen Unfrieden.“ Fassungslos war der Familienforscher nach dieser Ansage einer Mitarbeiterin der Behörde.

Seitdem stießen sie nicht nur in Hagenow auf Widerstände: „Juden gab es hier nicht. Die SA-Leute kamen von Außen, nicht aus unserem Ort. Der Holocaust ging an uns vorbei – so was hörten wir oft“, sagt Gramenz. „Und dagegen wollten wir etwas tun. Wir wollten beweisen: Auch hier gab es jüdisches Leben.“

Seit Jahren besuchen Gramenz und seine Mitstreiterin während ihrer Urlaube die Stadt- und Landesarchive Mecklenburg-Vorpommerns. Sie recherchieren in jüdischen Seelenbüchern, in Kirchenbüchern, Standesamts- und Volkszählungsverzeichnissen und Berichten von Holocaust-Überlebenden.

Bisher veröffentlichten sie drei Bücher. Jedes einzelne bezahlten sie aus eigener Tasche. „Die Recherchen für das erste Buch kosteten insgesamt 3000 Euro“, erzählt der Geneaologe. Woher kommt die Motivation für solch ein aufwendiges und kostspieliges Hobby?

Sie liegt auch im Geheimnis seiner eigenen Familie. Jürgen Gramenz arbeitet seit dem zwölften Lebensjahr an seinem Stammbaum. Bis ins 17. Jahrhundert verfolgte er die Spur seiner Ahnen zurück. Doch vor sieben Jahren änderte sich alles. Aus Neugier veranlasste er einen genealogischen DNA-Test: „Ich wollte einfach mal schauen, wen wir so in der Familie haben.“ Eine Firma in den USA verglich sein Erbgut mit einer riesigen Datenbank. Ergebnis: Sein Großvater wurde von der Familie adoptiert und hatte einen jüdischen leiblichen Vater. Für den Genealogen ein Schock: „Wir wussten bereits, dass mein Opa ab 1936 bei der Waffen-SS war, obwohl er in NS-Kategorien als sogenannter Halb-Jude galt. Sein richtiger Vater, also mein Uropa, war ein jüdischer Rechtsanwalt aus Berlin.“

Als wäre diese Entwicklung nicht schon verrückt genug, führte ihn erst ein Umweg über Hawaii nach Mecklenburg-Vorpommern. Die amerikanische Firma vermittelte Gramenz über den DNA-Test auch eine Verwandte, die auf der Pazifikinsel lebt. Sie besaß einen jüdischen Stammbaum aus der Region und überließ das Verzeichnis dem Deutschen.

Seitdem forscht Gramenz nach seinen jüdischen Vorfahren in MV. Die Familiengeschichte entwickelte sich zum Hobby und daraus wurde schließlich etwas Größeres.

Das Duo Gramenz und Ulmer will in fünf bis zehn Jahren das gesammelte Wissen in einem Gesamtband über die „Juden von Mecklenburg“ herausgeben. „Dies liegt aber noch in weiter Ferne. Wenn wir die Geschichte aller 66 Orte aufgearbeitet haben, werden wir anfangen, alle jüdischen Friedhöfe in Mecklenburg zu erfassen. Wir suchen auch immer Hinweise aus der Bevölkerung. Egal ob Anekdoten, alte Fotos, Biografien oder Friedhöfe. Alles, was vergessen werden könnte“, so Gramenz.

In Mecklenburg-Vorpommern erfuhren er und seine Mitstreiterin jedoch nicht nur Ablehnung. „Wir haben großartige Unterstützer gefunden. Viele Mitarbeiter von Ämtern halfen uns mit Begeisterung. Wichtige Partner waren auch das Hannah-Meinungen-Haus in Hagenow, das Max-Samuel-Haus in Rostock oder die Alte Synagoge in Röbel, um nur einige zu nennen.“, so Gramenz.

Der letzte Tweet gegen das Vergessen lautete übrigens: 08.03.1810: Praktischer Arzt Dr. med. Michael Liebmann geboren #Mecklenburg #MV.

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