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Mecklenburg-Vorpommern

23. Oktober 2017 | 13:49 Uhr

Rostock : Tückische Fallen unter Wasser

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Immer wieder reißen auf Fischerbooten Netze oder Teile davon ab und versinken in der Tiefe. Dort schweben sie dann oder liegen auf dem Grund. Um deren Bergung kümmert sich unter anderem die Umweltorganisation WWF.

svz.de von
erstellt am 18.Aug.2017 | 11:45 Uhr

Abgerissene Netze bleiben über Jahrhunderte gefährlich. Florian Hoffmann hat etwa sieben Tonnen in zwei Jahren aus dem Wasser geholt. Er ist nicht etwa Fischer, sondern Biologe. Und er will auch nicht Meerestiere fangen, sondern sogenannte Geisternetze.

Immer wieder reißen auf Fischerbooten Netze oder Teile davon ab und versinken in der Tiefe. Dort schweben sie dann oder liegen auf dem Grund. Gerade waren Hoffmann und zwei Kollegen wieder auf Unterwasser-Expedition, um solche Netze zu finden und zu dokumentieren – diesmal direkt hinter der Ostmole an der Hafenausfahrt von Warnemünde. Anhand von GPS-Koordinaten suchen sie den Meeresgrund ab.

„Wir haben tatsächlich ein großes Netz gefunden“, berichtet der Forschungstaucher. „Da wir aber nur mit einem kleinen Boot draußen waren, konnten wir es nicht bergen. Wir haben probiert, es zu schleppen, aber es war zu tief eingespült. Da müssen wir mit einem Fischkutter hin, denn die haben geeignete Technik an Bord.“ Wenigstens aber wurde das Geisternetz in vier Metern Tiefe fotografiert. Und eine große Plane, die die Taucher in der Nähe fanden, wurde gleich mit an Land genommen.

Die Initiative ging von Polen aus

Hoffmann arbeitet seit etwa fünf Jahren im Ostseebüro Stralsund des Worldwide Fund for Nature (WWF). Die Organisation kümmert sich um die Bergung der Geisternetze. In dem Projekt „MareLitt Baltic“ kooperieren Umweltexperten aus Deutschland, Schweden, Polen und Estland.

„Ins Leben gerufen haben es unsere polnischen Kollegen“, sagt Hoffmann. „Sie haben gemeinsam mit einheimischen Fischern den Meeresgrund abgesucht, um die alten Netze zu bergen.“ 300 Tonnen haben die Polen bereits aus der Ostsee geholt.

Die Informationen, wo solches Material liegen könnte, kommen meist von Fischern. Denn sie wissen, wo sie sie verloren haben. „Eines der Probleme ist, dass die Netze weiter fangen können“, erklärt Andrea Stolte, die sich beim WWF Stralsund ebenfalls mit diesem Thema beschäftigt. „Das heißt, Fische geraten hinein, werden aber nicht an Land geholt, also sinnlos getötet.“ Außerdem können sich Tauchvögel oder Meeressäuger wie Schweinswale und Robben darin verfangen und ertrinken.

Netze für Mensch, Tier und Technik gefährlich

Und auch für Mensch und Technik können die Geisternetze gefährlich werden, weiß die Umweltwissenschaftlerin: „Oft stehen die Netze im Wasser, dann können sich Surfer und Taucher darin verfangen. Oder das Material gerät in Schiffsschrauben, die dadurch beschädigt werden.“

Pro Jahr gehen bis zu
10 000 Teile in der Ostsee verloren, schätzen polnische und schwedische Experten. Schleppnetze reißen ab, wenn die See zu stürmisch ist oder wenn sie an Hindernissen wie Wracks oder großen Steinen hängenbleiben. „Deshalb gibt es in der Ostsee viele Wracks, die mit Netzen behangen sind“, sagt Stolte.

Durch GPS können die Fischer heutzutage solche Hindernisse besser vermeiden. Stellnetze an flacheren Abschnitten werden manchmal von vorbeifahrenden Booten oder Schiffen zerstört und sinken ab. „Die Fischer sagen, dafür reicht der Kiel eines Surfbretts.“ Wenn sie den Verlust bemerken, versuchen sie, das Netz wieder zu finden. „Da das Material relativ teuer ist, würden sie es natürlich gern zurückbekommen“, sagt Stolte. „Aber das ist oft schwierig, wenn es mitgeschleppt oder abgetrieben wurde.“

Sie erzählt von einem Fischer, der zwei Tage brauchte, um seine abgerissenen Netzreste zu finden, und dann zwölf Tage, um das Netz zu flicken. „Das bedeutete für ihn zwei Wochen Verdienstausfall. Aber wenn er es verloren gegeben hätte, wäre er pleite gewesen.“ Wenn die Fischer Reste von Stellnetzen am Grund liegen lassen, zerstören sie sich ihre eigenen Fanggründe. Deshalb wurden 2016 zwischen Ahlbeck und der polnischen Grenze massenhaft alte Stellnetze geborgen.

„In einem der Netze waren noch 60 Kilo Fisch, zwei Drittel davon tot. Die Geisternetze hatten also weitergefischt“, erzählt Stolte. Es kann mehrere Jahrhunderte dauern, ehe die Netze sich im Meerwasser zersetzen.

Um sie zu finden, werden eine spezielle Harke aus Polen und ein in Estland entwickelter Haken eingesetzt. Beides wird gerade in der Ostsee vor Mecklenburg-Vorpommern getestet. Vielleicht können dafür Fördergelder aus dem Europäischen Meeresfischerei-Fond eingesetzt werden.

Bergung gestaltet sich schwierig

„Die Unterstützung der Behörden ist uns wichtig, denn wir setzen bei der Suche bodenberührende Geräte ein, mit denen wir aber keine Schäden anrichten wollen“, sagt Taucher Florian Hoffmann. Eine andere Methode ist die sogenannte Schlepp-Kamera, die hinter einem Schiff her gezogen wird. Entweder direkt an Bord oder später werden die Bilder ausgewertet und so die Geisternetze ausfindig gemacht. „Das ist natürlich ein geringerer Eingriff in die Natur als Harke oder Haken.“

Die Bergung der Netze ist manchmal schwierig, weil sie sehr schwer sind. Damit müssen oft professionelle Tauch-Unternehmen beauftragt werden. Und wenn die Geisternetze gehoben sind, sollen sie recycelt werden. „Das sind Kunststoffe, die wir dem Produktkreislauf wieder zuführen wollen, statt dass sie auf einer Mülldeponie landen oder verbrannt werden“, sagt Hoffmann. In den vergangenen zwei Jahren war er regelmäßig auf Tauchgängen, um Geisternetze zu finden und zu bergen - bis zu zehn Mal pro Jahr. Insbesondere an sensiblen Stellen der Ostsee oder an Wracks werden Taucher statt schwerem Gerät eingesetzt.

Völlig zu vermeiden ist das Abreißen von Netzen nicht, meinen die WWF-Experten. „Aber man kann es minimieren, indem zum Beispiel Bootsführer die Markierungen für Stellnetze besser beachten – das erfordert Aufklärung“, meint Andrea Stolte. Netze sollten so gekennzeichnet werden, dass man sie mit dem Echolot leichter auffinden kann.

Geforscht wird an biologisch abbaubaren Materialien, die sich schneller zersetzen und auch kein Mikroplastik ins Meer bringen. Taucher Florian Hoffmann hält es für sinnvoll, wenn die Fischer codiertes Fanggerät verwenden würden. Dann könnte man verloren gegangene Netze besser zuordnen.

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