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Mecklenburgerin wandert aus : Tschüss Deutschland – Selam Türkiye

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Jana Groh hat ihren Traum vom Auswandern verwirklicht und zieht nach fünf Jahren Bilanz über ihr Leben in der türkischen Metropole Istanbul

svz.de von
erstellt am 11.Jul.2015 | 16:00 Uhr

Im Ausland als Lehrerin zu arbeiten stand für Jana Groh fest, als sie zehn Jahre alt war. „Früher haben alle gelacht, als ich meinte, ich wandere später einmal aus“, erinnert sich Jana, die aus Teterow stammt. Ihren Traum vom Auswandern erfüllte sich Jana vor fünf Jahren. 2010 zog die 31-Jährige in das türkische Istanbul (europäische Seite). Damit war sie eine von fast 7000 Menschen, die jährlich aus Mecklenburg-Vorpommern auswandern. Ab 2012 unterrichtete Jana Deutsch als Fremdsprache am Istanbul Lisesi, einer staatlichen türkischen Schule mit deutscher Abteilung. „Ich lebe gern im Ausland“, betont Jana und ergänzt: „Natürlich fliege ich in den Ferien nach Deutschland, aber je länger ich weg bin, umso weniger fühlt es sich wie mein Zuhause an.“

Der Schulalltag



Jana, die ihr Lehramtsstudium an der Universität Rostock absolviert hat, arbeitete und lebte fünf Jahre in der Türkei – das für deutsche Auswanderer fünfthäufigste Zielland. „Das Angebot aus Istanbul klang damals sehr spannend, die Stadt ist historisch interessant. Darüber hinaus ist die Türkei nicht so weit von Deutschland entfernt, aber dennoch kulturell ganz anders, also exotisch genug“, berichtet Jana ihre Entscheidung, in ein Land zu ziehen, in dem sie zuvor noch nie war.

Für Lehrer sei es durch das Auslandsschulsystem recht einfach, im Ausland zu arbeiten. Es gibt verschiedene Stellen, je nachdem, ob man in Deutschland fest angestellt bzw. verbeamtet ist oder erst Berufsanfänger. Diese Stellenmöglichkeiten sind zudem zeitlich begrenzt. „Da ich aber die Jobsicherheit bis zum Rentenalter nicht so sehr schätze wie wohl die meisten meiner Kollegen, wechsele ich diesen Sommer an die Deutsche Schule nach Boston und werde dort Ortslehrkraft“, erklärt die 31-Jährige. Ortslehrkräfte sind die Lehrer, die nicht mehr im deutschen System gezählt werden und zeitlich unbegrenzt und ohne bestimmte Bedingungen an Auslandsschulen bleiben können.

Um eine Zuwendung als Lehrkraft zu erhalten, kamen auf Jana einige Behördengänge zu. Dazu zählten unter anderem ein Antrag für einen Dienstpass beim Auswärtigen Amt in Berlin zu stellen und die Beantragung einer türkischen Aufenthaltsgenehmigung, was erst nach ihrer Einreise in die Türkei möglich war. „Ansonsten kümmern sich die Schule und die ZfA um die meisten Formalitäten“, freut sich Jana.

Das Schulsystem



Als Lehrerin unterrichtete sie 20 Stunden pro Woche, weil sie wegen ihrer Funktionsstelle etwas weniger Unterricht hatte. Generell begann der Unterricht um 8.30 Uhr und endete um 15 Uhr. „Doch mein Stundenplan war jeden Tag anders, so dass ich auch einmal später kam oder früher ging“, erklärt Jana. Abgesehen vom Unterricht und dessen Vor- und Nachbereitung erledigte sie viel Organisatorisches. „Ich war für die Sprachdiploms-prüfungen an unserer Schule verantwortlich und für das Abitur im Fach Deutsch, das wir mit anderen Schulen gemeinsam erstellten“, erklärt die 31-Jährige. Hinzu kam, dass die Sommerferien in Istanbul sehr lang und zwei Wochen im Winter frei sind. Dazwischen gab es keine Ferien zum Verschnaufen.

Die türkische Schule ist nach dem deutschen Schulsystem ausgerichtet. Die Schüler werden in Deutsch, Englisch, Mathe und den Naturwissenschaften nach deutschen Lehrplänen unterrichtet. Fächer wie Türkisch, Kunst, Geschichte, Geographie oder Sport werden von türkischen Lehrern nach türkischen Lehrplänen unterrichtet.

„Die Schüler sind alle besonders intelligent, was an dem türkischen Auswahlverfahren liegt. Es gibt wenig Probleme mit ihnen und die Eltern sind für gewöhnlich auf Seiten des Lehrers, weil dem Beruf in der Türkei ein großer Stellenwert beigemessen wird“, hebt die Deutschlehrerin hervor. Das Kollegium besteht zur Hälfte aus Türken, zur anderen Hälfte aus Deutschen.

Die Sprache



„Türkisch ist eine sehr schwere Sprache, weil sie vollkommen anders als Deutsch aufgebaut ist“, berichtet Jana und ergänzt: „Die beiden Sprachfamilien sind so verschieden, dass es auch jedem, den ich kenne, sehr schwer fällt, Türkisch zu lernen. Obwohl ich einige andere Sprachen gut beherrsche (z.B. Englisch, Dänisch, Französisch), bin ich bei Türkisch über ein gewisses Niveau nicht hinausgekommen.“



Dennoch habe die junge Frau recht schnell gelernt, sich in alltäglichen Situationen zu verständigen, z.B. um Brot und Milch zu kaufen oder dem Taxifahrer den Weg nach Hause zu erklären. „Wenn ich etwas verstehen wollte, funktionierte das meistens auch ganz gut, aber ich kann leider keine Zeitung auf Türkisch lesen“, bedauert Jana. „So wie die Klischee-Deutschtürken für uns klingen, klinge ich wohl auch auf Türkisch“, fügt sie schmunzelnd hinzu. Die meiste Zeit redet sie aber Deutsch oder Englisch. In der Schule benutzte sie diese beiden Sprachen, damit die Schüler sie lernen. „Mein Job nimmt einen sehr großen Teil meines Lebens ein. Außerhalb der Schule sind meine Freunde so international, dass wir uns auf Englisch unterhalten“, erklärt Jana.

Die Freizeit



Bevor Jana mit ihrem Kater Canavar in die Staaten fliegt, wollte sie in der Türkei noch einiges sehen. „Ich liebe es, im Marmarameer Delfine springen zu sehen, im Sommer auf den Prinzeninseln zu baden, im Winter ins Hamam zu gehen oder einfach durch das Chaos im Großen Basar zu spazieren“, fasst die 31-Jährige ihre Erlebnisse zusammen.

Die schönsten Ziele waren für sie die Blaue Moschee, die Hagia Sophia, die Zisterne, der Sultanspalast und die Basare. Mit Freunden traf sich Jana gern zum großen türkischen Frühstück am Wochenende. „Und wenn wir einen Spaziergang gemacht haben, legten wir ihn so, dass wir auf der asiatischen Seite waren und den tollen Sonnenuntergang über Europa beobachten konnten.“

Jana Groh schätzt an Istanbul, dass sich die Stadt ständig verändere, nie schlafe und nie langweilig werde. „Jemand hat mir mal gesagt, dass alles in Istanbul intensiver ist – wenn du glücklich bist, bist du überglücklich, wenn du traurig bist, bist du todtraurig. Ich stimme zu. In Istanbul geht es immer wie in einem türkischen Film um das Drama und die großen Gefühle.“




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