Streik im Kartoffelwerk Hagenow : Trotz Beihilfen niedrigere Löhne

Beschäftigte der Mecklenburger Kartoffelveredlung GmbH in Hagenow traten am Mittwoch in den Warnstreik.
Foto:
Beschäftigte der Mecklenburger Kartoffelveredlung GmbH in Hagenow traten am Mittwoch in den Warnstreik.

Keine Lösung im Tarifstreit in der Ernährungsindustrie in Sicht / Opposition fordert Aufklärung über Fördermittelvergabe nach sozialen Kriterien

svz.de von
29. Juni 2016, 21:00 Uhr

Funkstille am Verhandlungstisch: Im bisher härtesten Tarifkonflikt in der Ernährungswirtschaft in MV zeichnet sich keine Lösung ab. Nach Warnstreiks in Spitzenfirmen der Branche u. a. beim Kartoffelverarbeiter Pfanni Stavenhagen, Kaffeekapselproduzenten Nestle in Schwerin und dem Essig- und Feinkosthersteller Carl Kühne in Hagenow sowie ergebnislosen Verhandlungen zieht die Gewerkschaft die Zügel an. Am Mittwoch legten Beschäftigte des Kartoffelveredlungswerkes Hagenow für 24 Stunden die Arbeit nieder. Heute ziehen beim Pizzaproduzenten Oetker in Wittenburg Streikposten auf. Die Mitarbeiter sind zu einem eintägigen Warnstreik aufgerufen.

Die Ernährungswirtschaft gilt seit Jahren als die Vorzeigebranche in MV – mit guten Geschäften: Jetzt wollen die Beschäftigten davon profitieren und klagen eine Angleichung der Löhne an das Westniveau ein. In der Branche in MV werden bis zu 360 Euro monatlich weniger bezahlt als in West-Betrieben. Bislang hätten die Arbeitgeber aber Verhandlungen über eine stufenweise Angleichung der Löhne abgelehnt, kritisierte NGG-Geschäftsführer Jörg Dahms. Zudem sei das eigene Arbeitgeber-Angebot einer siebenprozentigen Lohnerhöhung in zwei Schritten wieder einkassiert worden.

Vorerst scheinen die Arbeitgeber kaum zu Zugeständnissen bereit: „Der Gesprächsfaden ist nach wie vor nicht abgerissen“, erklärte Uwe Teuchert vom Arbeitgeberverband Nordernährung am Mittwoch. Aber einen „Stufentarifvertrag wird es nicht geben“, wies er entsprechende Forderungen zurück. Dafür gebe es keinen Spielraum. Mit Stundenlöhnen von 11,30 Euro für Ungelernte, mit einem Ecklohn von 2400 Euro monatlich für Facharbeiter würden gute Löhne gezahlt. Zudem erhielten die Beschäftigten Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie Zuschläge.

Eine volle Angleichung an das Westniveau würde beispielsweise die Kalkulation im neuen Nestle-Werk in Schwerin und damit möglicherweise Investitionen in eine zweite Ausbaustufe in Gefahr bringen, sagte Teuchert.

Der Tarifstreit hat indes ein politisches Nachspiel: Die Linken-Landtagsabgeordneten Henning Foerster, Torsten Koplin und Peter Ritter fordern jetzt in einer parlamentarischen Anfrage an die Landesregierung u. a. Aufklärung über die Lohnsituation in der Branche. So verlangen sie Auskunft darüber, inwieweit die Zahlung millionenschwerer Beihilfen an die Unternehmen an soziale Kriterien, die Schaffung von Dauerarbeitsplätzen, die Beschränkung von Leiharbeit oder die Zahlung von Tariflöhnen gekoppelt gewesen seien. Es sei „skandalös“, wenn auf der einen Seite viele Millionen an öffentlichen Fördermitteln geflossen sind, andererseits die Beschäftigten aber nach wie deutlich weniger verdienten, erklärte Foerster gestern.

Die vom Steuerzahler getragenen Beihilfen hatten den jetzt bestreikten Firmen in der Vergangenheit günstige Produktionsbedingungen verschafft. Das lohnt: So erwirtschaftet einer Analyse der Norddeutschen Landesbank (NordLB) zufolge jeder Mitarbeiter der Branche in MV 2014 einen Umsatz von 286 690 Euro, gut 30 000 mehr als im Bundesschnitt.

Subventionen flossen reichlich: Allein Nestlé bekam für das 220 Millionen Euro teure Werk 22 Millionen Euro vom Staat dazu. Auch Oetker in Wittenburg bekam nach Angaben des Wirtschaftsministeriums immer wieder Millionen öffentliches Geld überwiesen – 2,5 Millionen Euro z. B. für ein Technologiezentrum, 3,26 Millionen Euro für den Bau eines Hochregallagers, weitere Millionen für eine Werkserweiterung.  

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen