Pferdehof statt Klassenraum : Trollkon blickt ins Innerste

Ganz ohne Worte kommunizieren: Berufsschüler Thomas Möller  schließt Freundschaft mit Islandpferd Trollkon. Katja Wöltje hat das Projekt zur Persönlichkeitsentwicklung mit Pferden angestoßen. Foto: Dana Bethkenhagen
Ganz ohne Worte kommunizieren: Berufsschüler Thomas Möller schließt Freundschaft mit Islandpferd Trollkon. Katja Wöltje hat das Projekt zur Persönlichkeitsentwicklung mit Pferden angestoßen. Foto: Dana Bethkenhagen

Mit seinen warmen Nüstern stupst Islandpferd Trollkon Thomas Möller immer wieder an und lässt sich dann bereitwillig den Kopf kraulen. „Zwischen den beiden hat es gefunkt", sagt Sozialpädagogin Bettina Marquardt.

svz.de von
06. Juli 2012, 08:57 Uhr

Stadtweide | Mit seinen warmen Nüstern stupst Islandpferd Trollkon Thomas Möller immer wieder an und lässt sich dann bereitwillig den Kopf kraulen. "Zwischen den beiden hat es gefunkt", sagt Sozialpädagogin Bettina Marquardt zufrieden. Sie ist eine von drei Trainerinnen bei dem Projekt Persönlichkeitsentwicklung mit Pferden. Acht junge Frauen und Männer von der Beruflichen Schule Wirtschaft haben in den vergangenen zwei Tagen intensiv mit den drei Isländern Frodi, Prydi und Trollkon gearbeitet.

Die Paarhufer sollten den angehenden Kaufmännern und -frauen im Gesundheitswesen zeigen, wer sie wirklich sind. Der 27-jährige Möller weiß nun, dass er entschlossener durch das Leben gehen und an seiner Wahrnehmungsfähigkeit arbeiten muss - denn obwohl Trollkon ihm gern folgen wollte, konnte der Auszubildende in der Rostocker Universitätsmedizin die Aufgeschlossenheit des Pferdes nicht erkennen und keine klaren Botschaften senden.

Diese etwas andere Art des Kommunikationstrainings hat Berufsschullehrerin Katja Wöltje initiiert. Ihr gehören die drei Islandpferde und auch der Hof Hoppelkoppel im Rostocker Stadtteil Stadtweide, auf dem mehr als 20 Pferde in Herden leben und gegen den die Berufsschüler zwei Tage lang ihren Klassenraum tauschten. "Pferde sind Fluchttiere und können das Innerste des Menschen widerspiegeln", weiß Personalvermittlerin und Trainerin Romy Giese. An Trollkons Verhalten gegenüber Möller erkannte sie zum Beispiel, dass der 27-Jährige ein sehr empathischer Mensch ist. Behutsam führte er den Wallach am Strick über den Platz. Seite an Seite überwanden die beiden Partner die kleinen Hindernisse und meisterten auch den Slalom problemlos.

Tiere registrieren Unsicherheit sofort

Immer wieder schaute Trollkon zu seiner Bezugsperson auf, spitzte die Ohren und leckte an seinen Händen. Dass all das Zeichen dafür waren, dass der Isländer Möller als Autorität anerkennt, bemerkte der 27-Jährige gar nicht. Auch ohne die Führhilfe folgte Trollkon dem jungen Mann noch einige Meter weit. Doch wegen der Unsicherheit des Azubis wusste auch der Vierbeiner nicht so recht, was er tun sollte und ging schließlich seiner eigenen Wege - und die führten zu dem nächsten grünen Grasbüschel. "Würden Sie jemandem folgen, der sich selbst nicht sicher ist?", fragte Giese die Schüler und regte damit zum Nachdenken an. Auch wenn Islandpferde für ihre Gefräßigkeit und Gelassenheit bekannt sind, können die kleinen Kraftpakete auch anders - im Galopp bahnten sich die drei plötzlich den Weg durch die Schüler hin zur offen stehenden Koppel. Das verunsicherte Lisa Erdmann und Anne Kühnmann ein wenig.

Unheimlich waren ihnen die drei Isländer, die frei um sie herumliefen und mit denen sie Kontakt aufnehmen sollten. Doch mit der Zeit trauten sich die beiden jungen Frauen näher an die Tiere heran. "Durch die Arbeit mit den Pferden entwickeln die Schüler ihre persönlichen und sozialen Kompetenzen weiter", erklärt Wöltje. Moritz Kalisch war zunächst ein wenig enttäuscht, denn die Pferde beachteten ihn und auch die anderen Schüler nicht so richtig. Wöltje machte jedoch schnell klar, dass das gar kein schlechtes Zeichen ist - im Gegenteil: Damit würden die Pferde zeigen, dass sie sich sicher fühlen.

Die Erfolge, die das Projekt mit sich bringen soll, werden Giese zufolge erst nach einiger Zeit spürbar. Schließlich dauert es eine Weile, bis die neuen Erkenntnisse über sich selbst im Unterbewusstsein verarbeitet sind. Vor einem Jahr gab es schon einmal dieses Projekt mit einer anderen Berufsschulklasse. In der kommenden Woche berichten diese Auszubildenden dann, wie sie das Training erlebt haben und wie es sie verändert hat.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen