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Mecklenburg-Vorpommern

19. November 2017 | 20:49 Uhr

Justiz MV : Trinken für die Wahrheitsfindung

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Angehende Juristen testen am Rostocker Institut für Rechtsmedizin im Selbstversuch die Wirkung von Alkohol – und haben dabei jede Menge Spaß.

svz.de von
erstellt am 01.Jul.2017 | 07:00 Uhr

Auf einem Strich neunmal einen Fuß vor den anderen setzen, ohne nach unten zu sehen, wenden und zurückbalancieren. Dann mit geschlossenen Augen fünfmal um die eigene Achse drehen, die Augen öffnen und einen festen Punkt fixieren. Mit der Fingerspitze die eigene Nase treffen. Und schließlich mit geschlossenen Augen einen Zeitraum von 30 Sekunden abschätzen. Für Shanna Dshunussowa ist all das kein Problem. Auch die meisten ihrer Kommilitonen meistern diese einfachen Tests ohne größeren Patzer. Sie seien gerade in der „Tunnelphase“, wenige Wochen vor dem zweiten juristischen Staatsexamen, versuchen diejenigen, die schon nüchtern Strich und Nase nicht sofort getroffen haben, eine Erklärung.

Es sind sechs Justizreferendare aus dem Oberlandesgericht der Hansestadt, die an diesem Nachmittag im Rostocker Institut für Rechtsmedizin einen Trinkversuch wagen. Zwei weitere schauen nur zu: Arkadiusz Mochtahl, weil er im Anschluss seine Kinder abholen muss, Sophie Pingel, weil sie nie Alkohol trinkt. Miterleben, wie ihre Kommilitonen sich auf 0,8 Promille „hochtrinken“, wollen beide dennoch. Schließlich geht es für alle darum, in ihrer künftigen Arbeit als Juristen besser einschätzen zu können, wie Alkohol wirkt und wie Straftaten unter seinem Einfluss begangen werden.

Angedeutet:  285 ml Wodka soll Alexander Künzle trinken, um es in einer Stunde auf 0,8 Promille zu bringen.
Angedeutet: 285 ml Wodka soll Alexander Künzle trinken, um es in einer Stunde auf 0,8 Promille zu bringen. Foto: Karin Koslik

Alle dafür erforderlichen Tests müssen einmal vor und einmal nach dem Trinken gemacht werden, erläutert Dr. Ricarda Kegler, die das Labor für Forensische Toxikologie und die Blutalkoholuntersuchungsstelle im Institut leitet. „Müssen wir nur pusten, oder wird auch Blut abgenommen?“, fragt Carlo Stöwer vorsichtig nach. Ja, ganz zum Schluss wird auch Blut abgenommen, zwei Röhrchen á 7,5 Milliliter – „Sie nehmen ein Vielfaches an Flüssigkeit zu sich“, beschwichtigt Dr. Kegler, „und haben Sie keine Angst: Unsere Ärzte haben viel Erfahrung, mit Blutentnahmen an Toten und Lebenden…“

Die Stimmung steigt, als Christine Lehmann, Mitarbeiterin im Institut für Rechtsmedizin, die ersten Getränke verteilt. Bier, Wein, Sekt, Wodka oder Rum standen zuvor zur Wahl. Das aktuelle Körpergewicht ist ausschlaggebend für die Berechnung, wer wie viel trinken muss, um eine Stunde später 0,8 Promille zu erreichen. Bei Angela Koniezek, der zierlichsten der drei Frauen, sind es 440 ml Sekt, bei Sarina Kleiminger 490 ml und bei Shanna Dshunussowa 530 ml – „ich hab ein Kilo mehr angegeben, als ich tatsächlich wiege“, gesteht sie.

Auch bei den Männern haben Körpergröße und -gewicht spürbaren Einfluss darauf, wie viel Alkohol ihnen kredenzt wird. Mandus Fahje bekommt 1660 ml Bier, Carlo Stöwer 1870 – Trinkmengen, die Alexander Künzle abschrecken, der sich deshalb für Wodka entschieden hat: 285 ml misst Christine Lehmann für ihn ab.

 

Getrunken wird zeitversetzt in zwei Gruppen, zwischendurch kontrollieren die Institutsmitarbeiter den Atemalkoholgehalt. Während die angehenden Juristen trinken, vermittelt Dr. Johannes Manhart, Facharzt für Rechtsmedizin, ihnen Grundwissen: „Ein Volumenprozent Alkohol entspricht 0,8 Gramm reinem Alkohol. Ein Gramm Alkohol hat einen Energiegehalt von 7 Kilokalorien – ein Gramm Fett 9…“ Begriffe wie Anflutung, Blutalkoholkonzentration und Resorptionsdefizit fallen. Dr. Manhart erläutert die Trinkertypologie vom Alpha- oder Konflikt- bis zum Epsilon- oder Quartalstrinker. Er schildert gesundheitliche Folgen wie Speiseröhren- oder Magenschleimhautentzündungen, Leberschäden, Mangel- und Fehlernährung, Bauchspeicheldrüsenentzündung, Herz-Rhythmus- und Stoffwechselstörungen.

Ausgeblasen:  Während Angela Koniezek pustet, nimmt Mandus Fahje einen kräftigen Schluck von seinem Bier.
Ausgeblasen: Während Angela Koniezek pustet, nimmt Mandus Fahje einen kräftigen Schluck von seinem Bier. Foto: Karin Koslik
 

Anfangs kommen noch konkrete Nachfragen, nach den Symptomen einer Leberzirrhose oder danach, wie eine Nachtrunkbehauptung als falsch entlarvt werden kann. Dann werden die Fragen verwaschener – wie auch die Stimmen: „Kann ich das noch einmal sehen? Das fand ich jetzt super-interessant…“ Eine der Frauen fragt den Dozenten: „Wollen Sie nicht mal mit uns anstoßen?“ Der schüttelt den Kopf, lächelt und erklärt, er müsse nachher noch das Jugendamt anrufen.

Als die Rede darauf kommt, dass laut TÜV jährlich 100 Millionen unentdeckte Alkoholfahrten unternommen werden, reagiert niemand mehr. Dafür ist der Geräuschpegel im Raum inzwischen auch viel zu hoch. Die ersten Probanden verschwinden auf die Toilette. Andere machen Selfies. Und alle warten gespannt darauf, ein nächstes Mal „pusten“ zu dürfen – tatsächlich hat der erste schon nach einer halben Stunde mehr als 0,8 Promille intus.

Dr. Manhart bringt den Vortrag dennoch zu Ende – nein, sie seien nicht die schlimmste Gruppe, die er vor sich gehabt hätte, beruhigt er die Rechtsreferendare. Die entschuldigen sich wortreich, und einer erklärt ganz ehrbar: „Ich hör mir das alles noch einmal an, wenn ich nüchtern bin, versprochen.“

Als alle Gläser geleert sind, heißt es wieder, auf dem Strich zu balancieren, die Nasenspitze zu treffen und auf einem Bildschirm Karten zu sortieren. „Mir wird schon ganz schummrig, wenn ich hier nur auf den Punkt gucke“, sagt Shanna Dshunussowa, als sie vor einem der Laptops Platz nimmt. Alexander Künzle schafft es erst im zweiten Anlauf, den rechten und nicht den linken Zeigefinger zur Nase zu führen. Angela Koniezek und Carlo Stöwer kommen 30 Zentimeter neben dem Strich ins Ziel. Und Sarina Kleiminger sinniert, dass sie mit 0,47 Promille theoretisch noch fahren dürfte – „aber so, wie ich mich fühle, ginge das gar nicht“.

Mandus Fahje ist der Einzige, der die Tests genauso gut und teilweise sogar besser als nüchtern hinbekommt. „Sowas hätten wir schon für den Ausbildungsabschnitt in der Staatsanwaltschaft gebraucht. Da haben wir öfter erlebt, dass jemand sagte, er hätte doch nur zwei oder drei Bier getrunken, das wäre nichts“, erklärt er – und wendet sich dann augenzwinkernd zu Dr. Kegler: „Apropos, ich könnte jetzt auch noch ein Bier vertragen…“

Hintergrund: Alkoholwirkung und Blutalkohol:

  • Leichter Rausch - 0,5 bis 1,5 g/kg = Promille:
    allgemeine Auflockerung, Rede- und Tatendrang, Beschwingtheit (Schwips), eventuell verwaschene Aussprache, Übelkeit
  • Mittelschwerer Rausch - 1,5 bis 2,5 Promille:
    Euphorie oder aggressive Gereiztheit, Umwelt und soziale Bedeutung werden noch wahrgenommen, Sprunghaftigkeit von Denken und  Handeln, Gangunsicherheiten, verwaschene Aussprache, Übelkeit, Erbrechen
  • Schwerer Rausch - mehr als 2,5 Promille:
    Bewusstseinsstörungen, Desorientiertheit,Benommenheit bis hin zum Schlaf, gegebenenfalls akute (letale) Alkoholvergiftung, Torkeln, Lallen, Amnesie (Gedächtnisverlust)
  • Akute Alkoholvergiftung - 2,5 bis 5,0 Promille:
    komatöse letale Dosis auch bei Alkoholgewohnten

Quelle: Unimedizin Rostock

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