Video aus Greifswald : Treideln am Ryck: „Zieht an!“

1 von 2

Zehn Treidler, angespannt in einem Geschirr an dem rund 160 Meter langen Zugtau, schleppten das 180 Tonnen schwere, 45 Meter lange historische Segelschiff „Weisse Düne“ über gut vier Kilometer das Greifswalder Flüsschen Ryck entlang.

svz.de von
02. April 2017, 20:45 Uhr

Strahlender Sonnenschein begleitet die kräftigen Männer bei ihrer ungewöhnlichen Mission: Auf einem uralten Treidelpfad entlang des Flüsschens Ryck, auf dem früher über Jahrhunderte Schiffe mit purer Muskelkraft von Tier und Mensch aus dem Greifswalder Hafen hinaus zur Ostsee gezogen wurden, treidelten am Sonnabend Wagemutige in traditioneller Weise den 1909 gebauten Top-Segelschoner „Weisse Düne“.

Ziel der beinharten Abschlepp-Tour ist das Fischerdörfchen Wieck am Greifswalder Bodden. Von dort geht das ehrwürdige Schiff von Jane und Detlef Bothe auf Gästefahrten entlang der vorpommerschen Bodden- und Ostseeküste.

14.00 Uhr. Alle Mann an Bord. Käpten des einzigen segelnden Fahrgastschiffes in Deutschland ist eine Frau, Jane Bothe, 49, früher Kunstlehrerin, dann Sozialarbeiterin in Berlin, machte an der holländischen Seefahrtsschule Enkhuizen ihr Patent für Binnenschifffahrt und Küstengewässer. 2011 kauften sie und ihr Mann die im Jahr 1909 gebaute „Weisse Düne“. 2009 hätte der Vorbesitzer den Traditionssegler nach europäischen Vorgaben aufgerüstet – mit Schotten, seetüchtigen Fenstern und brandsicheren Türen, erzählt sie.

14.15 Uhr. Die Spannung steigt. Zehn Treidler gehen am Ufer zur Übergabestelle des Taus, dann legt das Schiff ab. Routiniert steuert die schmale blonde Kapitänin ihren Schoner aus dem Museumshafen, vorbei geht es an alten Schiffen und Speichern, modernen Yachten und Wohnhäusern, später säumt Schilf das Flussufer, Paddler ziehen flott an der „alten Dame“ vorbei. „Gute Saison!“, wünscht man sich.

14.30 Uhr. Die Kapitänin schlägt hart das Ruder ein und lenkt die „Weisse Düne“ nach Steuerbord möglichst nahe ans Ufer. Dort warten die Treidler, sieben von ihnen haben sich das Seilgeschirr umgetan. Der Wurf des 160 Meter langen Taus ans Ufer gelingt beim zweiten Mal. Detlef Bothe, Chef der Ryck-Treidler, greift beherzt zu und hakt das Ende des Seils mit einem Sicherheitskarabiner ans Zuggeschirr. Die nun „eingespannten“ Männer beginnen zu laufen, kraftvoll legen sie sich ins Zeug. So können sie die Bewegung des 180 Tonnen schweren, 45 Meter langen Schiffes aufnehmen, um es schließlich aus eigener Kraft weiter vorwärts zu ziehen. Der Schiffsmotor geht in den Standby-Modus, die Treidler fallen in einen schnellen gleichmäßigen Schritt.

14.45 Uhr. Die „Weisse Düne“ gleitet gemächlich dahin, angetrieben von den starken Männern, die auf dem Deichweg kräftig ausschreiten und gemeinsam das Schiff am Tau vorwärts schleppen. „Zwei Knoten, zwei-eins, zwei Komma vier!“ Rekord, meint Jane Bothe. Letztes Jahr sei bei böigem Wind nicht mal eine Geschwindigkeit von zwei Knoten, umgerechnet dreieinhalb Stundenkilometern, erreicht worden.

Doch die gut vier Kilometer lange Flussstrecke hat es in sich. Schilder und Bäume am Ufer müssen die Treidler umschiffen. „Zieht an, zieht an!“ Lautstark feuert die Kapitänin ihre Schlepper an. Dabei lässt sie das große Steuerrad kaum los, schließlich nimmt der Ryck jetzt ein paar enge Windungen, und das Schiff soll in der Fahrrinne bleiben.

Neugierige finden den Weg zum Steuerstand. Die Kapitänin reicht eine Treidel-Polizeiverordnung für den Ryck von 1928 herum. Die besagte etwa, dass Treidler langsamere Gespanne überholen dürften. Heute gebe es strengere Auflagen, erklärt Bothe. Jedes Jahr müsse sie die Aktion bei den Behörden genehmigen lassen. „Wir haben ein historisches Segelschiff, da wollen wir das traditionelle Treideln wiederbeleben.“ In Deutschland sei dieses uralte Transportverfahren kaum mehr möglich, weil unverbaute Uferwege - die Treidelpfade - fehlten. In Holland hingegen würde die Treidel-Tradition gepflegt, regelmäßig fänden Regatten statt. Erklärter Fan der Ryck-Treidler ist auch der Hafenmeister des Museumshafens Greifswald, Arnold Dörling.

„Was für ein Spektakel!“, meint er. „So ein Tonnen schweres Ding bloß mit Muskelkraft in Gang zu bringen, das muss man erst mal schaffen!“

Früher wären Mulis angespannt worden, auch Frauen und Kinder halfen, weil stets die Männer das Kapitänspatent hatten und am Steuer stehen mussten. Hochachtung vor der zierlichen Kapitänin äußert an Bord der Mitfahrer Siegfried Bähr.

Er sei das zweite Mal dabei aus purer Neugier, sagt der 87-jährige Physiker. Früher sei er selbst Sportsegler gewesen. Das Treideln hätte ihn aus physikalischer Sicht begeistert. „Das musste ich erleben, wie eine Handvoll Leute ein ganzes Schiff ziehen! Es funktioniert, Fakten überzeugen immer“, sagt der Wissenschaftler.
15.00 Uhr. Die Treidler schwitzen bei 20 Grad und Sonnenschein. Doch der Wind stimmt, er weht leicht von vorn. Starker Rückenwind wäre nicht hilfreich.

„Da würde das Segelschiff schneller als die Schlepper und sie überholen“, sagt Jane Bothe. Hier an Bord habe sie ihre Bestimmung gefunden, ein Schiff zu fahren im Einklang mit der Natur, das sei ihre Leidenschaft, verrät sie. Beide Söhne arbeiteten bereits mit auf dem Familien-Schoner.

15.30 Uhr. Der Segler nähert sich dem Ziel - der Wiecker Klappbrücke. Die Treidler haken das Zugtau aus, es wird an Bord geholt. Auf dem Deich bewegt sich mittlerweile eine wahre Prozession Hunderter Spaziergänger, Jung und Alt begleiten den Treidelzug. Im Hafen von Wieck gibt es stehende Ovationen, die Zuschauer klatschen und jubeln.

Jane Bothe ist einfach sprachlos. „Ich bin völlig überwältigt“, sagt sie sichtlich gerührt. „Es ist schön, eine Idee umzusetzen und anderen damit so viel Freude zu schenken.“

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen