Perspektive : Traumberuf Hebamme?

Christine Kuschnia hat mehr als 1200 Kindern auf die Welt geholfen - Versicherungsfragen und steigende Kosten machen ihr zu schaffen

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08. Juli 2014, 11:59 Uhr

Christine Kuschnia ist, wovon viele Mädchen träumen: Hebamme. Mehr als 1200 Kindern hat sie im Laufe ihres Berufslebens schon auf die Welt geholfen. Für sie selbst war Hebamme anfangs allerdings gar nicht der Traumberuf: „Ich wollte zur Armee gehen. Doch um in der DDR eine Unteroffiziers- oder Offizierslaufbahn einschlagen zu können, musste man als Mädchen zuvor einen medizinischen Beruf erlernen“, erinnert sich die Schwerinerin. „Werde doch Hebamme“, hätte ihre Mutter ihr geraten – und weil sie mit ihrem Zeugnis das Gros der anderen Mädchen ausstach, klappte es auch mit der Bewerbung am heimischen Krankenhaus. Die Ausbildung selbst fand überwiegend in Halle/Saale statt. „Es war die härteste Ausbildung, die ich mir vorstellen kann“, sagt Christine Kuschnia rückblickend. Trotzdem habe sie den Beruf lieben gelernt – und ihr ursprüngliches Berufsziel völlig aus den Augen verloren.

Bis sie selbst kurz vor der Wende Mutter wurde, arbeitete Christine Kuschnia im Schweriner Krankenhaus als Geburtshelferin. Doch als sie nach dem Babyjahr dorthin zurückkam, war nichts mehr so, wie sie es kannte: „Die Geburtenzahlen waren völlig eingebrochen.“ Die junge Frau verlor ihre Arbeit zwar nicht ganz, wurde aber auf anderen Stationen eingesetzt. „Das war schon eine ordentliche Umstellung; während man im Kreißsaal weitgehend eigenständig arbeitet, heißt Stationsarbeit, ärztlich angeordnete Tätigkeiten auszuführen.“ Um dem zumindest teilweise zu entgehen, qualifizierte sich Christine Kuschnia berufsbegleitend zur Diplom-Pflegewirtin, wurde später Pflegedienstleiterin in der Psychiatrie. Erst als die leitende Hebamme in den Ruhestand ging, ergab sich eine Chance, endlich wieder in ihren eigentlichen Beruf zurückzukehren. Vier Jahre lag füllte sie die Stelle aus, bis sie sich 2010 entschloss, noch einmal etwas Neues zu wagen und freiberuflich als Hebamme zu arbeiten.

„Was ich seitdem tue, ist das, wo ich eigentlich hingehöre“, sagt Christine Kuschnia. Jetzt könne sie Einfluss nehmen auf die Frauen, könne dafür sorgen, dass sie auf die Geburt gut vorbereitet sind und sich so auch zwischen verschiedenen Alternativen entscheiden.

Es sei ein erhebender Moment, wenn sie eine Frau durch eine komplikationsfreie Geburt begleitet hätte. Trotzdem möchte sie nicht vom „Traumberuf“ einer Hebamme sprechen. „Es ist zuerst einmal harte Arbeit.“ Sie selbst verzichte für diese Arbeit auf vieles – auf Freunde, soziale Kontakte ganz allgemein. Gehe sie doch einmal weg, würde das Handy immer auf dem Tisch liegen. Auch nachts und an Wochenenden muss sie ununterbrochen erreichbar sein – da bleiben Schlafprobleme nicht aus. Denn die meisten Geburten kündigen sich nachts an. Tagsüber aber stehen weiterhin die vereinbarten Termine zur Geburtsvorbereitung und Wochenbettbetreuung im Kalender. Urlaub muss ein gutes dreiviertel Jahr im Voraus fest geplant werden, „ich nehme dann keine Schwangeren an, deren Geburtstermin in diesem Zeitraum liegt.“ Aber natürlich hält sich nicht jedes Baby an den errechneten Termin, „wenn zwei meiner Frauen gleichzeitig in den Wehen liegen, kann ich mich aber auf die Unterstützung meiner Kolleginnen verlassen.“

Als eine von nur noch zehn freiberuflich tätigen Hebammen in Mecklenburg-Vorpommern bietet Christine Kuschnia auch die Begleitung „ihrer“ Schwangeren während der Geburt an. Mit den Krankenhäusern in Schwerin und in Crivitz hat sie Verträge als Beleghebamme, etwa zehnmal pro Jahr hilft sie Kindern in deren Elternhaus zur Welt. Die meisten ihrer freiberuflichen Kolleginnen verzichten mittlerweile auf diese schönste Facette ihres Berufes, denn Geburtshilfe wird nicht nur mit weniger als dem angestrebten gesetzlichen Mindestlohn vergütet. Die Geburtshelferinnen müssen auch von Jahr zu Jahr höhere Prämien für ihre Haftpflichtversicherung zahlen. „6170 Euro sind dafür ab dem nächsten Jahr fällig“, erklärt Christine Kuschnia, und ergänzt : „Ab 1. Juli 2015 findet für mich dann gar keine Versicherung mehr statt.“ Denn während Mitglieder des Deutschen Hebammen Verbandes bis Juli 2016 wenigstens noch von zwei Anbietern versichert werden, steigt der einzige Versicherer des Bundes Freiwilliger Hebammen zum Juli ganz aus – und dem gehört Christine Kuschnia an. Sie müsste den Berufsverband wechseln, um wenigstens noch ein Jahr weiterarbeiten zu können. „Und die Politik tut nichts, die lässt unseren Berufsstand ganz langsam sterben.“

Auswirkungen spürt die Schwerinerin jetzt schon täglich – wenn Frauen bei ihr anrufen, die keine Hebamme mehr finden, die sie nicht nur vor und nach, sondern auch bei der Geburt betreut. Solch eine Bezugshebamme wünscht sich das Gros der Frauen – Studien zufolge führt eine solche Konstellation zu deutlich weniger Komplikationen bei der Geburt. „Aber ich kann im Monat nun mal nicht mehr als sechs Frauen betreuen“, bedauert Christine Kuschnia, die bereits bis ins neue Jahr hinein ausgebucht ist. In Schwerin gebe es gegenwärtig außer ihr nur noch eine einzige andere aktive Beleghebamme. Wer auch bei ihr nicht unterkommt, wird zwar die Geburt nicht allein durchstehen müssen, auf ihre Bezugshebamme müssen diese Frauen im Kreißsaal aber verzichten.

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