Drei Porträts : Traumberuf Eisenbahner?

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Es gibt nach wie vor junge Menschen in MV und in der Prignitz, für die Eisenbahner ein Traumberuf ist. Drei von ihnen stellen wir vor:

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17. Mai 2017, 11:45 Uhr

Noch immer gibt es kleine Jungen, die davon träumen, Lokführer zu werden. Doch die Deutsche Bahn klagt zunehmend über Nachwuchssorgen. So gibt es in vielen der insgesamt 50 Berufe, in denen die Bahn ausbildet, auch jetzt noch attraktive Ausbildungsplätze für das im Spätsommer beginnende Lehrjahr. Und auch anschließend werden Fachkräfte gesucht – seit längerem fehlen zum Beispiel Fahrdienstleiter für Bahnhöfe wie Blankenberg oder Dorf Mecklenburg. Es ist „der Fluch der guten Tat“: Dank geltender Tarifverträge bekommen Bahnmitarbeiter nicht nur mehr Urlaub, sie haben auch Anspruch darauf, ihre Arbeitszeit zu reduzieren und früher in Rente zu gehen. Das, aber auch der hohe Altersdurchschnitt in der Belegschaft, führen zu einem enormen Personalbedarf.

Doch den haben auch andere Unternehmen. Die Bahn versucht deshalb, sich als Ausbildungsbetrieb von anderen abzuheben. Auf Jobbörsen nutzt sie zum Beispiel eine Virtual-Reality-Brille, mit der Interessierte hautnah in den Bahnbetrieb eintauchen können. Über die App JobUFO können sich junge Leute mit einem maximal 30 Sekunden langen Smartphone-Video bewerben. Und für Schulabgänger mit weniger guten Noten oder ohne Abschluss gibt es eine Einstiegsqualifizierung.

„Wir suchen gezielt Arbeitskräfte für die Region, deshalb wollen wir auch Auszubildende von hier einstellen“, erläutert Katja Kaltofen, eine von vier Ausbildungskoordinatoren im DB-Regionalbereich Ost, der für Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg zuständig ist. Auch sie kann für Schulabgänger dieses Jahres noch freie Ausbildungsplätze anbieten, für Gleisbauer beispielsweise, aber auch für künftige Fahrdienstleiter. Interessenten gebe es zwar, doch nicht wenige scheiterten an den Aufnahmetests. Zwar könne, wer durchfalle, nach einem Vierteljahr noch mal antreten – aber zumindest für Spätstarter sei der Zug dann schon abgefahren, weil das Lehrjahr bereits angefangen hätte.

Mittlerweile, so Bahnsprecherin Karin Schwelgin, stehen beim obligatorischen Onlinetest, dem sich alle Bewerber sowohl um eine Ausbildung als auch um ein duales Studium stellen müssen, Schulnoten nicht mehr im Vordergrund. „Sie haben oft nur eine bedingte Aussagekraft über die Eignung eines Bewerbers für einen bestimmten Beruf.“ Dennoch: Ohne Mathematik- und Deutschkenntnisse, ohne räumliches Vorstellungsvermögen und solche persönlichen Eigenschaften wie Gewissenhaftigkeit, Durchhaltevermögen und Motivation hat man auch heute bei der Bahn keine Chancen.

Dennoch gibt es nach wie vor junge Menschen, für die Eisenbahner ein Traumberuf ist. Drei von ihnen stellen wir auf dieser Seite vor.

Swea Hügström wird Gleisbauerin – und ist damit eine Exotin.
Swea Hügström wird Gleisbauerin – und ist damit eine Exotin.

Die Gleisbauerin

Wenn Swea Hügström erzählt, wie sie zu ihrem Berufswunsch gekommen ist, dann klingt das erst einmal überhaupt nicht spannend: Ihr Vater habe ihr einen Praktikumsplatz bei sich in der Firma besorgt – und dort habe es ihr so gut gefallen, dass sie nun in seine Fußstapfen tritt.

Spannend ist das allemal: Denn Swea Hügström wird Gleisbauerin – „seit 1989 bin ich in Mecklenburg-Vorpommern das erste Mädchen, das diesen Beruf lernt“, erzählt die 18-jährige Rostockerin, die inzwischen schon mehr als die Hälfte der dreijährigen Ausbildungszeit hinter sich gebracht hat.

Dass die kein Zuckerschlecken würde, war ihr von vornherein klar, das wusste sie nicht zuletzt von ihrem Vater. Allerdings: „Auf den Dienststellen wird sehr viel mit Maschinen gemacht, aber in der Ausbildung lernen wir erst mal alles mit der Hand“, erzählt die junge Frau. Bis zu 30 Kilo seien einzelne Werkzeuge schwer. „In den ersten Wochen der praktischen Ausbildung hatte ich ununterbrochen Muskelkater“, erinnert sich Swea. Doch das ist längst vorbei.

 100 Kilogramm wiegt eine Holzschwelle, mit den dazugehörigen Kleineisen sogar 120 kg –„gewöhnlich tragen wir die zu viert“, erzählt Swea. „Manchmal sagen die Männer aber auch zu mir: ,Geh mal beiseite, wir machen das.‘ Ich versuche trotzdem, so viel wie möglich selbst zu machen – das ist eben der Beruf.“ Wenn sie etwas nicht schaffe, sage sie das aber auch. „Länger mit der Flex zu arbeiten geht zum Beispiel nicht. “

Bei Wind und Wetter draußen zu sein, mache ihr nichts aus, beteuert die 18-Jährige – nur Kälte, die mache ihr schon zu schaffen. „Jetzt im Winter hatten wir mal minus 18 Grad und wir waren draußen, um Weichen zu inspizieren. Irgendwann ist dann sogar das Messgerät ausgestiegen…“ Das sei schon hart gewesen, gegen Nässe helfe die richtige Kleidung, aber welche, die über längere Zeit vor 18 Grad Frost schützt, gebe es nun mal nicht.

Seltsam findet Swea Hügström, dass die meisten Menschen glauben, Gleisbau sei eine sehr grobe Arbeit „Aber das stimmt nicht, wir bauen zwar tonnenweise Eisen ein, aber die müssen millimetergenau aneinandergefügt werden – sonst würde der erste Zug, der drüber fährt, entgleisen.“ Diese geforderte Präzision reize sie an ihrem Beruf. Ihr ganzes Leben lang will Swea Hügström ihn trotzdem nicht ausüben – „ich denke, irgendwann wechsle ich ins Büro.“

Marvin Harm  am Steuer einer Lok  Fotos: DB
Marvin Harm am Steuer einer Lok Fotos: DB

Der  Lokführer

In diesen Tagen wird es für Marvin Harm ernst: Der 21-Jährige muss zur Fahrprüfung antreten – nicht mit dem Pkw, nicht mit dem Lkw, sondern mit Elektro-Triebwagen und -Lok. Parallel dazu muss der angehende Lokführer, der aus Hülsebeck in der Prignitz stammt und inzwischen in Schwerin wohnt, auch in der Theorie nachweisen, dass er in den letzten drei Jahren alles das gelernt hat, was er zum Führen von Regionalzügen der Deutschen Bahn braucht.

Lokführer ist für viele kleine Jungen ein Traumberuf – Marvin Harm ist durch puren Zufall dazu gekommen. „Ich habe mich nach dem Abitur einfach umgeschaut, wo ich in Schwerin und Umgebung in einem interessanten Arbeitsumfeld gutes Geld verdienen kann“, erzählt er. Dabei sei er auch auf Stellenanzeigen der Bahn gestoßen – und hätte zu denjenigen gehört, die die schwierigen Aufnahmetests auf Anhieb bestanden hätten.

Das erste Lehrjahr allerdings war hart, bergeweise mussten Regeln und Richtlinien auswendig gelernt werden, und in der praktischen Ausbildung durfte er nur mitfahren. „Acht, manchmal sogar zehn Stunden lang einem Lokführer lediglich über die Schulter zu gucken – das war schon ermüdend“, gibt Marvin zu.

Doch bereits im zweiten Lehrjahr durfte er selbst „ran“. Die erste Fahrt, bei der er – mit einem Ausbilder an seiner Seite – einen Zug steuerte, führte nach Ludwigslust. Daran erinnert sich Marvin Harm noch ganz genau – und daran, dass er bei diesem ersten Mal „schon etwas ängstlich“ war. Das hat sich längst gelegt. In letzter Zeit sei er viel auf der Strecke Rostock-Berlin gefahren, erzählt der junge Mann. Und auch künftig werden die Bahnstrecken in Mecklenburg-Vorpommern, Berlin und Brandenburg sein „Zuhause“ sein, einen Arbeitsvertrag als Lokführer der DB-Regio mit Einsatzort Schwerin hat er schon in der Tasche. Auch mal mit dem Intercitiexpress zwischen Hamburg und München hin- und herzusausen, reize ihn weniger: „Ich bin sehr heimatbezogen“, gibt der 21-Jährige zu. Außerdem dürfe ein Lokführer nur mit Fahrzeugen solcher Baureihen fahren, für die er eine Berechtigung besitze. Und er brauche Streckenkunde – wobei sich beides natürlich auch nachträglich erwerben ließe. So lange es geht, will Marvin Harm aber in der Region bleiben – in seinem Traumberuf als Lokführer.

Lennard Kahl in einem modernen, computergesteuerten Stellwert
Lennard Kahl in einem modernen, computergesteuerten Stellwerk

Der Fahrdienstleiter

Als kleiner Junge hat Lennard Kahl in Rostock Signale und Weichen seiner Modelleisenbahn gestellt. Wenn alles gut geht, wird er das schon bald auch bei richtigen Zügen tun – und zwar im großen Stil. Der 21-Jährige, der nach dem Abitur einen kurzen Abstecher in die Immobilienbranche unternommen hat, steht im ersten Jahr der Ausbildung zum Fahrdienstleiter, oder wie es amtlich heißt, zum Eisenbahner im Bahndienst, Fachrichtung Fahrweg. Nach der Lehre soll er im elektronischen Stellwerk in Berlin eingesetzt werden: „Der Zugverkehr wird dort für ganze Streckenabschnitte von Computern gesteuert. Züge und Bauwerke sehen wir dann nur noch als grafische Darstellungen auf dem Monitor.“ Die Herausforderung für den Fahrdienstleiter bestehe darin, für seinen Streckenabschnitt alle Verkehrsbewegungen zu koordinieren, meint Lennard. Neben einem wachen Auge brauche man dazu 100-prozentige Konzentration – und müsse das Betriebsgeschehen immer im Blick haben, wobei auf der Prioritätenliste Sicherheit vor Pünktlichkeit und die vor Wirtschaftlichkeit rangiere.

Bevor er aber von Berlin aus möglicherweise auch die Abläufe auf den Gleisen in Schwerin steuern wird, muss der junge Mann die verschiedensten Bahnanlagen von der Pike auf kennenlernen. Noch immer gibt es z. B. auch mechanische Stellwerke, in denen Weichen per Hand gestellt und die Schranken mit der Kurbel bedient werden – „allerdings sind das inzwischen so wenige, dass wir nicht mehr vor Ort, sondern an Modellanlagen dafür ausgebildet werden“, erklärt Lennard. Elektromechanische Stellwerke sind die am häufigsten anzutreffenden, auch in einem solchen hat er inzwischen gearbeitet. Im Herbst ist dann noch ein Gleisbildstellwerk an der Reihe, „da müssen wir nur noch zwei Knöpfe drücken.“ Im zweiten Lehrjahr, so hofft Lennard, wird er dann auch den Alltag in einer Lok miterleben können – „schließlich sind wir Fahrdienstleiter für die Lokführer die ersten Ansprechpartner bei allen Fragen und auch in Notfällen“. Funktioniere zum Beispiel auf der Strecke ein Signal nicht, müsse der Lokführer anhalten und sich vom Fahrdienstleiter Anweisungen holen, wie weiter zu verfahren ist. Die schönsten Momente in seinem Beruf aber seien für ihn – zumindest bisher – die, wenn er für einen Zug das Signal zur Abfahrt gibt. Davon habe er schon als Kind geträumt. 

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