Selbstverteidigung in Schwerin : Training gegen die Unsicherheit

Pauline schützt ihren Kopf und stößt dabei gleichzeitig mit ihrem Ellenbogen in das Brustbein ihres Trainers. Mit dieser Abwehr kann man einen Angriff kurzzeitig abblocken.
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Pauline schützt ihren Kopf und stößt dabei gleichzeitig mit ihrem Ellenbogen in das Brustbein ihres Trainers. Mit dieser Abwehr kann man einen Angriff kurzzeitig abblocken.

Viele Frauen haben Angst vor Übergriffen. In Selbstverteidigungskursen lernen sie, wie sie sich im Notfall richtig verhalten.

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05. März 2016, 16:00 Uhr

„Fester, fester!“, brüllt Igor Syrola die Schwerinerin Pauline an. Sie holt aus und kickt mit ihrem Fuß gegen seinen Oberschenkel. „Fester, hab ich gesagt“ – „Soll ich nicht lieber meine Schuhe ausziehen?“, fragt Pauline dann. „Nein, auf der Straße ziehst du ja auch nicht deine Schuhe aus“, entgegnet Syrola. Pauline kickt noch einmal. Diesmal kräftiger. Sie trifft. Syrola taumelt etwas zurück: „Das war gut so.“

Es ist eine Szene, wie Syrola sie häufig erlebt. Viele Frauen seien einfach zu vorsichtig. Kaum eine könne laut „Stopp“ rufen. Dabei sei ein selbstbewusstes Auftreten mit das Wichtigste, wenn eine Frau sich bei einem Angriff verteidigen muss. Mehrmals die Woche trainiert Syrola Frauen in der „Cross&FitAcademy“ in Selbstverteidigung. Seit einem Monat bietet das Fitness-Studio in Schwerin einen Kurs auch kostenlos an. – Das Interesse ist riesig.

„Die Idee kam von einem befreundeten Fitness-Trainer aus Köln“, erzählt Studio-Chef Jens Tietze. „Nach den Angriffen in der Silvesternacht haben alle immer nur geredet, man müsse was tun. Aber gemacht hat niemand was. Mein Kumpel meinte dann: Wir fangen einfach an. Wir bieten kostenlose Selbstverteidigungskurse für Frauen an.“

Gesagt, getan. Im Februar startete Tietze einen kostenlosen Kurs in seinem Studio. Über 130 Frauen meldeten sich an. Mehr als doppelt so viel, wie Tietze angenommen hatte. „Die Warteliste ist noch lang. Wir mussten einigen absagen. Es wird auf jeden Fall noch einen weiteren Kurs geben“, sagt er. Das Training sei ausschließlich für Frauen. „Weil die besonders gefährdet sind“

Das Training sei auf Deeskalation aufgebaut. Damit es erst gar nicht zu einem Übergriff kommt, sollte die Frau laut und aktiv sagen, dass sie in Ruhe gelassen werden will, in dem sie beispielsweise sagt: „Halt. Gehen Sie weg.“ Dabei sollte sie darauf achten, den Angreifer nicht zu duzen, rät Syrola: „So bewahrt man auch verbal die Distanz“ Der Trainer rät Frauen davon ab, zuerst anzugreifen. „So stellt sie sich mit ihm auf eine Ebene und der Mann wird reagieren.“

Doch was, wenn es doch zum Angriff kommt? „Es gibt viele Möglichkeiten, sich aus solch einer Situation zu befreien.“ Syrola zeigt den Frauen beispielsweise, wie sie durch einen gezielten Schlag gegen den Brustkorb oder den Kehlkopf den Angreifer leicht für einen kurzen Moment ausschalten können. Mit einem kräftigen Kick gegen den unteren Teil des Oberschenkels, seien Frauen sogar in der Lage einem Mann das Knie zu brechen. „Es ist oft die Frage: Komme ich selbst ins Krankenhaus oder der Angreifer“, sagt Syrola. Dessen sollte man sich immer bewusst sein.

Auch deshalb empfiehlt der Trainer, einen Selbstverteidigungskurs mindestens ein Jahr lang zu besuchen. Nur so könnten sich Abläufe festigen. „Wenn wir wissen, was kommt, sind wir besser vorbereitet. Ein Zweikampf ist immer Kopfsache.“ Von Waffen wie Pfefferspray und Messer hält Syrola abstand. „Man muss damit umgehen können. Im schlimmsten Fall entwendet der Angreifer die Waffe und setzte sie gegen die Frau ein.“

„Ich fühle mich jetzt schon sicherer“, sagt Kursteilnehmerin Pauline. Sie hätte schon immer nachts auf der Straße Angst gehabt. Seit Silvester noch mehr. Das Training gibt ihr Sicherheit, sagt sie. „Die Tricks sind sehr leicht. Ich bin erstaunt, was man doch gegen einen durchtrainierten Mann bewirken kann.“

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