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Mecklenburg-Vorpommern

25. November 2017 | 07:00 Uhr

Schwerin : Touchscreen statt Schulbuch

vom
Aus der Onlineredaktion

In der Neumühler Schule in Schwerin ist dieses Schuljahr eine Tabletklasse gestartet. Für den digitalen Ausbau werden Gelder benötigt.

von
erstellt am 11.Nov.2017 | 07:00 Uhr

„Wir schlagen unser Lehrbuch auf Seite 21 auf.“ Die Stimme von Svea Worm hallt durch den Klassenraum. Statt Papierrascheln ist nur leises Wischen zu hören. 13 Schüler tippen eifrig auf den Bildschirm ihres Minicomputers. Denn hier finden sie das Schulbuch – in digitaler Form.

Seit Beginn dieses Schuljahrs sieht man klassische Schulhefte und -bücher in der Klasse 7a der Neumühler Schule in Schwerin seltener. Denn alle Schüler haben – hauptsächlich von den Eltern finanziert – ein eigenes iPad, mit dem im Unterricht gearbeitet wird.

Den Traum von einer Tabletklasse hegte Schulleiterin Nadja Jähnig schon länger. Für sie ist digitales Lernen heute unverzichtbar. „Es geht darum, die Schüler darauf vorzubereiten, was sie in Zukunft erwartet“, sagt sie. Gemeinsam mit Klassenlehrerin Svea Worm und den Fachlehrern der 7a konnte sie das Projekt verwirklichen. Nach den Sommerferien startete die Neumühler Schule als dritte Schule in MV mit dem Tabletunterricht in Eins-zu-eins-Lösung.

Ob Bio, Deutsch, Englisch, Geschichte, Mathe, Musik oder Physik – das iPad wird in vielen Schulstunden eingesetzt. Das kommt bei den Siebtklässlern des Gymnasialszweigs gut an. Es dauert keine Minute, bis alle die richtige Seite gefunden haben. Indirekte Rede steht auf dem Stundenplan. Trotz digitalem Lehrbuch geht es recht klassisch weiter. „Wer liest die Aussagen der Schüler auf dieser Seite vor?“, fragt Lehrerin Svea Worm. Sie handeln von Datenmissbrauch, Mobbing im Internet und dem richtigen Umgang mit sozialen Medien – passend.

Für das Lernen mit dem iPad haben alle Schüler, ihre Eltern und die Schulleitung der Neumühler Schule eine Nutzungsvereinbarung unterschrieben. Darin steht zum Beispiel, dass die Tablets in der Pause eingeschlossen werden. Und, dass die Kinder keine nichtaltersgerechten Inhalte herunterladen. Außerdem werden sie in einer Schulstunde pro Woche in Methoden- und Medienkompetenz geschult.

Weiter geht’s mit dem Deutschunterricht. Die Aufgabe: Durch Netzrecherche sollen die Schüler die richtige Bildung des Konjunktivs herausfinden. „Jeder findet seinen eigenen Lösungsweg“, sagt Svea Worm. „Das individuelle Lernen wird so gestärkt.“ Anschließend projizieren die Mädchen und Jungen ihre Lösungen abwechselnd auf das Whiteboard – eine digitale Tafel, mit der alle iPads im Klassenraum verbunden sind.

Plötzlich ertönt ein Rascheln. Die Schüler holen ihre Hefter raus – und schreiben die Ergebnisse vom Whiteboard ab. Händisch und auf Papier. „Alles an Merkwissen übertragen sie ins Heft“, erklärt die Lehrerin. Es sei ihnen von Anfang an wichtig gewesen, dass trotz iPad auch die klassischen Medien noch zum Einsatz kommen. „Von der Hand in den Verstand“, sagt Schulleiterin Nadja Jähnig. Studien hätten erwiesen, dass Schüler Wissen mittels Tablet & Co. nicht so gut behalten, als wenn sie es aufschreiben. Deshalb kommt bei ihnen der Minicomputer zu etwa 50 Prozent zum Einsatz.

In der 7a wird es laut. „Ich hab’ einen ,Kahoot!’ für euch vorbereitet“, sagt Svea Worm. Ihre Schüler plappern begeistert los. „Kahoot!“ ist quasi das digitale Galgenmännchen. Alle verbinden sich mit dem Programm und das Quiz geht los. Auf dem Whiteboard ploppt eine Frage auf, vier Antwortmöglichkeiten gibt es. So schnell wie möglich tippen Luca, Jana und ihre Mitschüler ihre Lösung ein. Denn Kahoot! erfasst nicht nur, wer richtig geantwortet hat, sondern auch, wer der Schnellste war. Nach zehn Fragen ist klar: David ist heute der Beste. Für Svea Worm sind Programme wie dieses eine gute Möglichkeit, um Gelerntes zu festigen und zu überprüfen, wer an welcher Stelle noch Lücken hat. „Und durch diese Art des Lernen kommen sie mir motivierter vor“, fügt die Klassenlehrerin hinzu. Allerdings stehen sie mit dem Tabletprojekt auch noch ganz am Anfang. „Wir haben jetzt etwas mehr als zwei Monate unsere Tabletklasse. Es wird sich zeigen, ob die Einführung positiv war“, resümiert auch Schulleiterin Nadja Jähnig.

An der Schule am Bodden in Neuenkirchen bei Greifswald kann man hingegen auf über vier Jahre Erfahrung mit Tabletunterricht zurückblicken. 2013 war die Regionalschule die erste staatliche Schule in MV, in der zwei komplette Klassen mit iPads ausgestattet wurden. Mittlerweile lernen alle Jahrgänge von Klasse sieben bis zehn mit den Minicomputern. „Bei uns sind Tabletklassen nicht nur ein Projekt, sondern sie gehören zu unserem Profil“, betont Schulleiter Bernd Leu. Er fügt hinzu: „Das iPad ist für uns ein zusätzliches Medium – und das soll auch in Zukunft so bleiben!“ Nach wie vor würden Schulhefte und Schulbücher im Unterricht benutzt werden.

Der Weg zur Medienschule war kein einfacher. Dennoch: „Wir wollen nicht zurück – aber wir mussten auch viel für die Medienerziehung unserer Schüler und Medienfortbildung unserer Lehrer tun,“ so Bernd Leu.

Auch in Schwerin gab es einige Probleme wie die Finanzierung der Tablets, den Aufbau des Wlans und die Schulung des Lehrpersonals, die zuvor gelöst werden mussten. Und nach wie vor bestehen Schwierigkeiten. So gibt es bisher kaum digitale Lehrmaterialien für das Curriculum in MV. Oder nur für teure Lizenzen. Geld für den weiteren Ausbau der technischen Infrastruktur – und damit die Möglichkeit, weitere iPad-Klassen einzuführen, fehlt außerdem. „Hierfür benötigten wir dringend die Gelder aus dem versprochenen Digitalpakt“, sagt Schulleiterin Jähnig.

Die Probleme sind auch in der Landespolitik bekannt. „Beim digitalen Lernen klafft eine Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Es fehlt nicht nur an technischer Ausstattung, sondern auch an entsprechendem pädagogischem Knowhow“, sagt Bildungsministerin Birgit Hesse (SPD). Für den digitalen Wandel in den Schulen werde die Unterstützung vom Bund in Form von Geldern aus dem im Herbst 2016 angekündigten Digitalpakt dringend benötigt. Hesse warnt: „Unsere Schulen dürfen den Anschluss an die digitale Welt nicht verpassen.“

Dass das Lernen am Computer nicht nur Vorteile hat, haben auch die Schüler bemerkt. „Es ist cool, dass wir das haben – nur manchmal nervt es, wenn die Technik nicht klappt“, erzählt der zwölfjährige David. Dennoch gefällt ihnen der Tabletunterricht. Besonders, wenn sie im Umgang mit dem iPad mehr können als Lehrer und Eltern. „Wir sind noch Kinder und setzten uns jetzt schon mit der Technik auseinander und können auch manchmal den Erwachsenen etwas erklären“, freut sich die zwölfjährige Nele. Auch Schulleiterin Nadja Jähnig schaut positiv für die weitere Entwicklung in die Zukunft: „Es ist wichtig, dass wir nicht die Schwierigkeiten in den Vordergrund stellen, sondern die Neugierde am Lernen an den neuen Medien.“

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