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Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 14:00 Uhr

Tote zeigen das Leben

vom

svz.de von
erstellt am 14.Jun.2013 | 08:33 Uhr

Leuchtend rot inmitten fein verästelter Gefäße ist ein menschliches Herz das Erste, was den Besucher der „Körperwelten“-Ausstellung empfängt. Unmissverständlich zeigt das plastinierte Organ eines Toten, worum es beim Rundgang durch die Räume voller präparierter Körper und Körperteile gehen soll: das Herz als Motor des Menschen, sein Gefäßsystem und seine Krankheiten. Mit mehr als 200 Exponaten ist die Ausstellung „Körperwelten – Eine Herzenssache“ gestern in der Rostocker Hanse Messe eröffnet worden.

Macher erwarten 100 000 Besucher
„Das Thema Herz ist mir besonders wichtig. Schließlich sind Herz-Kreislauf-Erkrankungen in unserer Gesellschaft der Killer Nummer eins“, sagt Angelina Whalley. Die Kuratorin der Wanderausstellung ist auch die Ehefrau von Gunther von Hagens, der die Plastinations-Methode zur Haltbarmachung von Leichen entwickelt hat. Persönlich konnte der Anatom wegen seiner fortschreitenden Parkinson-Erkrankung nicht nach Rostock kommen.
„Ich wünsche mir, dass die Ausstellung viele Besucher anregt, herzbewusster und gesünder zu leben“, sagt Whalley. Erst dann wolle sie von einer erfolgreichen Ausstellung sprechen – nicht, wenn eine bestimmte Besucherzahl erreicht sei. Dennoch haben sich die Veranstalter ehrgeizige Ziele gesetzt: 100 000 Besucher wollen sie bis zum 1. September in die Hanse Messe holen. Seit ihrer Premiere 1995 in Japan haben die „Körperwelten“-Schauen weltweit schon 36 Millionen Besucher angelockt.

Babys, wie auf Kissen schlafend
Die anfangs laute Kritik an dem Ausstellungskonzept, das auf der Darstellung präparierter Leichen in lebensnahen Posen basiert, ist inzwischen leiser geworden. Die ethischen Bedenken sind aber längst nicht ausgeräumt. Das weiß Whalley und verteidigt ihre Ausstellung gegen Vorwürfe der Sensationslust und einer Kommerzialisierung des Todes vorauseilend als „Hommage an das Leben“. Sie erzählt von einer Ausstellungsbesucherin in Japan, die dreimal versucht habe, sich das Leben zu nehmen, aber nach dem Besuch der „Körperwelten“-Ausstellung das Wunder und den Wert des Lebens erkannt habe. „Ich sehe es in den Gesichtern der Besucher in den Ausstellungen: Sie sind tief berührt von der Selbsterkenntnis, vom Blick auf die wunderbaren Funktionsweisen im Inneren des Menschen, der Laien sonst nicht möglich ist.“

Wovon Whalley nicht spricht, sind Gefühle wie Mitleid, Angst oder Abscheu, die Besucher empfinden könnten, wenn sie von Tumoren zersetzte Organe sehen. Oder Embryonen und Föten von der ersten bis zur 30. Schwangerschaftswoche, die, wie auf kleinen schwarzen Kissen schlafend, nebeneinander aufgereiht sind.

Groteskes neben Informativem
Die „Körperwelten“-Kuratorin betont: Bildung, Aufklärung und wissenschaftliche Aspekte stünden im Vordergrund, in der aktuellen Ausstellung eben mit dem besonderen Schwerpunkt des Herz-Kreislauf-Systems. Doch neben plastinierten gesunden und kranken Herzen und Gefäßen, zahlreichen Erklärungstafeln und -filmen zur Entstehung von Infarkten oder Risikofaktoren finden sich in der Ausstellung auch Exponate, die weniger mit dem Motor des Lebens zu tun haben. Angesichts grotesk anmutender Ganzkörper-Studien wie dem „Titanic-Paar“ oder dem „Schubladenmann“, der sich seine Organe selbst aus dem Körper zieht, tritt das eigentliche Thema der Ausstellung in den Hintergrund. Auch die tierischen Exponate in der Schau, die 3,50 Meter hohe Elefantenkuh Samba oder die aus 50 Scheibenplastinaten bestehende Giraffe beeindrucken durch ihre Größe, lenken aber den Blick weg von dem, was ursprünglich die „Herzenssache“ werden sollte. Christine WeberDie Ausstellung ist bis zum 1. September täglich von 10 bis 20 Uhr in der Hanse Messe zu sehen.

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