Ansturm auf die Notaufnahme : Totale Erschöpfung nach 24 Stunden

Er nutzt die seltenen Ruhephasen für Büroarbeit: Assistenzarzt Hannes Knuth nach 24 Stunden Dienst in der Notaufnahme. Foto: nien
Er nutzt die seltenen Ruhephasen für Büroarbeit: Assistenzarzt Hannes Knuth nach 24 Stunden Dienst in der Notaufnahme. Foto: nien

25 Prozent mehr Patienten in den letzten zwei Jahren – das überlastet Ärzte und Schwestern. Mediziner geben der zunehmende Profitgier im Gesundheitssystem Schuld. Aber auch Patienten könnten entlasten.

svz.de von
16. Juli 2012, 09:48 Uhr

Hagenow | Hannes Knuth reibt sich die Augen, atmet tief durch. 24 Stunden Schicht in der Notaufnahme Hagenow haben ihre Spuren beim Assistenzarzt aus Wittenburg hinterlassen. "Da ist man eben nicht mehr ganz frisch", sagt er nüchtern. Dabei ist die Nacht von Freitag zu Sonnabend eine der ruhigsten seit Langem gewesen. Acht Patienten - vier ambulante, vier stationäre. "Das ist sehr human", sagt der 44-Jährige, der von durchschnittlich 15 Patienten und mehr pro Schicht berichtet. Mitunter sechs gleichzeitig.

"Man fühlt sich oft überlastet, weil man die Arbeit nicht schafft", sagt er. Häufig bleibe zu wenig Zeit, um über Behandlungen nachzudenken, um abzuwägen - ein "Konflikt mit dem Gewissen". Der Anspruch an sich selbst ist hoch. Er will jeden so gut es geht behandeln. Doch wenn die Schlange im Warteraum immer länger wird... Alle zwei Stunden ein Patient, durchgängig von Freitag- bis Sonnabendmorgen. Keine Seltenheit. "Da bleibt keine Zeit für Schlaf."

Oberarzt Dr. Ralf Zimmermann hat an diesem Wochenende Rufdienst und unterstützt den Assistenzarzt und die Schwester in der Notaufnahme. Hauptsächlich versorgt er allerdings die Patienten in der Inneren mit insgesamt 70 Betten. Auch er fühlt sich nach so einem Wochenende ausgelaugt und fertig. Dabei könnte es anders sein. Zwar kämen viele Notfälle zur Aufnahme. Aber eben auch Menschen, die vergessen haben, sich ihre Medikamente vom Arzt verschreiben zu lassen. "Wir behandeln jeden. Für solche leichten Fälle ist aber eigentlich der Kassenärztliche Notdienst da", sagt Dr. Ralf Zimmermann.

Kurzes Gespräch auf dem Flur vor der Visite. Hannes Knuth erzählt dem Oberarzt letzte Details zu einem Fall in der Früh: Ein Mann ist mit 3,6 Promille eingeliefert worden.

Die Bilanz der Ambulanten in dieser Schicht: eine junge Frau mit Ohrenschmerzen, die schon länger in Behandlung ist und von einem HNO- oder Kieferspezialisten hätte behandelt werden müssen; Patienten mit Bauchschmerzen und Zeckenbiss; und ein junger Mann mit einer Nierenkolik, der eigentlich in der Klinik hätte bleiben müssen, aber nur Pillen wollte, um nachts auf der Airbeat-One in Neustadt-Glewe feiern zu können. "Das hätte auch der Kassenärztliche Notdienst machen können", sagt Hannes Knuth, der seit 2008 Assistenzarzt in Hagenow ist.

So wie diese Nacht könnte jede sein. "Dann macht der Dienst Spaß." Wenn er daran denkt, dass er vor einer Woche noch um Betten für die nachrückenden Patienten kämpfen musste... Urlaubszeit, frisches Wetter - damit ließe sich diese ruhige Schicht erklären. Zehn Grad Celsius mehr, und es sehe anders aus, meint Hannes Knuth. Hitze und hohe Luftfeuchtigkeit erhöhen den Ansturm auf die Notaufnahme.

Der gebürtige Teterower nimmt sich zwei Akten vom Stapel im Ärztezimmer. Er tippt auf der Tastatur des Computers. Einiges bleibe bei dem Stress liegen, so der Mediziner, der die Gelegenheit nutzt, um Arztbriefe zu schreiben. Vor- und Nachbereitung gehört eben genauso zu seinem Job, wie die reine Behandlung. Dass er sich dann noch von Patienten anhören darf, er habe den Beruf verfehlt, "zieht einen noch mehr runter". Die Folge: Selbstzweifel. Obwohl er alles tue, um jeden Menschen so schnell und gut wie möglich zu versorgen. Sogar mit einem Rechtsanwalt werde mitunter gedroht. "Sie können sich eben nicht in unsere Lage versetzen", verteidigt er die Patienten.

Jetzt übernimmt die Kollegin. Am Sonntag startet dann die nächste 24-Stunden-Schicht um 9 Uhr. Die Zeit dazwischen? "Da muss man einen Cut setzen, versuchen abzuschalten, sich auf sich selbst zu konzentrieren", sagt Hannes Knuth. Mit Schlafdefizit schwingt er sich schließlich aufs Rad und fährt eine Stunde heim nach Wittenburg. "Das hilft, runterzukommen." An Schlafen ist aber auch zuhause nicht sofort zu denken. Da warten Frau und Tochter, um zumindest etwas gemeinsame Zeit am Wochenende zu haben.


KURZ ERKLÄRT

Zum Kassenärztlichen Notdienst

Der Kassenärztliche Notdienst ist die Vertretung des behandelnden Arztes oder Hausarztes außerhalb der üblichen Sprechzeiten und ist für Erkrankungen gedacht, deren Behandlung nicht bis zum nächsten Werktag warten kann. Niedergelassene Ärzte fast aller Fachrichtungen übernehmen diesen Dienst. Die Zentrale ist unter der 116 117 zu erreichen. Sie vermittelt zu den Notdiensten in den Regionen, die auch täglich im Hagenow-Planer der SVZ veröffentlicht sind.


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