zur Navigation springen
Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 08:45 Uhr

Torte, Tee und Tafelwein mit 180 PS

vom

svz.de von
erstellt am 03.Jul.2013 | 09:58 Uhr

Neuendorf | Irgendwann muss auch mal ein Sönke Schlüter einkaufen. Sonst hat er schließlich nichts, was er an den Mann oder die Frau bringen kann. Beispielsweise Kardamom, gemahlen, oder Geschenkpapier, Brühwürfel, Feudel, Margarine, Bier, Kartoffelchips, Steaks, Zigaretten, Blumen, Zwiebeln, frischen Kuchen, Frauen- und Programmzeitschriften, Würstchen. Kurzum: Schlüter kutschiert alles durch den nördlichen Kreis Pinneberg, was man für den Alltag eben braucht. Auch Klopapier.

Montag ist für Schlüter also Einkaufstag. Allerdings ein besonderer. Abfahrt 2.30 Uhr. Es geht zum Hamburger Großmarkt. Wegen der Frische. Denn selbstredend hat er in seinem 6,60 Meter langen Mercedes-Supermarkt mit 180 PS verschiedene Abteilungen. Hinten links ist die Drogerie untergebracht, hinten rechts die Fertiggericht-Ecke, unten links findet man das in der Hansestadt erworbene Gemüse, auf halber Höhe den Kuchen, daneben das frische Brot und die Brötchen.

Etwa 1500 Artikel führt Schlüter, der seine Fleischwaren bei einem renommierten Elmshorner Schlachter einkauft. Und wenn er gegen Montagmittag von seiner Einkaufstour, bei der er auch bei "Metro" haltmacht, zurück ist, gibts erst Essen und später ein ausgedehntes Schläfchen.

So oder ähnlich organisieren ihre Touren in ganz Deutschland circa 1800 Fahrer mobiler Märkte, wie Hans-Heinrich Lemke, Vorsitzender vom Fachverband mobile Verkaufsstellen in Göttingen, gezählt hat. Die Lieferwagen tragen dabei Namen wie "Frische mobil", "Heikos Kaufzuhaus" oder "Risches rollender Supermarkt" und bedienen laut Lemke täglich eine Million Kunden zwischen Nordsee und Oberammergau.

Schlüters Mercedes hat keine Bezeichnung. Der 60-Jährige kann sich beruflich trotzdem nichts anderes vorstellen. "Die Menschen freuen sich, wenn ich komme. Und sollte ich mal zehn Minuten später dran sein als gewohnt, klingelt schon mein Mobiltelefon: ,Wo bleiben Sie?" Denn - so gibt Schlüter zu bedenken - seine Kunden seien zu 98 Prozent ältere und teils sehr alte Menschen. "Für die bin ich der Höhepunkt der Woche, endlich kommt mal wer zum Reden", erklärt er. Für einen Schnack nehme er sich daher immer Zeit. Das sei das halbe Geschäft. Wie auf Bestellung bewegt sich eine alte Dame auf den Mercedes zu. Sie lässt ihren Rollator stehen und steigt die drei Stufen zum Verkaufsraum empor.

Und dann quillt es aus ihr heraus: "Mann, is dat scheun, dat wir nochn Milchmann ham", sagt die Seesterin mit ehrlicher Begeisterung. Für sie, merkt die Dame an, wäre es eine "Katastrophe, wenn der Herr Schlüter nicht mehr kommen würde". Und fügt hinzu: "Machen Sie bloß so weiter! Ich warne Sie!" Dabei wackelt sie vor Schlüters strahlendem Gesicht mit dem Zeigefinger herum. "Da machen Sie sich mal keine Sorgen, ich liebe meinen Job", gibt Schlüter zurück. Wie zum Beweis trägt er die Einkäufe der Seniorin zum acht Meter entfernten Haus eingang.

Hackfleisch dürfe er wegen einer besonderen Verordnung nicht täglich anbieten. Doch dann könne man ihn einfach anrufen: "Was ich nicht im Sortiment habe, besorge ich kurzfristig." Geburtstagstorten? Kein Problem. Nähgarn? Wird geliefert. Den Brief einwerfen? Gerne. Man merkt, dass Schlüter es mit den beiden Hälften des Wortes Dienstleistung ernst meint.

Von den notorischen Nörglern abgesehen, die es auch unter seiner Kundschaft gebe, habe er nur ein einziges Mal in den 25 Jahren, in denen er zu einer Institution wurde, Unangenehmes erlebt: "Eine Kundin rief mich an, damit ich einen Selbstmörder, den sie gefunden hatte, vom Strang schneide - ihren Mann." Das ging Schlüter dann doch zu weit.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen