Bundestagswahl 2017 : Tomatenwürfe auf die Kanzlerin

<p>Stefan Sauer</p>
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Stefan Sauer

Bei ihrem Auftritt in Wolgast schlägt Angela Merkel purer Hass entgegen – die Regierungschefin trifft aber auch den Nerv der Bürger

svz.de von
08. September 2017, 20:20 Uhr

Wolgast Es gab Parteikollegen, die der Bundeskanzlerin von einem Besuch in Wolgast abgeraten haben. Schon am Ortseingang wurde deutlich, dass Angela Merkel (CDU) gestern nicht bei allen willkommen ist. Ein Großplakat mit ihrem Konterfei ist mit neonroter Farbe und der Parole „Merkel muss weg“ besprüht worden. Auch viele andere Plakate der CDU sind beschmiert oder beklebt worden. Vor der Hufeland-Halle, in die die CDU  die Kundgebung kurzfristig verlegt hat, schlägt  der Regierungschefin dann der pure Hass entgegen.

Als Merkels schwarze Limousine die Asphaltstraße hochrollt, setzt ein Pfeifkonzert ein. Anhänger der rechtsextremen NPD haben sich mit Plakaten und Transparenten an der Straße postiert.  Die NPD-Demonstranten, unter ihnen auch Landesparteichef Udo Pastörs, brüllen „Merkel muss weg“ , „Volksverräterin“ und „Hau-ab“. Trillerpfeifen schrillen, Buhrufe ertönen. Der Wagen der Regierungschefin wird mit Tomaten beworfen. Auch die AfD hat einige Protestler mobil isiert. Rund 150 Merkel-Gegner zählt die Polizei.

Zu solchen Störungen war es bereits bei früheren Auftritten der Kanzlerin gekommen. Sie will sich davon nicht unterkriegen lassen. „Mir ist es wichtig, auch immer wieder dorthin zu fahren, wo ich nicht nur freundlich empfangen werde“, hatte sie nach einem ihrer schlimmsten Auftritte vor wenigen Tagen im nordsächsichen Torgau gesagt. 

   Auch Wolgast gilt als schwieriges Wahlkampfterrain. Die Stadt liegt im Bundestagswahlkreis 16. Bei der letzten Landtagswahl hat die AfD dort drei Direktmandate gewonnen. Am 24. September will die CDU dort mit dem 24 Jahre alten Direktkandidaten Phillipp Amthor punkten. Merkel unterstützt seinen Wahlkampf in einer Region mit großen Frustpotenzial.

Zu den Demonstranten in Wolgast, die Kanzlerin Merkel mit der Trillerpfeife im Mund begrüßen, gehört auch Harald Hess.  Der Stadtvertreter (Achtsame Demokraten) trägt ein Schild, dass die Sorgen der gemäßigten Demonstranten  auf den Punkt bringt: „CDU und SPD machen hier alles zu.“ Die Stadt sei systematisch ausgehöhlt worden. „Zuletzt wurde das Gericht zugemacht“, sagt Hess, der mal SPD-Mitglied war. Die Bürger fühlten sich von der Politik im Stich gelassen. „Im Krankenhaus  wurden die Kinder- und Geburtenstation geschlossen. Das Krankenhaus soll kleingemacht werden“, kritisiert Hess.

Die Kanzlerin spricht in der Halle  vor rund 800 Zuhörern weitgehend störungsfrei und schlägt einen Bogen durch das CDU-Wahlprogramm.   Den Nerv der Wolgaster trifft sie, als sie Verständnis für deren Unmut über die Kreisgebietsreform, die Schließung des  Gerichtes und der Geburtsstation zeigt. „Es wird nicht immer besser, wenn man immer mehr zentralisiert“, sagt die Kanzlerin. Das sei  schon einmal viel wert, findet eine Besucherin und klatscht. Eine klare Botschaft richtet die Kanzlerin auch an die die rechten Parolenbrüller vor der Halle: „Schreien und Pfeiffen reicht nicht aus, um Deutschland voranzubringen.“ Sie wirbt stattdessen dafür, zur Wahl zu gehen. 

Nachgefragt bei Prof. Werner Patzelt, Politikwissenschaftler an der TU Dresden

Vor allem im Osten trifft die Kanzlerin auf Proteste. Wie gefährlich wird das für die Union vor der Wahl?
Patzelt: Vor allem im Osten gibt es eine tiefsitzende Unzufriedenheit mit dem System der Bundesrepublik sowie ihrer politischen Klasse. Sie kam als Kritik an der Zuwanderungspolitik an die Oberfläche. Pegida machte derlei Empörung unübersehbar. Man tat das aber als nichts weiter als rechtsradikale Umtriebe ab und nahm die tieferliegenden Ursachen nicht ernst. Davon profitiert nun die AfD, und zwar bundesweit. Allerdings ist im Osten solche Unzufriedenheit viel größer als im Westen. Und jene, denen die Kanzlerin anlässlich ihrer Sorgen um das Migrationsgeschehen von oben herab „Hass und Kälte im Herzen“ bescheinigt hat, begegnen ihr jetzt genauso von unten herauf. Natürlich ist das unangenehm für die Kanzlerin. Aber auch Franz Josef Strauß und Helmut Kohl haben im Wahlkampf solche Proteste erlebt. Neu ist nur, dass diese jetzt von rechts kommen. Das gilt als ungehörig, während man für Proteste von links meist Verständnis hat. Im Übrigen hat die Popularität der CDU zuletzt leicht nachgelassen, und die Bilder der Proteste gegen Frau Merkel könnten jene bestärken, welche die Union abstrafen wollen.
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