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Mecklenburg-Vorpommern

23. September 2017 | 03:56 Uhr

Töten um des Tötens willen

vom

svz.de von
erstellt am 03.Jun.2013 | 07:53 Uhr

Rostock | Es war das erwartete Urteil: Lebenslang für Paul K. So wie es das Gesetz bei Mord vorschreibt. Aus Lust am Töten hat der 22-jährige Fleischerlehrling im vorigen November die Prostituierte Yana M. umgebracht. Völlig arglos sei die 52 Jahre alte Ukrainerin dem vermeintlichen Freier in ihrer Modelwohnung im Rostocker Szeneviertel Kröpeliner-Tor-Vorstadt gegenübergetreten, schilderte der Vorsitzende Richter Peter Goebels gestern bei der Urteilsbegründung das Geschehen.

Sofort habe K. dann das 30 Zentimeter lange Fleischer-Messer hervorgeholt. Der Richter nimmt sich Zeit für die Details, die wohl so manchem Zuhörer im Rostocker Landgericht das Blut in den Adern gefrieren lassen. Erst setzt K. die viel kleinere Frau mit vier Messerstichen in Bauch und Rücken außer Gefecht. Als sie schreit und zu Boden geht, bringt er zu Ende, was er von Beginn an wollte. Er schneidet ihr die Kehle durch. Mit großer Kraft, wie der Richter sagt. Paul K. sieht der Frau dabei in die Augen. Es sei ihm vorgekommen, als sähe er ihre Seele davonfliegen, beschrieb es der 22-Jährige vor Gericht. Bei dem Gedanken habe er lachen müssen. "Des Teufels Werk" - wollte er eigenen Angaben nach eigentlich mit dem Blut der Frau an die Wand schreiben, ließ es aber doch bleiben.

Es war ja auch nicht des Teufels Werk, sondern das von Paul K. Und der hat dem Gericht zufolge die Tat sehr wohl überlegt ausgeführt. Mehr als zwei Jahre verfolgten ihn - oder verfolgte er - Tötungsphantasien. Las einschlägige Romane und Biografien, versetzte sich in die Gedankenwelt berüchtigter Serienmörder. Stellte sich vor, wie es wäre, den verhassten Vorarbeiter aus der Mecha troniker-Lehre zu quälen und zu ermorden. Oder seine Cousine vor den Augen der Familie umzubringen.

Dass er seine Phantasien dann bei Yana M. in die Tat umsetzt, sei mehr oder weniger Zufall gewesen, sagt der Richter. Er habe zwar mehrfach die Dienste Prostituierter in Anspruch genommen, die Ukrainerin aber nicht gekannt. Sie arbeitete allein. Das hatte er am Nachmittag des Tattages überprüft. Kein sexueller Sadismus, der ihn motivierte. Sie schien ihm einfach das ideale Opfer zu sein, um unentdeckt zu bleiben. "Es hätte auch ein Mann oder eine andere Frau sein können", sagt der Richter.

Paul K. hört die ausführliche Urteilsbegründung ohne sichtbare Regung. Das Gesicht von seinem langen Haar verdeckt, den Kopf auf die Hand gestützt, vermeidet er jeden Blickkontakt mit dem Publikum. Ein gut aussehender junger Mann, der Hardrock in einer Band spielte und selbst Lieder schrieb. Der die ungeliebte Mechatroniker-Ausbildung abbrach und eine Fleischer-Lehre aufnahm, die ihn offenbar mehr begeisterte. Der sich an Normen halten konnte. Der nicht vorbestraft ist.

Was ihn antrieb? Nichts Krankhaftes jedenfalls, wie der psychiatrische Gutachter feststellte. Paul K. ist kein Psychopath. Sicher, ein deutlicher Mangel an Gefühl fiel dem Experten auf. Aber nichts, was mit einer seelischen Abartigkeit oder einer tiefgreifenden Bewusstseinsstörung zu begründen wäre. Töten um des Tötens willen - dazu seien nun mal auch gesunde Täter in der Lage, unternimmt der Richter einen Erklärungsversuch. Und spricht in Anlehnung an die Philosophin Hannah Arendt von der "Banalität eines grauenhaften, barbarischen Handelns, das dem Menschen eigen ist".

Die Leiche von Yana M. wird erst mehr als eine Woche nach der Tat gefunden. Als K. davon aus den Medien erfährt, geht er von sich aus zur Polizei. Die Tatwaffe und die Handschuhe, die er bei der Tat trug, nimmt er als Beweis mit. Die Ermittler stellen später Spuren des Blutes von Yana M. daran sicher. Vermutlich wäre Paul K. nie entdeckt worden. Er habe für die Tat gerade stehen wollen, begründet er, warum er sich stellte. Und auch befürchtet, wieder zu töten. Dieses Geständnis allein bewahrt ihn vor einer noch höheren Strafe.

Eine "besondere Schwere der Schuld" stellt das Gericht bei ihm nicht fest. So wird Paul K. mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits nach 15 Jahren aus dem Gefängnis entlassen.

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