25 Jahre Mauerfall : Tödlicher Absturz mit Fluchtballon

Eine Gedenkstele erinnert  in Berlin-Zehlendort an den Tod von Winfried Freudenberg.
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Eine Gedenkstele erinnert in Berlin-Zehlendort an den Tod von Winfried Freudenberg.

Der Mauerfall war für viele Menschen ein Tag der Freude. Doch Hunderte Grenzopfer erlebten ihn nicht mehr – einer von ihnen ist Winfried Freudenberg

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08. März 2014, 16:00 Uhr

Die leere Hülle des Gasballons hat sich im Geäst eines Straßenbaumes verfangen. Wenige hundert Meter weiter schlägt an jenem Morgen vor 25 Jahren der völlig unterkühlte DDR-Ingenieur aus großer Höhe im Garten einer Villa im West-Berliner Stadtteil Zehlendorf auf. Winfried Freudenberg ist sofort tot. Es ist der 8. März 1989. Über Stunden trieb der 32-Jährige mit seinem selbst gebauten Fluchtballon in eisiger Kälte durch die Luft. Die Grenze hat der Flüchtling längst passiert. Doch er kann in der Freiheit nicht landen und stürzt ab.

Acht Monate und einen Tag vor dem Fall der Mauer war Freudenberg das letzte Todesopfer an der Berliner Mauer, sagt Historiker Hans-Hermann Hertle vom Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Nur wenige Wochen zuvor war der 20-jährige Chris Gueffroy bei einem Fluchtversuch im Kugelhagel von DDR-Grenzern gestorben. Gueffroy war der letzte Erschossene an der Mauer im geteilten Berlin.

Der Direktor der Stiftung Berliner Mauer, Axel Klausmeier, sagt: Das politische System in der DDR habe bewusst Lebenschancen verhindert. Freudenberg habe fliehen wollen, weil er sich eingeschränkt fühlte. Gueffroy durfte kein Abitur machen und sollte zur Armee.

Zum Gedenken an Freudenberg wurde gestern in der Kapelle der Versöhnung eine Kerze entzündet und aus seiner Biografie gelesen. Diese ist auch im Totenbuch für die Opfer der Berliner Mauer zu finden, das die Mauer-Stiftung und das Potsdamer Institut 2009 veröffentlichten. 136 Todesfälle waren zunächst aufgelistet.

Inzwischen habe sich die Zahl der Toten an dem mörderischen Grenzwall durch die Forschungen auf 138 erhöht, erläutert Hertle. Zwei Männer, die bei der Flucht in der Spree ertrunken waren, kamen erst später auf die Liste. Es sei nicht auszuschließen, dass weitere Fälle entdeckt werden.

Wie viele Menschen an der gesamten innerdeutschen Grenze zwischen 1949 und 1989 umkamen, steht knapp 25 Jahre nach dem Fall der Mauer vom 9. November 1989 noch nicht fest. Derzeit läuft ein Forschungsprojekt, das bis Ende 2015 befristet ist. Der Forschungsverbund SED-Staat an der Freien Universität Berlin hat die Federführung. Die Wissenschaftler untersuchen nach eigenen Angaben 1129 Verdachtsfälle von Opfern des DDR-Grenzregimes. 408 Biografien seien schon recherchiert worden, heißt es in einer Zwischenbilanz. Darunter seien 43 Todesfälle an der innerdeutschen Grenze, die bislang nicht bekannt waren.

Das bislang jüngste Opfer wurde demnach nur sechs Monate alt. Das Baby erstickte im Sommer 1977 im Kofferraum eines Fluchtautos. Recherchiert hat das Team auch, dass sich knapp 60 Grenzsoldaten selbst töteten.

Historiker Hertle vom Potsdamer Institut ergänzt, auch an anderen Grenzen seien noch wenige Wochen vor dem Mauerfall Menschen ums Leben gekommen. Die vermutlich letzten DDR-Bürger, die die Flucht nicht schafften, waren laut Hertle drei Männer, die im Oktober 1989 über Polen in die Bundesrepublik wollten. Sie seien in der Oder ertrunken.

Der aus dem Harz stammende Freudenberg habe mit seiner Frau Sabine die Flucht akribisch geplant, heißt es im Totenbuch. Um an Gas für den aus Folien für Frühbeete gebauten Ballon zu kommen, fängt der Ingenieur bei der Gasversorgung an und zieht nach Ost-Berlin.

Freudenberg rechnet mit maximal 30 Minuten Flugzeit bis West-Berlin. Tagelang wartet das Paar auf günstigen Wind. Dann sieht ein Kellner auf dem nächtlichen Heimweg die Startvorbereitungen für den Ballon und verrät das umgehend an die DDR-Volkspolizei. Es sei noch nicht genug Gas in der 13 Meter hohen Hülle gewesen, um zwei Menschen tragen zu können, sagt Hertle. So kappt Freudenberg allein das Ankerseil und startet überstürzt.

Aus Angst vor einer Explosion schießen die Polizisten nicht. Dann werden dem Flüchtling vermutlich eine defekte Reißleine und tückische Winde zum Verhängnis. Doch was genau in den letzten Minuten im Leben von Winfried Freudenberg geschah, bleibt wohl für immer unklar.

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