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"Jan Heweliusz"-Wrack verfällt : Todesfalle für Abenteurer

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Schon in zehn Meter Wassertiefe ist das auf der Backbordseite auf festem Sand liegende Schiff auszumachen. Der Unterwasserausflug führt über das vom Aufprall zerstörte Oberdeck mit der abgetrennten Brücke.

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erstellt am 27.Jan.2011 | 08:25 Uhr

Rügen | Als Torsten Voigt vor fünf Jahren zum Wrack der "Jan Heweliusz" hinunter tauchte, leuchtete der 126 Meter lange Schiffsrumpf im trüben Wasser noch kräftig weiß. Doch inzwischen ist auch der Unterwasseranstrich komplett schwarz. "Das Wrack ist vollständig mit Miesmuscheln und Pflanzen überwachsen", sagt der Greifswalder Tauchlehrer, der im Juni 2010 das letzte Mal der Unglücksfähre einen Besuch abstattete.

Schon in zehn Meter Wassertiefe ist das auf der Backbordseite auf festem Sand liegende Schiff auszumachen. Der Unterwasserausflug führt über das vom Aufprall zerstörte Oberdeck mit der abgetrennten Brücke. Ein Lkw mit dem Schriftzug "Erwin" ist gerade noch als Fahrzeug erkennbar. Über die abgerissene, neben dem Wrack rostete Heckklappe gelangt der erfahrene Profitaucher in den riesigen Laderaum. Im diffusen Licht, das durch Lüftungsschächte in das von Schlick gefüllte Ladedeck fällt, zeigen sich gefährlich herabhängende Wrackteile von Schiffs-, und Fahrzeug-, Waggons- und Containerteilen. Der Abstieg ins Dunkel des unteren, dritten Ladedecks sei abenteuerlich, sagt Voigt. Zu sehen sei dort nicht mehr viel. Im schwarzen Wasser wird selbst ein 100 Watt-Brenner zur Kerze degradiert. Vor der Öffnung zum Maschinenraum kehrte Voigt damals um. "Da sollte jetzt keiner mehr reinschwimmen", warnt er. Zu groß sei die Gefahr, von herabstürzenden Schrottteilen oder der Maschinenanlage, die nur noch an einer rostenden Befestigung hängt, eingeklemmt zu werden.

Seit die polnische Fähre am 14. Januar 1993 in schwerer See etwa 20 Seemeilen nordöstlich von Rügen sank und 55 Menschen ertranken, hat das Wrack weitere Opfer gefordert. Immer öfter überschätzten sich Sporttaucher bei Tauchgängen zu der in 25 Metern Tiefe liegenden Unglücksfähre, sagt Axel Lienert, Beamter der Wasserschutzpolizei Sassnitz, selbst erfahrener Taucher und Unterwasserarchäologe. Im September 2008 habe sich ein polnischer Taucher im Schiff verirrt. Nach dem Ausfall seiner Lampe habe er, durch keine Leine gesichert, den rettenden Ausgang nicht mehr gefunden. Zwei Wochen später sei er in einem Raum neben der Schiffswerkstatt gefunden worden.

Etwas mehr Glück hatten drei Taucher, die den Tauchgang unterschätzt hatten. Weil beim Rückweg der Sauerstoff ausging, tauchten sie viel zu schnell, ohne Einhaltung der Dekompression wieder auf, und wurden mit einem Hubschrauber in ein dänisches Krankenhaus geflogen, das sie Tage wieder später gesund verlassen konnten. Im Herbst 2006 starb ein 56-jähriger Taucher aus Polen am Heweliusz-Wrack, nachdem er einen Schwächeanfall erlitten hatte.

Inzwischen erwägen Behörden sogar ein striktes Tauchverbot in die verfallende "Jan Heweliusz". Thomas Förster, Forschungstaucher am Stralsunder Ozeaneum, rät generell von Unterwasserausflügen in das relativ stark verschlammte Wrack ab. Tauchgänge in größere Schiffe bedürften einer umfangreichen Vorbereitung und einiger Erfahrung. Normale Sporttaucher seien dazu oft nicht in der Lage, so Tauchexperte Lienert. Wenn überhaupt, dann sollte man keine Alleingänge riskieren, Reservesauerstoffflaschen und Zusatzlampe mitnehmen und auf keinen Fall auf eine Sicherheitsleine verzichten.

Mit der Zunahme des Tauchtourismus nach der Wende sei leider auch die Zahl der Unfälle in der südlichen Ostsee gestiegen, so Förster. Oft würden unerfahrenen Sportlern die schlechte Sicht, die kalte Strömung und der Stress in tief liegenden dunklen Schiffsinnenräumen zum Verhängnis. Vor vier Jahren konnte ein Taucher, der 20 Seemeilen nördlich von Rügen das Wrack des deutschen Kreuzers "Undine" aus dem ersten Weltkrieg erkundet hatte, nur noch bewusstlos geborgen werden. Tödlich endete vor einigen Jahren der Unterwasser-Trip einer aus Fulda stammenden Taucherin, die vor Rügen vermutlich mit verunreinigter Luft unterwegs und ins Koma gefallen war.


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