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Prozessauftakt in Schwerin : Tod nach Trinkgelage im Riesenplattenbau

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Dieses Haus hat einfach keinen guten Ruf. Ein Riesenblock im Schweriner Plattenbaugebiet Lankow. N. lebte zuletzt in Wohnung Nr. 816. "Anfangs habe ich noch nicht mitbekommen, was da los ist", sagte der 28-Jährige.

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erstellt am 01.Mär.2012 | 12:12 Uhr

Schwerin | Dieses Haus hat einfach keinen guten Ruf. Ein Riesenblock im Schweriner Plattenbaugebiet Lankow. N. lebte zuletzt in Wohnung Nr. 816. "Anfangs habe ich noch nicht mitbekommen, was da los ist", sagte der 28-Jährige gestern zu Beginn seines Prozesses am Schweriner Landgericht. Doch als er selbst nicht mehr arbeiten ging und Zeit hatte, die Nachbarschaft näher zu beäugen, fiel es ihm auf: Um ihn herum nur allein lebende Müßiggänger, ohne Arbeit, ohne Halt. Ein Sammelpunkt gescheiterter Existenzen, die Notgemeinschaften bildeten, um sich den Tag schön zu trinken. Vom frühen Morgen an bis spät in die Nacht. N. war längst einer von ihnen. Die Polizei kam fast täglich ins Haus. Wegen Schlägereien oder schlimmerer Vorfälle. Als die Beamten im Juli vorigen Jahres dort auftauchten, nahmen sie N. mit. Er soll nach einem Trinkgelage einen Mitbewohner erdrosselt haben. Einen Mann, den er noch im Gerichtssaal "Onkel Udo" nennt.

An die Tat selbst könne er sich nicht mehr erinnern, sagt der 28-Jährige. "Ich muss ihn wohl erwürgt haben", sagt er. Dabei habe er ihn eigentlich gemocht, den Onkel Udo. Der ging auf die 60 zu. Aber der große Altersunterschied habe der guten Beziehung keinen Abbruch getan. Der Ältere habe sich als überaus großzügig erwiesen, ihm auch mal Geld zugesteckt, obwohl der doch selbst nichts hatte. N. sagt, sein eigener Hartz- IV-Satz sei fast vollständig für Schnaps und Bier draufgegangen. So bezahlte er seinen Strom nicht mehr. Der wurde bald abgeschaltet. "Da habe ich mir Kerzen gekauft", sagt N., der nun nach mehreren Monaten im Gefängnis offenbar trocken ist und völlig klar wirkt.

Als ihm damals die Zwangsräumung angedroht wurde, nahm ihn "Onkel Udo" auf. Gut vier Monate hausten beide Männer in der 25-Quadratmeter-Bude gemeinsam. Der sportliche Jüngere und der gehbehinderte Ältere. Bis die Notgemeinschaft im Juli zerbrach. Am Tatabend hatten sich mehrere Nachbarn bei Onkel Udo eingefunden, um gemeinsam Schnaps und Bier zu trinken. Dann verließen die Gäste nach und nach die Wohnung. Die Überwachungskamera, die der Vermieter wohl aus Verzweiflung im Flur installieren ließ, hielt das fest. Irgendwann sieht man auch N. aus der Wohnung kommen. Um Hilfe im Haus zu holen, wie er im Gericht erklärt. Denn Onkel Udo bewegte sich nicht mehr. Da rief N. selbst den Notarzt. Doch der konnte nichts mehr ausrichten. Seit dieser Nacht sitzt Mathias N. im Gefängnis in Untersuchungshaft, zwischenzeitlich verbüßte er auch eine Haftstrafe wegen einer Körperverletzung.

"Es muss zu einem Streit mit Udo gekommen sein", erinnert sich der Angeklagte vage. Um was es ging, will der Richter wissen. "Irgendwas, dass er mich rausschmeißen wollte", deutet N. an. "Ich gehe davon aus, dass ich ihn geschlagen haben muss und dass es danach zur Tat kam." Aber er wisse das eben nicht. Ein Tatwerkzeug haben die Ermittler nicht gefunden. N. wurde im Gefängnis von einem Gutachter untersucht. Der Sachverständige wird seinen Bericht genau wie der Rechtsmediziner im Laufe der Verhandlung vorlegen. Der Sohn von "Onkel Udo" nimmt zwar selbst nicht am Prozess teil, ist aber durch einen Anwalt als Nebenkläger vertreten. Das Urteil ist bislang für Mitte April geplant.

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