Aus dem Gerichtssaal : Tod durch Schreckschusswaffe wegen 30 Euro

Ein 36 Jahre alter Mann stirbt in Anklam im Streit um 30 Euro. Der Bundesgerichtshof hat die erste Strafe über acht Jahre „einkassiert.“ Die Neuauflage des Prozesses beginnt mit einem Geständnis, aber das Opfer soll nicht ganz unschuldig gewesen sein.

svz.de von
11. Mai 2017, 20:45 Uhr

Im neu aufgerollten Prozess um die Tötung eines 36-jährigen Mannes mit einer Schreckschusswaffe in Anklam hat der Angeklagte ein Geständnis abgelegt. „Ich habe aber die Waffe gezogen, um mich zu wehren“, sagte der 30-Jährige am Donnerstag am Landgericht Neubrandenburg. Der 36-Jährige habe ihn im Dezember 2015 auf einem Hof in Anklam bedroht, wo sich Angehörige und Freunde des Opfers aufhielten. In der Verhandlung schilderten diese Zeugen, dass der 36-Jährige noch auf den Schützen zugelaufen sei, obwohl er wusste, dass der 30-Jährige eine Waffe hatte. In der Auseinandersetzung ging es um einen gebrauchten Laptop für 30 Euro.

Der Schütze, dem die Staatsanwaltschaft Totschlag vorwirft, wollte das Geschäft rückgängig machen, wie er erklärte. Der Laptop sei technisch veraltet gewesen. Die Männer aus Anklam wollen sich vorher nicht gekannt haben.

Bei dem 30-Jährigen handelt es sich um einen berufsunfähigen Ex-Lackierer, der nach Gesundheitsproblemen hinkt und zum Stottern neigt. „Als ich das Geschäft rückgängig machen wollte, haben die Anderen sich über mich lustig gemacht“, sagte der Angeklagte. Nach beleidigenden Kurzmitteilungen via Handy habe man sich auf dem Hof treffen wollen, „um die Sache zu klären.“ Den Schreckschussrevolver habe er sich in Polen besorgt, weil er schon mehrfach bedroht worden sei. Als er sich an dem dunklen Abend angegriffen fühlte, habe er „über die Schulter hinweg“ das ganze Magazin abgefeuert. Wie Zeugen berichteten, sind zeitgleich fünf Männer mit Schlägen und Tritten auf den Schützen losgegangen, darunter auch das Opfer.

Der 30-Jährige konnte sich retten, weil ein Bekannter mit einem Auto heranraste. Nachdem er weggefahren war, brach der 36-Jährige zusammen und starb später in einer Klinik. Rechtsmedizinerin Britta Bockholdt schilderte, dass der Mann vier Schüsse abbekam, von denen zwei Herz und Lunge trafen. Die Munition waren Stahlstifte, die mit einem Plastikring ummantelt sind. Die Stahlstifte hatten sich von der Plastik gelöst. „Man hatte mir in Polen gesagt, dass damit niemand verletzt werden kann“, sagte der Angeklagte.

Inwieweit dies glaubhaft ist, dass soll unter anderem mit zwei Gutachtern noch geklärt werden. So hatte der Schütze wenige Tage vor dem Vorfall noch Schießübungen in einer Kieskuhle gemacht.

Die Neuauflage des Prozesses ist nach einer Entscheidung des Bundesgerichtshofes nötig. Das Landgericht hatte den 30-Jährigen Mitte 2016 zu acht Jahren Freiheitsstrafe verurteilt, dagegen war dieser in Revision gegangen. Der BGH hatte unter anderem moniert, dass die psychische Verfassung des Schützen nicht ausreichend gewürdigt worden sei.

Der Verteidiger hatte im ersten Prozess im Juli 2016 schon auf Körperverletzung mit Todesfolge plädiert und wollte dreieinhalb Jahre Freiheitsstrafe maximal. Beobachter halten auch eine Art Notwehr bei dem Mann für wahrscheinlich, der seit Dezember 2015 in Untersuchungshaft sitzt.

Ein Urteil in dem Verfahren wird frühestens am 1. Juni erwartet.

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