Prozess in Rostock : Tod auf dem Friedhof

Der Westfriedhof in Rostock
Der Westfriedhof in Rostock

Eine 83-Jährige stirbt an den Folgen eines Raubs – jetzt hat der Prozess gegen die Angeklagten begonnen

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16. Juni 2016, 20:55 Uhr

Möglicherweise ahnte Margarete G. das Unheil, während sie kurz vor Weihnachten 2015 auf dem Rostocker Westfriedhof das Grab ihres Mannes pflegte. Erst hatte die 83-jährige ihre Handtasche neben sich abgestellt, nahm sie dann aber wieder an sich und legte den Halteriemen über die Schulter. Als dann der Räuber von hinten angelaufen kam und versuchte, ihr die Tasche zu entreißen, hielt die alte Dame an der Tasche fest. Der Angreifer aber zerrte derart brutal an ihr, dass ihr Schlüsselbein brach. Sie stürzte rücklings zu Boden und schlug mit dem Kopf auf dem harten Asphalt auf. Einen Tag später war sie tot. Der Räuber floh mit 35 Euro, den Herztabletten seines Opfers und einer Tüte Bonbons.

Seit gestern muss sich der 20-jährige Räuber zusammen mit seinem Komplizen vor dem Rostocker Landgericht verantworten. Der eine ist schmächtig, mäßig begabt, hat noch Flaum auf der Oberlippe und gilt als äußerst aggressiv. Der andere ist wohl das, was landläufig als Gewohnheitsverbrecher bezeichnet werden könnte. Von seinen 56 Lebensjahren hat der gebürtige Rostocker 24 in Gefängnissen verbracht. Gerichtserfahren wie er ist, gab er willig Auskunft. Der Jüngere wollte zunächst gar nichts sagen. Dann deutete er an, den Tod der alten Dame habe sein Komplize verursacht. Erst nachdem seine Verteidigerin ihm ins Gewissen geredet hat, gesteht er den Raub der Handtasche: „Ich habe das gemacht. Aber ich habe nicht gewusst, dass es zum tödlichen Sturz gekommen ist.“ Dennoch sagte er dem im Auto wartenden Komplizen, die Frau habe sich vielleicht die Schulter „oder das Genick“ gebrochen. Aber einen Arzt, gegebenenfalls auch anonym, alarmieren sie nicht. Ein Friedhofsgärtner fand später das Opfer. Der Ältere räumte unterdessen ein, dass er vor dem Überfall auf Margarete G. auf dem Friedhof drei ältere Damen als mögliche Opfer ausgespäht und dem 20-Jährigen gezeigt hat.

Kennengelernt hatten sich die beiden 2015 in Hamburg. Anfang Dezember 2015 mieteten sie in Rostock eine Ferienwohnung, von der sie zahlreiche Raubzüge starteten. Anfangs war die 20-jährige „Verlobte“ des Gewohnheitsdiebes noch mit von der Partie. In Güstrow, Heiligendamm und Börgerende schlugen sie die Scheiben parkender Autos ein, klauten Taschen, Handys und Kameras. Zweimal erbeuteten sie auch die zur EC-Karte passende Pin-Nummer, so dass sie Geld am Automaten abheben konnten. Acht Aufbrüche sind angeklagt. Die Ermittler gehen davon aus, dass es deutlich mehr waren.

Die Räuber gingen noch im Dezember 2015 der Polizei ins Netz. Sie durchbrachen mit ihrem Auto eine Polizeikontrolle. Ihre Flucht endete mit einem schweren Unfall. Die Fahnder waren sowieso schon auf ihrer Spur. Wenige Tage vorher hatte die „Verlobte“ die Räuber verpfiffen. Der Prozess wird in der kommenden Woche fortgesetzt.

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