DDR-Geschichte : Tod auf dem Eis

Hary Krause (2.v.r.) im Kreise seiner Familie
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Hary Krause (2.v.r.) im Kreise seiner Familie

Hary Krause wurde nur zehn Jahre alt – vor 65 Jahren erschoss ihn ein DDR-Grenzpolizist beim Schlittschuhlaufen auf dem Goldensee

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29. Januar 2016, 12:00 Uhr

Es muss einer jener Wintertage gewesen sein, an denen der Atem vor dem Mund eine weiße Wolke bildete. Verglichen mit den Vorjahren war der erste Monat des Jahres 1951 allerdings mild, tagsüber kletterte die Temperatur manchmal in den Plusbereich. Vielleicht schien sogar die Sonne, als der zehnjährige Hary Krause an jenem 31. Januar 1951, einem Mittwoch, zusammen mit ein paar Freunden beschloss, auf dem Goldensee bei Groß Thurow Schlittschuh zu laufen. Offiziell war das verboten, schließlich bildete das Westufer des nicht einmal einen Quadratkilometer großen Sees die Grenze Mecklenburgs nach Schleswig-Holstein. Tatsächlich aber wurde es toleriert – bis zu diesem Tag, der der letzte im Leben des kleinen Hary Krause sein sollte.

Seit Jahren beschäftigt sich die Politikwissenschaftlerin und Autorin Dr. Sandra Pingel-Schliemann mit dem Grenzregime im Norden der DDR – und mit den Menschen, die dort zu Tode kamen. Von den 29 Toten, die sie zwischen 1945 und 1989 zweifelsfrei an der Grenze zwischen Lübecker Bucht und Elbe nachweisen konnte, war Hary Krause der jüngste. „Vielleicht geht mir sein Schicksal deshalb so nahe“, sagt sie. „Oder, weil ich selbst Mutter bin. Und natürlich, weil er völlig unschuldig war.“

Es ist, trotz vieler Archivrecherchen und Gespräche, nur wenig, was sie über den Jungen in Erfahrung bringen konnte. Zum Verhängnis wurde ihm vermutlich, dass am 31. Januar 1951 ein neuer Grenzpolizist seinen Dienst versah. Er drückte möglicherweise nicht, wie seine Kollegen bisher, ein Auge zu, wenn sich Kinder auf dem Eis des Goldensees vergnügten. Aus der Waffe des Mannes löste sich ein Schuss, der den kleinen Hary mitten ins Herz traf – obwohl die Kinder mehrere hundert Meter vom Ufer entfernt waren. „Die Umstände sind bis heute unklar“, bedauert Sandra Pingel-Schliemann. Es gebe die Behauptung, der Schütze sei mit entsichertem Gewehr auf das Ufer zugelaufen, der Schuss habe sich zufällig gelöst. „Aber trifft er dann mitten ins Herz?“

Im Polizeiarchiv sei die Aussage des Schützen dokumentiert, er hätte die Kinder nicht als solche erkannt, sondern sie für Jugendliche gehalten. „Aber eine Verordnung des Leiters der Grenzpolizei in Mecklenburg vom 9. März 1950 verbot es ausdrücklich, sowohl auf Kinder als auch auf Jugendliche zu schießen“, weiß die Politikwissenschaftlerin.

Am Westufer des Sees beobachteten Zeugen den Vorfall, sie versuchten noch, dem Jungen das Leben zu retten – vergeblich. Zwei Tage später holte der Vater das tote Kind mit dem Schlitten heim. Auch er nahm den Weg über das Eis des Goldensees, wie Sandra Pingel-Schliemann von Hary Krauses jüngerer Schwester, der letzten noch lebenden nahen Familienangehörigen des Jungen, erfuhr.

„Die Frau war jahrzehntelang durch die Ereignisse traumatisiert“, erzählt die Politikwissenschaftlerin. Lange Zeit hätte sie über das Erlebte, wenn überhaupt, nur mit der Mutter reden können. Erst vor wenigen Jahren erzählte sie Freunden davon, die ihr rieten, Kontakt zur damaligen Landesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes aufzunehmen. Diese wiederum brachte die Neubrandenburgerin mit Sandra Pingel-Schliemann zusammen.

„Harys Familie war erst 1945 aus Pommern in die Nähe von Gadebusch gekommen“, erfuhr die Politikwissenschaftlerin so aus erster Hand. „Seine Schwester war, als er starb, neun, ein Jahr jünger als ihr Bruder. Sie hat das Geschehen also schon bewusst mitbekommen.“ An die Trauer der Eltern kann sie sich noch gut erinnern, und auch daran, dass Vater und Mutter damals forderten, den Grenzpolizisten zur Verantwortung zu ziehen. Andere Dorfbewohner solidarisierten sich mit ihnen, verlangten ebenfalls Aufklärung. „Harys Eltern wurde daraufhin zuerst Schweigegeld angeboten. Als sie das ablehnten, wurden sie offen bedroht“, erzählt Sandra Pingel-Schliemann. „Aber sie ließen sich nicht zum Schweigen bringen.“ Schließlich, 1952, wurde die Familie zwangsausgesiedelt. „Man mag sich gar nicht vorstellen, was es für Menschen, die schon einmal Flucht und Vertreibung erleben mussten, bedeutete, wieder in einen Zug mit unbekanntem Ziel gesetzt zu werden“, so die Politikwissenschaftlerin. Harys Grab auf dem Roggendorfer Friedhof mussten die Krauses in der Obhut einer Bekannten zurücklassen. Sie selbst, die schließlich in der Nähe von Neubrandenburg landeten, hatten keinen Ort zum Trauern mehr.

Hätte er überlebt, wäre Hary Krause inzwischen 75 Jahre alt. Ob der Mann, der ihn erschoss, noch lebt, weiß Sandra Pingel-Schliemann nicht. Möglich ist es, zur Tatzeit war er gerade 18 Jahre alt. Seinerzeit war er umgehend versetzt worden, „bestraft wurde er nicht“, so die Politikwissenschaftlerin, „jedenfalls nicht so, wie man es sich nach heutigem Maßstab vorstellt. Er bekam lediglich zehn Tage Arrest.“ Erst 1990 und 2014, als Sandra Pingel-Schliemann in ihrem Buch „,Ihr könnt doch nicht auf mich schießen!‘ Die Grenze zwischen Lübecker Bucht und Elbe 1945 bis 1989“ auch über den Fall Hary Krause schrieb, wurde gegen den Grenzpolizisten ermittelt. Dass er den Jungen vorsätzlich getötet hat, ließ sich allerdings nicht nachweisen.

Gedenken in Groß  Thurow

Am Sonntag, dem  31. Januar  2016, jährt sich  zum 65. Mal  der Todestag des DDR-Grenzopfers Hary Krause.  An diesem Tag laden  die Landesbeauftragte für MV für die Stasi-Unterlagen Anne Drescher und die Autorin Dr. Sandra Pingel-Schliemann  um 11 Uhr in die Begegnungsstätte des Vereins Alte Schule e.V. am Goldensee in Groß Thurow ein. Dort, in unmittelbarer  Nähe seines Todesortes,  wird  ein vom Künstler Götz Schallenberg gestaltetes Erinnerungszeichen an das   beim Eislaufen  von  einem  DDR-Grenzpolizisten  erschossene  Kind eingeweiht. Abiturienten der Freien Waldorfschule Schwerin hatten einen Teil der Einnahmen aus einem Theaterprojekt für diesen Zweck zur Verfügung gestellt. 

An  der Veranstaltung  werden auch  Angehörige  und  Freunde der  Familie  Krause  teilnehmen.  Nach dem Gedenken für Hary Krause besteht die Möglichkeit zu Gesprächen mit  Anne Drescher und Sandra Pingel-Schliemann.

Der Eintritt ist frei. Um  eine  kurze Anmeldung  per  E-Mail unter post@lstu.mv-regierung.de wird gebeten.

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