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Forschung an Tieren : Tierversuche um jeden Preis?

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Aus der Onlineredaktion

In Dummerstorf forschen die Wissenschaftler zum Wohl von Kuh und Co. – dennoch fordern Gegner alternative Methoden

von
erstellt am 25.Apr.2017 | 12:00 Uhr

Aus dem Kopf des Affen ragt ein Implantat, sein Gesicht ist blutverschmiert, einem weiteren Tier rinnt Erbrochenes aus dem Mund – die Filmaufnahmen eines Tierschützers, der sich 2014 heimlich als Pfleger in das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen einschleuste, haben jetzt – mehr als zwei Jahre später – Wirkung gezeigt: Nach anhaltenden Protesten gegen das Forschungsinstitut teilte die Einrichtung am vergangenen Mittwoch mit, seine Versuche an Affen künftig komplett einzustellen. Während Tierschützer Tierversuche grausam und sinnlos finden, halten Grundlagenforscher weiter daran fest – unter anderem im Leibniz-Institut für Nutztierbiologie (FBN) in Dummerstorf bei Rostock. „Tierversuch ist nicht gleich Tierversuch“, gibt Dr. Norbert Borowy vom FBN anlässlich des gestrigen Internationalen Tags des Versuchstiers zu bedenken.

Backtest: Wie schnell reagiert das Schwein auf seine Lage?
Backtest: Wie schnell reagiert das Schwein auf seine Lage? Foto: FBN

Als Tierversuch gelte zunächst alles, was für die Tiere mit Schmerzen, Schäden, Leiden oder schwerer Angst verbunden ist. Tierversuche müssen gemäß der EU-Tierversuchsrichtlinie und der seit 2013 in Deutschland gültigen Tierschutz-Versuchstierverordnung in verschiedene Belastungsgrade eingeteilt werden. Dazu wurden vier Schweregrade definiert, die von leichter Belastung bis zum Tod reichen. Bevor ein Eingriff genehmigt wird, wird dessen Sinnhaftigkeit und der Grad der Erträglichkeit überprüft. Je höher das Leid, desto größer muss der wissenschaftliche Nutzen sein.

Dass in Deutschland weiter Tierversuche durchgeführt werden, ist dem Deutschen Tierschutzbund ein Dorn im Auge. Die Vereinigung fordert die Bundesregierung dazu auf, einen Zeitplan für den Ausstieg aus Tierversuchen zu definieren. Schließlich seien Alternativmethoden bereits verfügbar – damit sie umfassend anzuwenden sind, bräuchte es jedoch eine stärkere Förderung. „Der Ausstieg aus Tierversuchen und eine Wende hin zu einer modernen, tierversuchsfreien Forschung ist machbar“, sagt Verbandspräsident Thomas Schröder. Er bedauert, dass der Bund zu wenig Mittel in die Alternativmethodenforschung investiere. Für den gesamten Bereich stünden aktuell Gelder von etwa fünf Millionen Euro jährlich zur Verfügung. „Demgegenüber steht beispielsweise der 24 Millionen teure Neubau des In-Vivo-Pathophysiologie-Labors des Berliner Max-Delbrück-Zentrums, dessen Baukosten zu 90 Prozent vom Bund getragen werden“, verdeutlicht Schröder. „Dort werden vorrangig Mäuse künstlich krank gemacht.“

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Foto: BMEL
 

Laut dem Verein Ärzte gegen Tierversuche werden jährlich drei Millionen Tiere zu Forschungszwecken „missbraucht“. „Bei den offiziellen Zahlen ist zu berücksichtigen, dass es eine Dunkelziffer gibt. Tiere, die auf Vorrat gezüchtet, aber nicht gebraucht werden sowie Tiere, die im Kontext einer Genmanipulation nicht die gewünschten Veränderungen aufweisen, werden getötet, ohne dass sie in der Statistik auftauchen“, erklärt die Organisation. Der Ärzteverein schätzt, dass die tatsächlichen Zahlen um das 2,5-Fache höher liegen. Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfalen und Bayern führen die Negativ-Rangliste an. Mecklenburg-Vorpommern liegt auf Platz zwölf, Brandenburg auf Platz 15. Dabei betont der Ärzte-Verein, dass sie Mehrheit der Bevölkerung Tierversuche ablehne. Das ergab eine Anfang April veröffentlichte Forsa-Umfrage. „71 Prozent befürworten ein gesetzliches Verbot.“

In MV genehmigte das zuständige Landesamt für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (LALLF) im vergangenen Jahr Tests an rund 29 000 Tieren, vornehmlich an Mäusen, Ratten, Schweinen, Rindern und Hühnern. Zu den entsprechenden Forschungsanstalten im Land, die Anträge eingereicht haben, gehört auch das FBN. Dr. Sandra Düpjan arbeitet in der Dummerstorfer Einrichtung unter anderem mit Schweinen. „Kürzlich konnten wir anhand von Lautäußerungen beweisen, dass männliche Ferkel, die – wie bisher üblich – von ungeschultem Stallpersonal ohne Betäubung kastriert werden, während des Schnitts starke Schmerzen empfinden“, erklärt sie. In der Konsequenz wird die Kastrationsmethode ab Januar 2019 endgültig verboten. Düpjan und ihre Kollegen betreiben mit ihren Versuchen Grundlagenforschung, um perspektivisch Haltungsformen von Nutztieren bewerten zu können. Die Wissenschaftlerin untersucht Verhaltensweisen – zum Beispiel mittels des sogenannten Backtests. „Das Ferkel wird über einen Zeitraum von vier Wochen einmal pro Woche für eine Minute von der Gruppe getrennt und in einer Mulde auf den Rücken gedreht. Wir schauen uns die Bewältigungsstrategien an: Wie früh, wie häufig und wie lange versucht sich das Ferkel zu drehen“, sagt Düpjan. Bisher sei der Backtest an rund 3500 Tieren erprobt worden.

Ein Erfolg für die Tierschützer: Das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen will künftig seine Versuche an Affen einstellen.
Ein Erfolg für die Tierschützer: Das Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik in Tübingen will künftig seine Versuche an Affen einstellen. Foto: Marijan Murat

 „Die Ansprüche an diejenigen, die Tierversuche durchführen, sind mit der Verschärfung des Tierschutzgesetzes im Jahr 2013 deutlich gestiegen. Insbesondere die eingesetzte Tierzahl wird hinterfragt“, sagt Dr. Jan Langbein, seit zehn Jahren Tierschutzbeauftragter im FBN. „Die steigende Anzahl von Tierversuchen hängt mit der Gesetzesverschärfung zusammen, da nun mehr Maßnahmen als Tierversuch eingestuft werden“, erklärt er. Das Töten eines Tieres wurde zwar als Belastungsschweregrad definiert, gelte aber nicht mehr als Tierversuch. „Wir finden das äußerst schizophren“, bewertet Langbein.

Das FBN stellt pro Jahr zehnt bis 15 Anträge für Tierversuche. Die Art und die Motivation, die dahinter stecken, unterscheiden sich stark. „Jedes Medikament, jede Creme wird getestet. Hier trägt auch der Verbraucher die Verantwortung und sollte sich hinterfragen, ob er die Kosmetika wirklich braucht“, verdeutlicht FBN-Vorstand Prof. Klaus Wimmers. In Dummerstorf hingegen erforschen die Wissenschaftler an sechs Instituten die tierseitigen Aspekte einer nachhaltigen Nutztierhaltung. „Wir haben ein Problem damit, das Ferkel für ein paar Stunden von der Mutter zu trennen, aber keine Bedenken unser Kind jeden Morgen weinend bei der Kita abzugeben“, kritisiert Wimmers die Argumentation vieler Tierversuchsgegner. „Die Notwendigkeit von Tierversuchen steht außer Frage. Nur so können wir Handlungsempfehlungen für eine diversifizierte, standort- und bedarfsgerechte Nutztierhaltung und für die Produktion gesunder, hochwertiger Lebensmittel tierischer Herkunft entwickeln, die mit den Bedürfnissen der Tiere im Einklang stehen.“

Infobox: Schweregrade bei Tierversuchen

Kategorie eins – geringe Belastung: Als gering belastend werden Eingriffe ohne  wesentliche Beeinträchtigungen des Wohlergehens und des Allgemeinzustands eingestuft.  Dazu gehören auch kurzzeitig geringe Schmerzen, Leiden oder Ängste. Solche Behandlungen würden auch beim Menschen oder bei Tieren in der ärztlichen bzw. tierärztlichen Praxis ohne Anästhesie oder weitere Schutzmaßnahmen erfolgen,  beispielsweise Injektionen oder kleinere Blutentnahmen.

Kategorie zwei – mittlere Belastung: Verfahren, die nach menschlichem Ermessen unangenehm oder schmerzhaft sind. Dazu zählen auch lang anhaltende geringe Schmerzen. Darunter fallen operative Eingriffe unter Narkose mit geringen Folgebelastungen, wie zum Beispiel das Legen eines Dauerkatheters oder chirurgische Eingriffe unter Vollnarkose, die trotz angemessenen Schmerzmitteln mit postoperativen Schmerzen verbunden sind.

Kategorie drei – schwere Belastung: Hierbei handelt  es sich um Verfahren, bei denen zu erwarten ist, dass sie bei den Tieren starke Schmerzen, schwere Leiden oder Ängste verursachen sowie um Eingriffe, die zu einer schweren Beeinträchtigung des Wohlergehens oder des Allgemeinzustands der Tiere führen. Beispiele dafür sind die Implantation eines Kunstherzes, die vollständige Isolation von geselligen Tieren für einen längeren Zeitraum oder  das gezielte Auslösen von Krebstumoren.

Kategorie vier – keine Wiederherstellung der Lebensfunktion: Verfahren, die gänzlich unter Vollnarkose durchgeführt werden, aus der das Tier nicht mehr erwacht. Ein  Beispiel ist ein sogenannter Akutversuch, bei dem einem Tier in Narkose eine Lungenschädigung zugefügt wird und diese durch eine maschinelle Beatmung therapiert wird. Am Ende  wird das Tier in Narkose eingeschläfert und die Lunge histologisch untersucht.

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