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Debatte um tote Ferkel : Tierquälerei oder Schweinewohl?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Debatte um tote Ferkel und enge Gehege: Landwirte und Tierschützer diskutieren über bessere Haltungsbedingungen

von
erstellt am 14.Sep.2014 | 08:55 Uhr

Ein lautes Quieken, dann drängelt sich das kleine Ferkel zwischen seine Geschwister, die schon genüsslich an den Zitzen ihrer Mutter nuckeln. Die Kleinen strampeln und wackeln mit ihren Schwänzen. „Ist das niedlich“, ist aus der Menschentraube zu hören, die sich um das Schaugehege auf der Landwirtschaftsmesse Mela in Mühlengeez bei Güstrow gebildet hat. Doch nicht jedem gefällt, was er da sieht. Das Muttertier liegt in einem so genannten Kastenstand. Einer Stahlkonstruktion die sie, zum Schutze ihrer Jungen, am Umdrehen hindern soll.

Diese Haltebedingungen und Aufnahmen von illegalen Ferkeltötungen in MV sorgten in den letzten Monaten für Empörung in der Bevölkerung. Das Agrarministerium hat bereits reagiert und einen Erlass auf den Weg gebracht, der die umstrittene Ferkeltötung genauer regeln soll. Das noch immer Redebedarf besteht, zeigte sich zur Messeeröffnung am Donnerstag bei einer Demonstration von Tierschützern gegen die industrielle Haltung von Nutztieren.

In einem Schauzelt auf der Mela hat der Hybridschweinezuchtverband Nord-Ost Gehege aufgebaut, wie sie auch eins zu eins in vielen Zuchtanlagen in MV zu finden sein sollen. Auf etwa neun Quadratmetern laufen die Ferkel um ihre Mutter. Sie selbst kann nur stehen oder liegen.

„Das ist doch Tierquälerei“, moniert Ralf Siedeschnur aus Gadebusch. „Vielleicht ist es für die Ferkel sicherer. Aber die Sau fragt dabei niemand“, meint der Hobbyzüchter. Außerdem störe ihn der Gitterboden, auf dem die Tiere laufen und liegen müssen. Einstreu gibt es nicht. „Meine Schweine können sogar nach draußen“, meint der Hobbyzüchter: „Diese Tiere hier würde ich nicht essen. Aber das liegt nicht an den Bauern. Die Menschen müssen umdenken.“

„Natürlich gibt es immer schwarze Schafe, aber was da in den Medien vermittelt wird, kann ich mir nicht vorstellen“, meint hingegen Ingrid Wicken vom Hybridschweinezuchtverband Nord-Ost. Sie betreue viele Stallanlagen in MV und für diese würde sie auch ihre Hand ins Feuer legen, sagte sie gestern auf der Messe. „Jeder Landwirt ist bestrebt, alle Tiere durchzubringen.“ Ihrer Meinung nach würden die Schweinebetriebe in MV den Tieren optimale Bedingungen bieten. „Es muss sich nichts ändern. Man darf nicht vergessen, wir gehen hier mit Nutztieren um. Natürlich sollen sie ein gutes Leben haben. Aber unter anderen Bedingungen würden wir den Bedarf an Fleisch nicht decken können“, erklärt sie.

Für das Wohl der Tiere würde aus ihrer Sicht gesorgt. In jedem Gehege gebe es dazu Spielzeug: „Wir haben Plasteketten angebracht, an denen die Schweine spielen können, außerdem geben wir ihnen ab und an Plastebälle zur Beschäftigung. Das Gitter, auf dem die Tiere stehen, hätte hygienische Gründe. Außerdem würde es zum Wohle der Tiere Wärmelampen geben.

Das sich hingegen die Bedingungen weiterentwickeln sollten, meint Jürgen Baier von der Landgesellschaft MV. „Es gibt immer etwas, was sich verbessern kann, aber das muss auch immer zusammen mit der Wissenschaft geschehen“, meint der Abteilungsleiter. Die Landgesellschaft biete Lösungen für konventionelle und alternative Schweinehaltungen an. Dabei sei sie immer an Neuerungen interessiert, so Baier. Doch nicht alles sei so schlecht, wie in den Medien gezeigt, stellt auch er klar. „Ich habe nächstes Jahr mein 30-jähriges Berufsjubiläum. Die Haltungsbedingungen haben sich in dieser Zeit sehr im Interesse des Tierwohls verbessert.“ So würden heute Sauen beispielsweise nur noch maximal vier Wochen in den Kastenstand gehen – statt wie früher fast durchgängig. „Das bedeutete für die Bauern auch: weniger Tiere und mehr Aufwand. Die Schweine brauchen mehr Platz und die Halter mussten investieren.“ Das auch acht Tage Kastenstand ausreichen würden, meint hingegen Marianne Zenk vom Leibniz-Institut für Nutztierbiologie: „Bei uns sind die Tiere maximal acht Tage in der Box.“ Nach dieser Zeit hätten die Jungen bereits verstanden, wo sie sich vor dem Gewicht ihrer Mutter in Sicherheit bringen könnten. Die Kastenstände in der Forschungseinrichung ließen sich so öffnen, dass die Ferkel einen eigenen Bereich für sich haben.

Martin Müller von einer Beratungsgesellschaft in Uelzen sieht in den Kastenständen hingegen eine Chance: „Es gibt Ställe, die so genannte Fangkästen installiert haben. Da kommen die Sauen selbstständig rein und wieder raus. Aber 80 Prozent der Tiere bleiben freiwillig in den Kästen. Schweine mögen Ruhe.

Die Diskussion um Artgerechte Tierhaltung ist längst noch nicht beendet. Noch immer gibt es offene Fragen. Baier plädiert dafür, dass sich die Tierschützer mit den Bauern ins Gespräch kommen, zum Beispiel bei einem „Tag der offenen Tür“, wie er öfter angeboten würde. „Man sollte nicht gleich anklagen.“

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