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Traditionstreffen der Fischer : Thüringer auf hoher See

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

27 Jahre fuhr Bernd Coijanovic zur See, auf Schiffen der Fischfangflotte der DDR. Heute organisiert er das Traditionstreffen der Hochseefischer

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erstellt am 09.Mai.2015 | 08:45 Uhr

Der Himmel hatte sich verdunkelt, die Wellen peitschten an das Fischereischiff und dann ist alles ganz schnell gegangen: „Das Boot legte sich auf die Seite. Ich stand senkrecht auf der Seitenwand“, erinnert sich Bernd Coijanovic. Er ist zur damaligen Zeit 20 Jahre alt und arbeitet als Matrose auf dem Schiff vor der norwegischen Küste. „Wir haben das schlechte Wetter zwar gesehen. Wir wussten aber nicht, dass es so schlimm wird.“ Das gesamte Schiff hat durch die „Riesenbrecher“ unter Wasser gestanden. Nach dem Unwetter hat sich der Trawler aber wieder von ganz allein aufgerichtet und konnte zur Reparatur gebracht werden. „Dieses Erlebnis werde ich niemals vergessen. Das war prägend“, sagt Coijanovic. Doch er habe trotzdem nie daran gedacht, seinen Traum von der Seefahrt aufzugegeben.

Heute steht Bernd Coijanovic am alten Hafenbecken in Rostock und schwelgt in Erinnerungen an genau diese Zeit: Als einer von 4000 Seeleuten hat Bernd Coijanovic beim damaligen volkseigenen Betrieb „Fischkombinat Rostock“ gearbeitet. Heute trifft er einen Teil von ihnen wieder, wenn er zusammen mit weiteren Mitgliedern der Arbeitsgemeinschaft für Traditionspflege ehemalige Kollegen wieder zusammenbringt – beim vierten Traditionstreffen der Hochseefischer in Rostock.

Coijanovic und andere wollen Erinnerungen wachhalten: „Wir haben uns auf die Fahnen geschrieben, dass wir das, was hier einmal war, nicht vergessen sollten“, sagt er. „Wir waren als großer Arbeitgeber für die Versorgung in der DDR zuständig. Das wissen viele junge Leute heute gar nicht.“ Im Fischkombinat war die gesamte Hochseefischerei der DDR zusammengefasst worden. Mit fast 40 Fang- und Verarbeitungsschiffen sowie mehr als 4000 Fischern durchkreuzte einst die zum damaligen Fischkombinat Rostock gehörende Fischfangreederei die Weltmeere. Nach der Wende ging aus dem VEB Fischkombinat u. a. die Mecklenburger Hochseefischerei hervor – mit vier eigenen Fang- und Verarbeitungsschiffen vom Typ Atlantik 333 und einem gecharterten Fabriktrawler.

Coijanovic ehemaliger Arbeitsplatz: Von frühester Kindheit an wusste der gebürtige Thüringer, dass er Hochseefischer werden wollte. „Als Binnenländer fand ich die Seefahrt immer sehr interessant“, sagt er. Schon als Kind habe ihn das Wasser angezogen – angeln, Boot fahren, oder einfach nur so am Bach und Fluss unterwegs sein. „Dann ist in mir der Wunsch gereift, die Welt kennenzulernen“, sagt er.

1963 begann er schließlich eine Lehre als Hochseefischer – für ein Jahr und zwei Monate an Land und auf See. Jahre später hat sich Bernd Coijanovic in der Seefahrtsschule in Warnemünde erst zum dritten, zweiten und schlussendlich auch zum ersten Steuermann ausbilden lassen. Seit 1978 ist er zudem als Kapitän tätig gewesen.

Die See rief: „Eine Reise dauerte durchschnittlich 100 Tage, anschließend hatte man zwei bis drei Wochen Freizeit und nach drei Reisen durfte man dann auch Urlaub nehmen“, erzählt Coijanovic. Ein gewöhnlicher Tag als Kapitän habe immer morgens 8 Uhr mit einer Besprechung begonnen. Dabei seien der vorherige Tag ausgewertet und Maßnahmen getroffen worden, wie der Fang und die Produktion verbessert werden konnten. Dann habe das „Fischefangen“ begonnen, das für ihn bis in die Nacht hinein gedauert hat. Eine „90-Mann-Belegschaft“ sei dabei an Bord gewesen und habe sich in mehreren Schichten den gesamten Tag über abgewechselt. „Wir haben mit einem Schleppnetz gefischt“, erklärt der ehemalige Hochseefischer. Das Netz ist höhenverstellbar gewesen. „Vorne waren die Maschen größer und nach hinten hin kleiner. Dann konnten die Fische auch nicht mehr heraus, als das Netz an Deck gezogen wurde“, sagt Coijanovic. Die Fische seien noch an Bord gekühlt, aussortiert sowie weiterverarbeitet worden. „60 Tonnen Frostware haben wir täglich produziert.“ Anschließend habe ein Transportschiff die verarbeiteten Fische abgeholt und an Land gebracht.

„27 Jahre war ich auf hoher See“, sagt Coijanovic. Er habe sich dann entschieden, mehr Zeit mit seiner Familie zu verbringen und an Land zu arbeiten. Ab 1987 hat Bernd Coijanovic dann als Planungsingenieur, zwei Jahre später als Verkaufsleiter in der Rostocker Fischfangreederei sowie von 1992 bis 2007 als Import- und Exportkaufmann für Fisch im Bremerhaven gearbeitet. „Mein Berufsleben war sehr abwechslungsreich und das hat es spannend gemacht.“

Doch auch wenn er mittlerweile Rentner ist, lässt Bernd Coijanovic sein Beruf als Fischer bis heute nicht los: „Ich habe einen Hobbyfischereischein gemacht und gehe gerne in Warnemünde angeln“, sagt er. Das Wasser hat seine Anziehungskraft für ihn bis heute nicht verloren.

 

Traditionstreffen der Fischer

 

In der Hansestadt Rostock dreht sich am Sonnabend von 10 bis 18 Uhr alles um das Fischen, Fangschiffe und den Hafen: Rund 10  000 Gäste aus anderen Bundesländern, Hochseefischer sowie weitere Kombinatsmitarbeiter werden zum vierten Traditionstreffen der Hochseefischer erwartet, um die Geschichte der Fischwirtschaft in der Hansestadt Rostock lebendig zu halten. Neben kulturellen, kulinarischen und maritimen Ereignissen können die ehemaligen Hochseefischer den heutigen Rostocker Fracht- und Fischereihafen (RFH) kennenlernen, der sein 25-jähriges Bestehen feiert. In dem Universalhafen werden Massen- und Stückgüter wie Getreide, Baustoffe, Bleche und Holz sowie Projektladungen umgeschlagen. In den Jahren 2013 und 2014 gingen dabei mehr als eine Million Tonnen Güter über die Kaikante. Im Kühlhaus können zudem 10 000 Tonnen Tiefkühl- und Leichtkühlwaren gelagert werden.

Organisiert haben das Traditionstreffen regionale Stammtische in Rostock, Waren (Müritz), Güstrow, Dresden sowie aus den Bundesländern Thüringen und Bayern, die die Traditionsarbeit pflegen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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