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Mecklenburg-Vorpommern

17. Dezember 2017 | 20:47 Uhr

Therapie als letzte Chance

vom

svz.de von
erstellt am 23.Sep.2013 | 07:18 Uhr

Schwerin | Solch eindringliche Ansprache ist selten in einem Strafprozess. Der Vorsitzende Richter Otmar Fandel hat gestern am Schweriner Landgericht gerade das Urteil verkündet: drei Jahre Freiheitsstrafe für den 24-Jährigen auf der Anklagebank, nennen wir ihn Kevin. Schuldig gesprochen wegen räuberischer Erpressung, Nötigung und Körperverletzung.

Mindestens zwei Jahre davon soll er in einer Entziehungsanstalt verbringen, einer Therapieeinrichtung der Justiz. Der Richter spricht Kevin direkt an, wählt seine Worte mit Bedacht: "Der Staat investiert jetzt noch einmal viel Geld in Sie. Verstehen Sie das als Chance. Sonst sind Sie ein Kandidat für die Sicherungsverwahrung.

Wenn Sie jetzt nicht aufhören, werden Sie irgendwann ganz weggesperrt."

Der 24-Jährige hat in seinem jungen Alter bereits ein beachtliches Vorstrafenregister. Und meist war Alkohol mit im Spiel. Elf Einträge, der älteste reicht neun Jahre zurück. Bei der ersten Straftat war er vielleicht 15 Jahre alt. Dann geht es fast Schlag auf Schlag - Raub, Diebstahl, Gewaltdelikte, immer wieder. Ein guter Typ, der mitgearbeitet habe, sagte der psychiatrische Sachverständige im Prozess sinngemäß über ihn. Auch der Bewährungshelfer hatte einen positiven Eindruck von dem jungen Mann, der immerhin einen Realschulabschluss in der Tasche hat. "Wenn man Sie so hier sitzen sieht, bekommt man die Bilder nicht überein", sagt der Vorsitzende Richter, der sich viel Zeit nimmt, Kevin ins Gewissen zu reden. "So viel Gewalt in so jungen Jahren", sagt er. Er mahnt Kevin, die bevorstehende Therapie ernst zu nehmen. "Sonst können wir Ihnen auch nicht mehr helfen", fügt er hinzu. Auch die Tat, für die er jetzt verurteilt wurde, ist ein Gewaltdelikt. Wieder spielte Alkohol eine Rolle.

Der Staatsanwalt fasst im Plädoyer den Ablauf noch einmal zusammen: 400 Euro hat der Angeklagte mal eben so von einem Altersgefährten verlangt, den er eher zufällig auf der Straße traf. Der ist ein bisschen jünger, körperlich deutlich unterlegen und hat Angst vor Kevin, wie offenbar auch andere Jungen aus dem Wohnviertel, die als Zeugen geladen waren. Aus Angst also geht der Junge mit, als Kevin ihn dazu auffordert. In seiner Wohnung wolle er ihn über Monate festhalten, bis er die Summe aufgebracht hat, oder ihm oder seiner Familie etwas antun, droht er.

Der Junge schafft es erst am nächsten Tag zu fliehen, als Kevin einen Termin bei seinem Bewährungshelfer hat. Dies sei eine räuberische Erpressung, für die der Staatsanwalt drei Monate mehr fordert, als das Gericht dann im Urteil festlegt. Der ursprünglich angeklagte erpresserische Menschenraub hat sich am Ende nicht bestätigt.

Verteidiger Ullrich Knye plädiert für eine Strafe von zwei Jahren und acht Monaten. Er weist auf das "schwere Alkoholproblem" seines Mandanten hin, das der nun endlich in den Griff bekommen wolle. Durchaus mit Chancen auf Erfolg - so hatte es der psychiatrische Sachverständige eingeschätzt. Eine zweijährige Therapie - das ist harte Arbeit mit strengen Auflagen. Es soll Straftäter geben, die den "normalen" Strafvollzug vorziehen. Doch Kevin sei bereit dazu, sagt sein Verteidiger. Seine Familie unterstütze ihn dabei.

"Sehen Sie die Therapie wie eine gute Ausbildung - als Chance", wiederholt der Richter noch einmal. "So eine bekommen Sie nie wieder!", setzt er erneut mahnend hinzu.

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