Theaterpolitiker zwischen Taktik und Katastrophe

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Düstere Aussichten ohne zusätzliches Geld: Volkstheater Rostock dpa

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16. Januar 2013, 11:59 Uhr

Schwerin/Rostock | Es kracht in der Theater- und Orchester GmbH (TOG) Neubrandenburg-Neustrelitz: Der Förderverein des Neustrelitzer Landestheaters fordert in einem Brief an den Aufsichtsrat die Abberufung des Schauspieldirektors Wolfgang Bordel, der für „dilettantisches Laienspiel“ stehe. Bordel, der auch die Vorpommersche Landesbühne in Anklam nebst Schauspielschule leitet, hatte 2012 zusätzlich die Schauspielleitung der TOG übernommen – eine weitere von finanziellen Zwängen diktierte Verflechtung der Bühnen.

Wahrer Knackpunkt der von der Landesregierung geplanten Theaterreform aber ist Mecklenburg: Staatstheater Schwerin und Volkstheater Rostock sind in ständiger Finanznot, mussten mehrfach von der öffentlichen Hand vor der Pleite gerettet werden. Eine Zusammenarbeit der Städte im Theaterbereich ist die größte Hürde für Kultusminister Mathias Brodkorbs (SPD) geplante Theaterreform.

Mit dem Entwurf für den „Letter of Intent“, den das Kultusministerium kurz vor Weihnachten an die Theater-Kommunen verschickt hat und der unserer Redaktion vorliegt, sind in der unendlichen Theaterdebatte mal wieder die Kommunen als Träger der Bühnen am Zug. Der Entwurf fordert unter anderem von den Kommunen, ebenso wie das Land bis zum Jahr 2020 die Zuschüsse an die Bühnen in jetziger Höhe zu garantieren. Das Land verlangt außerdem einen Mindestlohn von 8,50 Euro und langfristig Tarifgehälter für die Theaterbeschäftigten, verpflichtet sich aber auch dazu, Umstrukturierungskosten und Investitionen mitzutragen, später in die Trägerschaft neuer Theaterstrukturen einzusteigen und die Förderung nach dem Jahr 2020 zu erhöhen.

Im Blick hat das Land zwei der neun von der Beraterfirma Metrum erarbeiteten Strukturmodelle: die Varianten „Zwei Staatstheater“ und „Zwei Landesopern“, mit jeweils einem Theater-Verbund in Mecklenburg und Vorpommern/Seenplatte. Dabei würden zwischen 160 und 220 Stellen wegfallen, was Kosten sparen und den festgeschriebenen Finanzrahmen bis 2020 haltbar machen soll. Derzeit und seit rund 20 Jahren gibt MV für alle seine Bühnen 35,8 Millionen Euro per anno aus, die Städte als Träger zahlen eine ähnliche Summe, rund 30 Millionen waren es 2011.

Bis 14. März hatten die Träger auf den Entwurf antworten sollen. Schwerin habe um Verlängerung bis 22. Januar gebeten, „um die Stellungnahme zunächst noch mit den Fraktionen der Stadtvertretung abzustimmen“, sagte Stadtsprecherin Michaela Christen.

In Rostock demonstrierten gestern Theaterleute und Unterstützer für finanzielle Hilfe. Die – in Höhe von je nach Notwendigkeit bis zu 1,3 Millionen Euro – gestern Abend auch beschlossen wurde. OB Roland Methling (parteilos) hatte einem früheren Beschluss wegen fehlender Gegenfinanzierung widersprochen. Ein neues Veto ist aber unwahrscheinlich, da die Beschlussvorlage aus Methlings Haus kommt.

Der Kultusminister hatte Rostock eine Nothilfe von 500000 Euro in Aussicht gestellt. Vor der Abstimmung in Bürgerschaft hieß es gestern aus Brodkorbs Haus auf Nachfrage, die Bedingungen für den Zuschuss seien weiterhin ein anteiliger Ausgleich der Fehlbeträge durch die Hansestadt Rostock. Und: „Die landesweite Reform soll nicht gefährdet werden.“ Nach dem Beschluss der Bürgerschaft hieß es in Rostock, das Geld aus Schwerin sei nun zugesagt.

Brodkorbs Bedingungen hatte man als Aufforderung verstehen können, das Pochen auf ein unabhängiges Volkstheater aufzugeben. Denn in Rostock hatten erstens die Kommunalpolitiker lange betont, eine Kooperation finanziere nur Schwerins Theater mit Rostocker Geld, und zweitens waren sich OB Roland Methling und die Bürgerschaft in die Haare geraten. In Schwerin kursieren schon Prognosen, das Land werde diesen Streit bald leid sein und dann nur aus dem Schweriner Theater ein vom Land getragenes „Staatstheater Mecklenburg“ machen. „Spekulationen, an denen wir uns nicht beteiligen“, hieß es dazu aus dem Ministerium.

Die Opposition im Landtag will Ergebnisse sehen. Ulrike Berger, kulturpolitische Sprecherin der Fraktion Bündnis 90/Grüne, forderte von Minister Brodkorb, die Verhandlungen für alle Landtagsabgeordneten transparent zu machen: „Ich möchte, dass der Bildungsausschuss informiert wird – damit nicht nur die Abgeordneten Bescheid wissen, die zufällig in einer Theaterkommune in Bürgerschaft oder Stadtvertretung sitzen.“ Heute wolle man den Minister vor den Ausschuss zitieren. Berger kritisiert: „Man kann nicht die Förderung festschreiben, aber von den Theatern Mindestlohn und Tarifgehälter verlangen.“ Dass der Minister weder auf Anregungen aus den Landtagsanhörungen noch auf Kritik aus den Trägerkommunen eingehe, sei „ein ziemlich renitentes Verhalten“.

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