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Meierstorfer Schatzkammer : Theater-Kleider machen Leute

vom
Aus der Redaktion der Parchimer Zeitung

Markus Lehmann (68) bewahrt Fundus mit rund 10 000 Original-Kostümen zum Verleih / Pastor aus Hamburg im Dorf stark engagiert

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erstellt am 13.Feb.2016 | 16:00 Uhr

Auf einer hölzernen Treppe, die bei jedem Schritt etwas knarrt, geht es hinauf in die Meierstorfer Schatzkammer. Auf einem gut 200 Quadratmeter großen Dachboden hat sich Markus Lehmann seinen Traum erfüllt. Jeden Besucher, den der Hausherr des früheren Gutshauses hinauf führt, überkommt ein himmlisches Gefühl. Auf ziemlich langen Kleiderstangen hängen dicht an dicht Kostüme. „Es sind so etwa 10 000 Stücke“, sagt der 68-Jährige, dem Freude und Stolz ins Gesicht geschrieben sind. Zielgenau steuert er auf eine Jacke zu, streift sie über und erzählt: „Sie stammt aus dem Jahre 1852 und ist mir etwas zu eng, weil die Menschen damals noch deutlich kleiner waren. Sie hatten auch mehr Zeit und konnten das gute Stück mit winzigen Perlen besticken“.

Markus Lehmann ist ein Zugezogener. Vor zwölf Jahren hat der aus Hamburg stammende Pastor und Psychologe mit Diplom ein Refugium fürs Alter gesucht und ist im Internet auf das schon einige Jahre leer stehende Gutshaus mit Baujahr 1795 gestoßen. „Es sollte ein großes Haus sein, denn Platzbedarf hatten wir schon immer“, sagt er schmunzelnd. Im ziemlich sanierungsbedürftigen Gutshaus gibt es stattliche 600 Quadratmeter.

Als Pastor der architektonisch einzigartigen Bugenhagenkirche in Hamburg-Barmbek, die 2004 leider geschlossen wurde, hatte Markus Lehmann jahrelang auch hautnahen Kontakt mit einem Theater, das im Erdgeschoss einen Saal bespielte. Die Jugendarbeit lag dem Kirchenmann sehr am Herzen und da mischte er sich nicht nur beim Spiel der jungen Leute im Stück „Biedermann und die Brandstifter“ aus der Feder des Schweizer Schriftstellers Max Frisch ein. Der Drang zum Theater war dem Hamburger Jungen in die Wiege gelegt worden. In der zweiten Klasse stand er schon als Märchenprinz auf der Schulbühne.

Als 1992 die Hamburger Kammerspiele in Konkurs gingen, entschloss sich Markus Lehmann zusammen mit seinem Freund, dem Theatertechniker Rainer Richartz, den kompletten Fundus zu ersteigern, um das Lebenswerk der Prinzipalin Ida Ehre zusammen zu halten. Nachdem die Kirche zugestimmt hatte, die umfangreiche Garderobe unterm Dach des Gotteshaus aufzubewahren, war der Grundstock für Lehmanns „Fundus“, der nun seit zehn Jahren im mecklenburgischen Meierstorf zu Hause ist, gelegt.

Neuankäufe, Schenkungen und selbst genähte Stücke kommen ständig dazu. Damit können vom Altertum über das Mittelalter bis in die 1970er-Jahre alle Zeiten abgedeckt werden. „Meine Kostüme sollen weiter arbeiten“, ist Markus Lehmann wichtig. Denn schließlich betreibt er im Unruhestand den „Fundus“ als anspruchsvollen Kostümverleih. Zu seinen Kunden gehören Theatermacher, Organisatoren von Kulturveranstaltungen und Jubiläen oder Privatleute, die ihre Gäste überraschen möchten. Zum passenden Kostüm in den Größen 36 bis 50 gibt es Hut, Zylinder, Stock, Gesangbuch, Gehrock, Stiefel sowie zeitgemäßen Schmuck auf Wunsch dazu. In der Gebühr von 10 bis 20 Euro sind die Beratung, der wochenweise Verleih und nach Absprache die Reinigung der Sachen inklusive. Die Interessenten, die durch Mund-zu-Mund-Propaganda oder seit kurzem auch im Internet auf den Meierstorfer Fundus aufmerksam werden, kommen aus ganz Norddeutschland. In der Region, so bei der 700-Jahrfeier in Domsühl und beim Ziegendorfer Erntefest gehörten historische Theaterkostüme aus Lehmanns Fundus zu den Hinguckern.

Markus Lehmann hat sein Glück in Mecklenburg gefunden. Bei den „Pütter Brettern“, einer Laientheatergruppe, steht er gelegentlich im naheliegenden Parchim auf der Bühne. Als Gemeindevertreter mischt er sich in die Politik vor Ort ein und einmal in der Woche hilft er Kindern bei den Schulaufgaben. Sein neustes Projekt, ein Computerkurs für Senioren, hat im Ziegendorfer Pfarrhaus viel Zulauf. Und als Pastor i.R. sind seine Gottesdienste in der Meierstorfer Kirche sehr beliebt. Da bleibt ihm wenig Zeit zum Ruhen.

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