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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 09:14 Uhr

"Theater ist eine Droge"

vom

svz.de von
erstellt am 29.Apr.2013 | 05:59 Uhr

Anklam | "Ich verkaufe Drogen!" Dieser Satz steht auf einem Plakat mit einem Bild des Anklamer Theaterintendanten Wolfgang Bordel. Auf seinem bulligen Haupt trägt Bordel althippiehaft einen Blumenkranz, verschmitzt lächelt er dem Betrachter entgegen. Das verblichene Plakat hängt im Vorzimmer des Intendantenbüros. Es müsste eigentlich ersetzt werden, wenn es nicht so passend wäre. "Theater ist eine Droge, eine Krankheit mit großer Ansteckungsgefahr", sagt der 62-Jährige, der am 1. Mai 2013 genau 30 Jahre die Bühne in Anklam leitet - als dienstältester Intendant in Deutschland.

Eigentlich dürfte es dieses Theater in der vorpommerschen Provinz nicht mehr geben. Zu DDR-Zeiten drohte der Rat des Kreises die Schließung und Umwandlung in eine Fischbratküche an, sollten die internen Streitigkeiten nicht geschlichtet werden. Oberspielleiter Frank Castorf und der junge Intendant Bordel, großgeworden im Arbeiter- und Studententheater, lieferten sich damals einen Richtungsstreit. Während sich Castorf mit provokanten Inszenierungen für größere Theater empfahl, aber die Anklamer aus dem Hause trieb, setzte Bordel auf populäre Stoffe und volksnahe Inszenierungen. Castorf ging nach zwei Jahren, Bordel blieb. "Anklam war die falsche Region für seine Ideen", sagt Bordel heute.

Nach 1990 prognostizierte der Deutsche Bühnenverein dem Anklamer Theater das Aus. Ein Theater in einer Stadt mit 13 000 Einwohnern entspreche nicht den bundesdeutschen Standards. Heute setzt das Kultusministerium Mecklenburg-Vorpommerns den Anklamern und den anderen Theatern zu. Seit Jahren sind die Zuschüsse gedeckelt. Den Spielstätten laufen die Kosten aus dem Ruder. Die Theaterreform, die Kultusminister Mathias Brodkorb (SPD) groß angekündigt hatte, ist nach Bordels Auffassung in der Sackgasse. Es sei wie im Märchen vom Hasen und Igel, sagt der Anklamer Intendant. "Wir befinden uns in der letzten Runde. Bevor der Hase tot umfällt, sollte er mit dem Igel reden." Theater, davon ist er überzeugt, stirbt nicht am Mangel von Geld, sondern am Mangel von Ideen. Das Anklamer Theater stand immer am Abgrund. "Bislang sind wir nicht aufgeschlagen", sagt der 62-Jährige. "Entweder, weil der Boden noch nicht erreicht ist oder weil wir fliegen können." In der Stadt, in der 1848 Flugpionier Otto Lilienthal zur Welt kam, hat sich Bordel für die letztere Variante entschieden - das Fliegen.

Kreativität braucht Bewegung. Für Bordel ist das keine Frage der äußeren Mobilität, sondern des inneren Sichveränderns. In der Dauerehe mit der Vorpommerschen Landesbühne hat der Intendant fünf Töchter gezeugt - das Chapeau Rouge und die Vineta-Festspiele auf Usedom, die Theaterakademie in Zinnowitz, die Barther Boddenbühne und das Open-Air-Theater im Usedomer Stadthafen.

Rund 80 000 Zuschauer kommen jährlich in die Inszenierungen des Theaters. Das Repertoire reicht vom Fantasiespektakel "Vineta" bis zu Dürrenmatts "Physiker" oder Gogols "Tagebuch eines Wahnsinnigen." 32 Stücke hat Bordel als Autor für die Vorpommersche Landesbühne geschrieben. Hinzu kamen zwei Zwangsverheiratungen - vom Land mehr oder weniger erzwungene Kooperationen mit dem Theater Vorpommern in Greifswald und Stralsund und mit dem Theater Neubrandenburg/Neustrelitz. Während die Ehe mit Greifswald/Stralsund inzwischen Spaß mache, hat Bordel den Zugang zur Braut Neubrandenburg/Neustrelitz noch nicht gefunden. Zur Kritik des dortigen Publikums an seinen Inszenierungen will sich der Anklamer Intendant nicht äußern.

Theater sei eine kulturelle Dienstleistung, sagt Bordel. "Wir sind nicht Gralswärter, um einen Theaterraum zu verteidigen." Theater müsse die Menschen erreichen, ihm aber nicht nach dem Munde reden. Gegen den Vorwurf, er mache Volkstheater, habe er nichts einzuwenden. "Gibt es etwas anderes als das Volk?", fragt er. "Was ich nicht mag, ist ein Volkertheater. Volker, der meint, er sei etwas Besseres."

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