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Mecklenburg-Vorpommern

24. November 2017 | 18:03 Uhr

Tests für Kinder von Süchtigen verlangt

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erstellt am 26.Feb.2013 | 07:33 Uhr

Schwerin | Kinder und Jugendliche mit suchtkranken und drogenabhängigen Eltern müssen besser erkannt und geschützt werden - das fordert die Deutsche Kinderhilfe. Rainer Becker, Regionalbeauftragter Nord des Bundesvereins, weist auf eine Lücke beim Kinderschutz in Mecklenburg-Vorpommern hin. Sein Vorwurf: Es fehlt an probaten Mitteln wie Haartests, um von Kindern in suchtbelasteten Familien zu erfahren und ihnen zu helfen.

Vor gut einem Jahr war die elfjährige Chantal in Hamburg bei ihren Pflegeeltern an einer Vergiftung mit der Ersatzdroge Methadon gestorben. In einigen Länder veranlassen Jugendämter seitdem stichprobenartige Haaranalysen, um festzustellen, inwieweit Kinder in Drogenhaushalten vom Konsum der Eltern betroffen sind. Mit erschreckenden Ergebnissen: Rainer Becker verweist auf Zahlen aus München, wo bei 97 von 122 getesteten Kindern und Jugendlichen Spuren von Drogen nachgewiesen wurden. "In Bremen sind Haartests für Kinder verpflichtend", betonte er.

Im Sozialministerium von Mecklenburg-Vorpommern hält man davon nichts. Das Recht auf körperliche Unversehrtheit müsse geachtet werden, erklärte ein Sprecher des Hauses. Zumal Rauschgift nicht das Suchtmittel Nummer eins sei. Rainer Becker bedauert diese Haltung: "Wo keine Kontrollen, da keine Lagen." Dabei räumt er ein, dass hierzulande die Probleme mit Alkohol noch immer weit größer sind als die mit illegalen Drogen. Auch dabei müsse mehr an die betroffenen Kinder gedacht werden. Rainer Becker spricht sich für eine Meldepflicht aus, damit zum Beispiel Polizisten bei Vorfällen im Zusammenhang mit Alkohol automatisch prüfen, ob Kinder betroffen sein könnten. Polizei, Melde- und Jugendämter müssen dafür eng zusammenarbeiten. "Alkoholkranke Menschen, die Auto fahren, gefährden den Straßenverkehr. Alkoholkranke Eltern gefährden das Kindeswohl", sagt Rainer Becker. "Sie sind emotional, bildungs- und versorgungsmäßig nicht ausreichend abgesichert."

Nach Auskunft der Landesstelle für Suchtfragen in Schwerin lebt bundesweit jedes 5. Kind in einer suchtbelasteten Familie. Etwa 30 Prozent der Betroffenen greifen später selbst zu Drogen. Im vergangenen Jahr hatten knapp 12 000 Frauen und Männer Suchtberatungsstellen im Land aufgesucht. "1381 Klienten gaben an, mit wenigstens einem Kind unter 18 Jahren zusammenzuleben", heißt es im Bericht der Landesstelle. "853 Klienten leben mit einem Kind, 393 mit zwei Kindern, 77 mit drei und 58 mit mehr Kindern zusammen." Insgesamt seien 2102 Mädchen und Jungen betroffen. "Wenn man bedenkt, dass ein Großteil dieser Klienten über keinen Schulabschluss verfügt und den Lebensunterhalt hauptsächlich mit Sozialleistungen bestreitet, leben diese Kinder wirklich in prekären Verhältnissen."

Angesichts solcher Zahlen und der anzunehmenden Dunkelziffer wendet sich die Kinderhilfe nachdrücklich an die Politik. "Wir fordern bundeseinheitliche Qualitätsstandards im Umgang mit drogenabhängigen Eltern und Pflegeeltern", sagte Rainer Becker.

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