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Umweltschützer sehen Gefahren : Test mit genverändertem Impfstoff

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Ein holländischer Pharmahersteller hat einen Impfstoff gegen eine Krankheit von Fohlen entwickelt. Damit sollen nun Pferde des Lewitz-Gestüts geimpft werden. Der Stoff enthält lebende gentechnisch veränderte Bakterien.

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erstellt am 27.Jan.2012 | 07:24 Uhr

Lewitz | Erst vor wenigen Tagen hat sich BASF vom europäischen Gentechnikmarkt zurückgezogen und seine Freilandversuche mit genmanipulierten Amflora-Kartoffeln bei Zepkow im Landkreis Mecklenburgische Seenplatte für beendet erklärt. Nun steht den Gegnern von Genzüchtungen neuer Ärger ins Haus. Nach Informationen unserer Redaktion plant der niederländische Pharmahersteller bei Pferden in Mecklenburg-Vorpommern Tests mit einem neuartigen genmanipulierten bakteriellen Lebendimpfstoff.

Schon im Sommer will der Tierpharmakonzern Intervet, der in Wien mit 150 Mitarbeitern eine Produktionsstätte betreibt, auf dem Gestüt von Springreiter und Pferdezüchter Paul Schocke möhle in der Lewitz südlich von Schwerin mit den ersten Experimenten beginnen. Nach der Genehmigung durch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit werde man die ersten Fohlen impfen, bestätigt Intervet-Sprecher Paul Geurts im niederländischen Boxmeer. Für die Studie würden 120 neugeborene Fohlen geimpft und deren Befinden dann mit 120 Tieren einer anderen, nicht behandelten Gruppe verglichen.

Bei dem auf drei Jahre begrenzten Freilandversuch handle es sich um die letzte Phase zur Erprobung eines Impfstoffs gegen Rhodococcus equi, einem Bakterium, das bei Fohlen immer wieder Lungenentzündungen auslöst. Dafür sei aus einem natürlich auftretenden Rhodococcus-Stamm mittels gentechnischer Eingriffe ein neuer Stamm entwickelt worden, erklärt Intervet-Vize-Präsident Rene Aerts. Dabei handle es sich um einen nicht krankmachenden Bakterienstamm, bei dem vier, dafür verantwortliche Gene aus dem Genom entfernt worden seien. Die Forscher erwarteten, dass die geimpften Tiere eine niedrigere Anfälligkeit entwickelten. Nach erfolgreichen Tests soll bei der Europäischen Arzneimittelagentur die Zulassung des von Tierärzten dringend erwarteten Impfstoffs beantragt werden.

Da der Impfstamm nicht in Makrophagen, den weißen Blutkörperchen des Immunsystems, überlebe, erwarte man keine Krankheiten beim Menschen oder anderen Tierarten, versichert Aerts. Verglichen mit dem wilden Typ sei die Gefahr wegen der Entfernung der vier Gene höchstens gleich groß, vermutlich aber sogar geringer.

Dagegen warnt das Umweltinstitut München vor möglichen Risiken durch den Freilandversuch mit dem genmanipulierten Lebenimpfstoff. Der Freisetzungsversuch sei brisant, da sich immunschwache Menschen anstecken könnten, sagt Institutsmitarbeiterin Anja Sobczak. Hier solle mit Hilfe der Gentechnik Massentierhaltung erst möglich gemacht werden. Das sei Quatsch, entgegnet der Lewitzer Gestütleiter Marc Lämmer, der als Tierarzt selbst über die Fohlenkrankheit promoviert hat. Das Gegenteil sei der Fall. Denn finde man einen geeigneten Impfstoff, dann könne man künftig auf den oft zu Recht kritisierten massenhaften Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung verzichten. Er versicherte, die Fohlen würden nach der Impfung bis zum Abklingen der möglicherweise ausbrechenden Krankheit für 30 Tage in den 15 Kilometer entfernten geschlossenen Quarantänestall bei Grabung untergebracht. Ihr Mist werde vorsorglich verbrannt.

Was ist ein Rhodococcus equi?

Bei Rhodococcus equi handelt es sich um ein schon 1977 entdecktes und inzwischen gut erforschtes intrazelluläres Bakterium, das im Boden von Weideflächen vorkommt. Darüber hinaus wurde es bereits auch schon in Eingeweiden von Säugetieren und in Gülle nachgewiesen. Als Wirte kommen auch Schafe, Haus- und Wildschweine sowie Ziegen in Frage. Möglich ist auch eine Übertragung auf immungeschwächte Menschen wie AIDS-Patienten. Gefährdet sind vor allem junge Pferde, die das Bakterium bei Trockenheit durch kontaminierten Bodenstaub über die Lunge aufnehmen. Die Folge sind Atemwegserkrankungen mit dauerhaften Lungenschäden und Abszessbildung.

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