Test für marode Bauwerke per Satellit

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10. November 2009, 08:05 Uhr

Neubrandenburg | Studenten der Hochschule Neubrandenburg entwickeln gegenwärtig ein datenbankgestütztes System zur vollautomatischen Überwachung einsturzgefährdeter Bauwerke. Im Unterschied zu herkömmlichen Verfahren komme die neue Lösung ohne den ständigen Einsatz von Personal und manuelle Auswertung aus, sagte Projektleiter Karl Foppe, Professor im Fachgebiet Vermessungswesen und Geoinformatik.

Noch allerdings sitzen die Bastler in der dritten Etage des Neubrandenburger Laborgebäudes an einer Modelleisenbahn und arbeiten an dem komplett neuen Überwachungssystem. Vorsichtig fokussiert Student Björn Schweimler ein Tachymeter. Ein paar Meter von dem automatischen Vermessungsgerät entfernt richtet Kommilitone Matthias Hamann hinter einem drei Meter langen Modell einer Hängebrücke die Sensoren ein, die am Stahlgerüst der Minibrücke installiert sind. Das dritte Teammitglied sitzt am PC nebenan. Mit der Tastatur startet Christian Wolff eine kleine Lokomotive. Während der Zug langsam über die Brücke rollt, misst das Tachymeter die sich verändernden Positionen der Brückensensoren, Geoinformationen für eine neuartige Datenbank.

In einem Jahr will das Trio von der Hochschule Neubrandenburg auf der "Intergeo" in Köln sein Projekt DABAMOS (Datenbank orientiertes Monitoring- und Analysesystem) der Fachwelt vorstellen. Es könnte die Kontrolle maroder Bauwerke nicht nur zuverlässiger, sondern auch deutlich preiswerter machen, sagt Foppe, der schon als Experte sich neigende Mauern jahrhundertealter Kirchen in Bayern überwachen ließ.

Der Bedarf für derart verlässliche und bezahlbare Überwachungssysteme ist nach Ansicht der Neubrandenburger Studenten riesengroß. Allein in Deutschland hätte man Katastrophen wie den Einsturz einer Eislaufhalle in Bad Reichenhall (Bayern) mit 15 Toten und 34 Verletzten Anfang 2006 oder den Zusammenfall des Kölner Stadtarchivs vor acht Monaten womöglich vorhersagen können, wenn erste Warnungen ernst genommen und die Bauten einer Überwachung unterzogen worden wären, sagt Schweimler.

Das System könnte aber auch im Freien mit hochpräzisen Satellitenempfängern zur Anwendung kommen. Man könnte abrutschgefährdete Hänge wie in Nachterstedt am Concordiasee (Sachsen-Anhalt), an Rügens Steilküste oder am Kliff von Lohme überwachen, wo sich im Frühjahr 2005 ein Plateau von der Größe zweier Fußballfelder gelöst hatte und in den darunter befindlichen Hafen gestürzt war. Auch Brücken und Wasserbauwerke wären über das Internet permanent unter Kontrolle.

In den nächsten Monaten wollen die Studenten deshalb ihre Neuerung einem ersten Praxistest unterziehen. Derzeit verhandeln sie mit Wasserschifffahrtsämtern über die computergestützte Überwachung von Schleusen und maroden Kaimauern.

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