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Mecklenburg-Vorpommern

22. Oktober 2017 | 23:16 Uhr

Tauchgang in staubige Tiefen

vom

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erstellt am 30.Sep.2013 | 10:25 Uhr

Schwerin | In einem winzigen Kästchen aus Plexiglas liegt es: Das ehemals kleinste Buch der Welt. Ein Gebetsbuch. Es ist so winzig wie eine Erbse, der Titel lässt sich nur mit einer Lupe und zusammen gekniffenen Augen erkennen: "The Lords Prayer". "Es stammt vermutlich aus den 1970er-Jahren", sagt Andreas Roloff, Mitarbeiter der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern. "Wie genau es zu uns gekommen ist, ist unklar." Andreas Roloff greift einmal über den großen Tisch in seinem Büro und holt ein weiteres, sehr kleines Buch hervor. Es liegt in einem extra angefertigten Nickelkaste der mit einer Lupe verziert ist. "Das ist ein weiteres kleinstes Buch der Welt - ein Lexikon aus dem Jahr 1896", erklärt der Bibliothekar. "Es enthält 175 000 Worte." Winzig ist auch seine Schrift, dennoch mit bloßem Auge zu erkennen. "Aber mittlerweile gibt es Bücher die noch kleiner sind als die beiden hier", sagt Roloff.

Endstation Magazin?

Diese zwei Minibücher gehören zu den Schätzen, die die Landesbibliothek in ihren Magazinen gesammelt hat. Doch das ist noch längst nicht alles, was sie beherbergt. "Der Großteil der Landesbibliothek spielt sich im Verborgenen ab", sagt Roloff. "Das ist immer so bei Magazin-Bibliotheken." Insgesamt enthält das große Haus in der Johannes-Stelling-Straße in Schwerin etwa 750 000 Medien - die meisten davon sind Bücher. Darunter fallen auch etwa 136 000 historische Bände, die gleichmäßig temperiert und trocken gelagert werden müssen.

Andreas Roloff öffnet die schweren Türen zum Magazinkeller: Große Regale stehen dicht an dicht. Sie sind sorgsam verschlossen. Mithilfe von sogenannten Drehgriff-Schlössern können sie von den Mitarbeitern der Bibliothek geöffnet werden. Staub und der Geruch von altem Papier liegen in der Luft, als Roloff in einen der nun offenen Gänge geht. Hier liegen sie, die Sammlungen alter Handschriften, Schauspiele, Bücher aus vergangenen Jahrhunderten und ganze Bündel von Manuskripten. Unter diesen finden sich auch Notenhandschriften zum Teil berühmter Komponisten. Einige von ihnen sind die einzig verbliebenen Exemplare weltweit.

"Der alte Bestand trägt so viel Potenzial", schwärmt Roloff. Einige der Noten hat die Bibliothek bereits verliehen, damit sie als Erstausgaben in Druck gehen und nun Orchester auf der ganzen Welt diese fast vergessene Musik spielen können. Im Freihandbestand der Bibliothek sind die betagten Noten nicht erhältlich. "Es sind so viele Einzelblätter, da tun sich Bibliothekare schwer, sie herauszugeben", sagt Roloff schmunzelnd. Die alten Noten werden in Mappen aus Pappe gelagert. Sie brauchen ein möglichst gleich bleibendes Klima und sollten Aufrecht stehen, erklärt Andreas Roloff. Obwohl die Handschriften nicht herausgegeben werden, können ihre Nachdrucke im Online-Katalog der Landesbücherei recherchiert werden und sind somit der Öffentlichkeit zugänglich.

Woher all die alten Noten genau kommen, ob noch aus der ehemaligen herzoglichen Bibliothek oder aus dem Vermächtnis der Schweriner Kapellmeister, ist nicht immer geklärt. Als 2004 die Landesbibliothek in ihre neuen Räume umziehen konnte, übernahm sie, zusätzlich zu den Beständen der Großherzoglichen Bibliothek, diejenige des Großherzogs aus dem Ludwigsluster Schloss. "Dort gab es eine starke schöngeistige Komponente, viele Berichte über Kunstreisen und Kavalierstouren sowie deren Mitbringsel", sagt Roloff.

Das Ziel: Sammeln und Bewahren

Eine weitere Kuriosität, die in den Magazinen der Landesbibliothek schlummert, ist das Reutergeld. "Wir haben eine komplette Sammlung mit 210 Scheinen aus den Inflationsjahren", sagt Roloff. Die Gemeinden hätten 1921 und 1922 in Mecklenburg-Vorpommern ihre eigenes Geld herausgegeben, erklärt er. "Es war jeweils nur für ein Ortsgebiet gültig." Selbst die alte Zigarrenkiste, in der ein Schweriner Bürger die Sammlung der Bücherei übergeben hat, ist mit inventarisiert worden. Sie duftet noch nach den Zigarren, die einmal in ihr lagen.

Auf Roloffs Tisch, neben der Zigarrenkiste voll mit Geld, liegt etwas, das wie eine alte Jalousie aussieht. Doch der Schein trügt: Die dünnen Palmenblätter entpuppen sich als ein Rechtstext aus Thailand. "Es gibt eine überlieferte Orientreise eines Herzogs aus dem 19. Jahrhundert, da ist die Schrift wohl mitgekommen", vermutet Roloff.

Der größte Schatz der Landesbibliothek ist jedoch die Mecklenburger Reimchronik aus den Jahren 1512/ 1513. "Sie ist vom Strelitzer Hof gekommen. Dort wurde die Landesbibliothek 1950 aufgelöst", sagt der Mitarbeiter der Bibliothek. "Sie ist eines unserer Prunkstücke." Auf Pergament geschrieben mit vielen Minaturbildern geschmückt, liegt das wertvolle Buch hinter dickem Stahl in einem Tresor. "Ich selbst durfte sie erst drei Mal in den Händen halten," sagt Roloff. Das alte Buch ist unschätzbar wertvoll, deshalb wird es so selten wie möglich aus dem Panzerschrank ans Tageslicht geholt. Doch um die alten Texte Interessierten zugänglich zu machen, wurde die Reimchronik digitalisiert und ist einzusehen in der Objektdatenbank des Deutschen Archäologischen Instituts der Universität zu Köln.

Viele der alten Bücher und Musikalien seien bereits lange im Bestand der Landesbibliothek, erklärt Andreas Roloff. Einige indes würden sie auch einkaufen - wie den kürzlich entdeckten Brief Theodor Körners. Gesammelt würden vor allem Schriften mit Bezug zu Mecklenburg-Vorpommern, sagt der Bibilotheksmitarbeiter. Doch die Etats für solche Einkäufe seien meist nicht sehr groß.

"Aber wir haben eben auch eine Verantwortung kommenden Generationen gegenüber, als Gedächtnis des Landes widmen wir uns der Ergänzung, Pflege und langfristigen Sicherung wertvoller Altbestände", macht Roloff deutlich. Deshalb arbeitet die Landesbibliothek an der Digitalisierung historischer Bibliotheksbestände und dem Aufbau einer digitalen Bibliothek. Das Ziel: Den gesamten alten Kernbestand, zumindest im Bereich Musik, der Öffentlichkeit digital zugänglich zu machen.

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