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Mecklenburg-Vorpommern

25. November 2017 | 12:31 Uhr

Tatmotiv Liebe?

vom

svz.de von
erstellt am 14.Mär.2011 | 06:56 Uhr

Rostock | Karin L. ist die Situation sichtlich unangenehm. Die 63-Jährige hält eine Hand schützend vors Gesicht, wendet sich ab von den Kameras, die sie ins Visier nehmen. Das Interesse der Öffentlichkeit an ihrem Fall, der seit gestern vor dem Rostocker Landgericht verhandelt wird, ist groß. Die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft wiegen schwer: Die ehemalige Sachbearbeiterin der Ausländerbehörde Bad Doberan soll drei Jahre lang am illegalen Einschleusen von vietnamesischen Einwanderern verdient und laut Staatsanwaltschaft rund 120 000 Euro in die eigene Tasche gewirtschaftet haben. Bestechlichkeit wird der einstigen Amtsperson vorgeworfen, Urkundenfälschung, Beschaffen von illegalen Aufenthaltsgenehmigungen - 38 Fälle listet die Anklage auf. Dabei soll sie als Bandenmitglied unter anderem eng mit vietnamesischen Schleusern zusammengearbeitet haben. Es drohen viele Jahre Gefängnis.

Aufgeflogen ist die Geschichte 2006, offenbar nach einem anonymen Hinweis. Karin L. wurde aus dem öffentlichen Dienst entlassen. Seitdem, so sagte sie gestern, nehme sie regelmäßig Beruhigungsmittel und Antidepressiva. Außerdem sei sie seit Jahren schwer zuckerkrank. Verteidiger Sven Rathjens hat Zweifel an der Verhandlungsfähigkeit seiner Mandantin und beantragte, den Prozess auszusetzen. Dem Antrag gab das Gericht nicht statt. Bislang seien die Angaben zum Gesundheitszustand der 63-Jährigen noch zu vage. Aber heute soll Karin L. von einem psychiatrischen Sachverständigen untersucht werden, beschlossen die Richter. So wurde gestern nur die Anklage verlesen.

Die ehemalige Behördenmitarbeiterin soll unter anderem Akten fingiert und Angaben gefälscht haben. So soll sie Scheinadressen zu festen Wohnsitzen gemacht, politische Gründe für die Auswanderung erfunden, einfache Bildungsabschlüsse in hohe Qualifikationen und erwachsene Kinder in Minderjährige "verwandelt" haben, weil so der Aufenthalt problemlos genehmigt wurde. Ein Teil der eingeschleusten Vietnamesen ist laut Staatsanwaltschaft inzwischen wieder in ihr Heimatland zurückgeschickt worden.

Karin L. kündigte an, dass sie aussagen wird, sollte der Prozess fortgesetzt werden. Sie bestreite nicht grundsätzlich, gegen das Gesetz verstoßen zu haben, sagte ihr Verteidiger in einer Pause. Aber sie habe kein Geld dafür bekommen. Was dann ihr Motiv war? Ein Verhältnis mit einem der mutmaßlichen Schleuser, deutet der Rechtsanwalt an. Seine Mandantin kenne den Vietnamesen schon aus DDR-Zeiten. Er habe die Frau umgarnt und ihr vorgetäuscht, mit ihr zusammenziehen zu wollen - aber offenbar die Beziehung beendet, als die Sache aufflog. Jetzt belaste er die Angeklagte. Der Mann selbst ist 2010 wegen Bestechung und Beihilfe zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und acht Monaten verurteilt worden. Er hatte das Urteil angefochten. Die Entscheidung des Bundesgerichtshofes steht noch aus. Ein zweiter Mann aus Vietnam ist laut Anklagevertreter bereits rechtskräftig verurteilt worden. Ende März soll der Prozess weitergehen.

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