Aktion für Demenzerkrankte : Tanzen gegen das Vergessen

Traudel und Hartmut Liedke gehören zu den Stammgästen im Schweriner Tanzcafé.  Fotos: volker bohlmann
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Traudel und Hartmut Liedke gehören zu den Stammgästen im Schweriner Tanzcafé. Fotos: volker bohlmann

Ein Besuch im letzten Schweriner Tanzcafé des Jahres. Studie: Wer regelmäßig tanzt, zögert Fortschreiten der Erkrankung hinaus

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28. Dezember 2017, 12:00 Uhr

„Mit 17 fängt das Leben erst an…“ Mehr als 55 Jahre ist es her, dass der Kroate Ivo Robic mit diesem Titel die deutschen Hitparaden stürmte. Manche der Männer und Frauen, die sich gestern Nachmittag im Schweriner Augustenstift zu Schlagerklängen auf der Tanzfläche wiegten, waren damals, 1961, selbst um die 17 Jahre alt. Heute ist das die Zeit in ihrem Leben, an die sie noch die meisten Erinnerungen haben. Vieles, was danach kam, ist in Vergessenheit geraten – der Demenz zum Opfer gefallen. Doch zu tanzen wie mit 17, das geht immer noch.

An jedem letzten Mittwoch im Monat lädt das Schweriner Zentrum Demenz zum Tanzcafé ein. Denn die Bewegungsabläufe des Tanzens, die meist schon in jungen Jahren erlernt wurden, sind trotz der Erkrankung bei vielen Menschen mit Demenz noch gespeichert, erklärt Zentrumsleiterin Ute Greve. Zudem schule die Bewegung den Körper – und die Gemeinschaft fördere den zwischenmenschlichen Kontakt. „Viele unserer Gäste können zwar nicht mehr sagen, was sie da gerade tanzen. Aber sie wissen, dass sie es schon mal getanzt haben“, erzählt Ute Greve.

Seit 2008 gibt es den speziellen Tanznachmittag für Demenzkranke und ihre Angehörigen in Schwerin, zu dem selbst aus Zarrentin und Grevesmühlen Gäste kommen. Viele sind mehr oder weniger regelmäßig dabei – mit dem Partner, mit einem ehrenamtlichen Helfer des Zentrums Demenz an der Seite oder allein. Auch Traudel und Hartmut Liedke sind Stammgäste. Als bei ihrem Mann vor etwa fünf Jahren mit Mitte 60 Demenz diagnostiziert wurde, hätte sie nach Angeboten geschaut, „die für uns beide gut sind“, so die Schwerinerin. „Mein Mann hat Musik und Rhythmus wirklich im Blut, deshalb lag es nahe, gemeinsam tanzen zu gehen.“ Zudem singt das Ehepaar, das unlängst seine goldene Hochzeit gefeiert hat, einmal wöchentlich in einem Chor der Schweriner Volkshochschule, der speziell für Demenzkranke und ihre Partner ins Leben gerufen wurde.

„Eine schöne Abwechslung“: Joachim und Angelika Schulrath
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„Eine schöne Abwechslung“: Joachim und Angelika Schulrath
 

Manch anderer Tänzer schaut voller Anerkennung zu, wie Hartmut Liedke seine Frau über die Tanzfläche wirbelt. „Die beiden sehen richtig professionell aus“, findet auch Angelika Schulrath. Ihr Mann Joachim nickt und erklärt dann, dass ihm diesmal die Musik aber nicht so richtig gefällt. Seine Gesundheit ließe es auch einfach nicht mehr zu, so viel und so schnell zu tanzen, wirft seine Frau ein. Trotzdem kommen die beiden so oft es geht ins Tanzcafé. „Das ist einfach eine schöne Abwechslung für uns. Und Bewegung tut doch jedem gut“, meint Angelika Schulrath.

Dem stimmt auch Ute Greve zu – ungeachtet dessen, dass jedes Tanzcafé für sie Schwerarbeit ist. Denn zusammen mit zwei ehrenamtlichen Helferinnen versucht sie, auch all jene zum Tanzen zu animieren, die ohne Partner hier oder ganz einfach zu schüchtern sind. „Anderthalb bis zwei Stunden tanze ich an so einem Nachmittag bestimmt“, meint die Zentrumsleiterin – „und das, obwohl ich gar keine so tolle Tänzerin bin“. Doch das sei zweitrangig. Wichtig sei, dass die Gäste sich wohlfühlten. Und das tun sie offenkundig. „Es ist faszinierend zu beobachten, wie sie aufblühen“, betont Ute Greve.

Auch Maria Wieland, eine der beiden ehrenamtlichen Helferinnen, beobachtet das - nicht zuletzt an der demenzkranken Frau, die sie in jeder Woche betreut und mit der sie regelmäßig zum Chor und zum Tanzen geht. „Vorher konnte ich sie zu nichts animieren, aber vor allem, seit wir zum Sigen gehen, blüht sie auf.“ Auch auf den Tanznachmittagen unterhalte sie sich prächtig, hat die Schwerinerin an ihrem Schützling beobachtet.

Möglicherweise ist der Effekt aber sogar noch ein ganz anderer. Forscher des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen in Magdeburg haben gerade erst in einer Studie nachweisen können, dass Tanzen sogar hilft, das Fortschreiten einer Demenz aufzuhalten. Denn beim Tanzen werden Gedächtnisleistung und Bewegung gleichermaßen trainiert, sowohl Hirnleistung als auch Merkfähigkeit steigen daraufhin wieder an.

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