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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 02:08 Uhr

Taktik Tabubruch

vom

svz.de von
erstellt am 15.Jul.2013 | 07:38 Uhr

Gezielte Beleidigung oder ausgeklügeltes Marketing? Mit seinen jüngsten Verbal-Attacken hat der Rapper Bushido wohl eine rote Linie überschritten. Seine schwulenfeindlichen Ausfälle gegen Berlins Regierenden Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) und die Tötungsfantasien gegen Oliver Pocher oder Claudia Roth haben den Rapper wieder in die Schlagzeilen gebracht. Ob alle Betroffenen wegen des Titels "Stress ohne Grund" nun Strafantrag stellen, blieb zunächst offen - Wowereit jedenfalls tat dies gestern. Fest steht: Der 34-Jährige hat es wieder geschafft, dass über ihn gesprochen wird. Damit ist wohl zunächst einmal seine Rechnung aufgegangen.

Dabei war Bushido, der an sich Anis Mohamed Youssef Ferchichi heißt, schon seit Wochen immer wieder in den Medien - allerdings nicht wegen seiner Kunst. Im Mai hatten Fahnder Wohn- und Geschäftsräume des Musikers in Berlin und im Umland wegen des Verdachts einer Steuerstraftat durchsucht.

Bei Deutschlands wohl bekanntestem Rapper ist die Provokation ein Markenzeichen. Ob "Bitches" oder "Schwuchteln" - in Sprachbildern voller Gewalt und Rachegelüsten wandelt Bushido immer wieder zwischen Gossen-Lyrik und Ganoven-Sound. Zu diesem Bild des bösen Jungen passt es aber wohl kaum, dass der Plattenmillionär längst nicht mehr dort lebt, wo seine Songs vermeintlich spielen - statt im Hinterhof in Neukölln hält er sich lieber in einer Villa im Grünen auf.

Als "Frank Sinatra in Jogginghosen" ("Stern") wird Bushido auch immer wieder hofiert: 2011 wurde er mit dem Inte grations-Bambi ausgezeichnet. Davor ließ er sich 2010 mit Bayerns Ministerpräsident Horst Seehofer beim Deutschen Filmpreis in München fotografieren oder wurde im gleichen Jahr vom Magazin "GQ" zu einem "Mann des Jahres" gekürt. Im Sommer des vergangenen Jahres machte Bushido ein Praktikum im Büro des CDU-Bundestagsabgeordneten Christian von Stetten.

"Bushido muss sich immer wieder seiner Fan-Basis versichern", erklärt der Kultursoziologe Marc Dietrich (Universität Mannheim) den jüngsten Tabubruch des Musikers. "Sein Publikum muss bedient werden." Grenzüberschreitungen verschaffen Aufmerksamkeit. Mit seinem Kollegen Sido und dem Berliner Label Aggro verpasste Bushido der deutschen Rapper-Szene einen herben Ton. Bald kamen Titel auf den Index, was den Musikern zu noch größerer Öffentlichkeit verhalf. "Stress ohne Grund", eine Zusammenarbeit mit seinem Kollegen Shindy, wurde bereits von YouTube gelöscht, aber das Video lässt sich woanders im Netz leicht auftreiben. Über die Indizierung des neuen Songs entscheidet nun ein ehrenamtliches Gremium.

Anders als in den USA, wo sich Rapper wie 50Cent und Jay-Z längst mit Pelz, teuren Autos und viel Blingbling als steinreiche Aufsteiger inszenieren, bestehe in Deutschland bei Fans noch immer der Anspruch, dass zu den "Gangsta-Lyrics" auch ein "Gangsta-Lifestyle" passen müsse, erklärt Dietrich. "Wer über das Straßenleben rappt, der muss eine biografische Fundierung im Milieu haben oder zumindest als glaubwürdiger Augenzeuge bestechen", schrieb Dietrich, der sich seit Jahren mit der deutschen Rap-Szene beschäftigt, 2012 im Magazin "Spex". Bushidos aggressive Texte spiegelten eine "Zerrissenheit" zwischen realem Leben und marktträchtiger Inszenierung wider. Was im US-Rap der "nigga" sei, trete in Deutschland als Gangsta-Rapper mit Migrationshintergrund auf. Mittlerweile zeigt sich auch Bushido in Anzug und Krawatte, statt in abgewetzter Streetwear.

Auch der Hamburger Kollegah, der mit seinem Album "Jung, brutal, gutaussehend" im Februar auf Platz eins stand, gibt sich als Gentleman, allerdings mit Zuhälter-Image. Im realen Leben heißt Kollegah Felix Blume - und studiert Jura.

Was kommt auf den Index?
Zuständig für die Indizierung von Filmen, Schriften, Spielen, Tonträgern und auch
Internetangeboten ist die Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Medien (BPjM) in Bonn. Was auf den Index kommt, ist in Paragraf 18 Absatz 4 des Jugendschutzgesetzes geregelt. Als jugendgefährdend gelten vor allem „unsittliche, verrohend wirkende, zu Gewalttätigkeit, Verbrechen oder Rassenhass anreizende Medien“. Gewalt verherrlichende oder verharmlosende Angebote unterliegen auch dem Strafrecht. 2012 entschied die BPjM bei 1144 eingegangenen Verfahren, 605 Medien auf den Index zu setzen – darunter
114 Videos, DVDs und Laser-Disks.
Die Prüfstelle wird auf Antrag bestimmter vom Gesetzgeber ermächtigter Stellen wie Jugendämtern oder der Kommission für Jugendmedienschutz tätig. Sie kann aber auch ohne Antrag prüfen, damit möglichst alle jugendgefährdenden Angebote in die Liste der indizierten Medien aufgenommen werden. Dabei wird die mögliche Jugendgefährdung in jedem Einzelfall auch mit den Grundrechten auf freie Meinungsäußerung und Kunstfreiheit abgewogen. Nicht zu den Aufgaben der Prüfstelle gehört, Medien zu beschlagnahmen und einzuziehen. Hierfür muss die zuständige Staatsanwaltschaft bei Gericht einen Beschluss erwirken.
Die BPjM untersteht dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und
Jugend. Als Bundesbehörde hat sie gerichtsähnliche Funktionen. Ihre Mitglieder, das heißt die Beisitzerinnen und Beisitzer sowie die derzeitige Vorsitzende Elke Monssen-Engberding, sind nicht an
Weisungen gebunden.

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