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Mecklenburg-Vorpommern

21. November 2017 | 07:25 Uhr

Mehr als 10 Stunden : Tagesarbeit ohne Limit

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Hoteliers fordern Freigabe der täglichen Arbeitszeit. Doch die Gewerkschaft hält dies für eine „höchst unanständige Forderung“

svz.de von
erstellt am 27.Mär.2017 | 20:45 Uhr

Mit dem heutigen offiziellen Saisonstart der Touristikbranche in MV kennen Hoteliers und Gastronomen kein Halten mehr: Die Branche drängt auf eine weitgehende Freigabe der täglichen Arbeitszeit und die Umstellung auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit. Das „starre Arbeitszeitkorsett“ schade dem Gastgeber-Standort Deutschland, wettert Guido Zöllick, Chef des Fünf-Sterne-Hotels Neptun in Warnemünde und Präsident des Deutschen Hotel- und Gaststättenverbandes (Dehoga). Jedes zweite Unternehmen in Deutschland bekommt das zu spüren, will zumindest eine jetzt vorgestellte Branchenumfrage ermittelt haben. Wegen des Arbeitszeitgesetzes hätten sie ihre Öffnungszeiten, die Hälfte der Firmen auch die Küchenzeiten, Speiseauswahl, Veranstaltungen, den Mittagstisch oder auch das Catering einschränken müssen. Etwa ein Drittel habe die Zahl der Ruhetage erhöht, gaben die Firmen in der Umfrage an.

Die geltende starre tägliche Höchstarbeitszeit von regelmäßig acht, im Ausnahmefall maximal zehn Stunden sei „nicht mehr zeitgemäß“, meinte Zöllick. Vor allem aber, so wollen die Arbeitgeber glauben machen, widerspreche das Gesetz nicht nur den Gäste- und Unternehmerwünschen sondern dem „ausdrücklichen Wunsch von Arbeitnehmern“, will Zöllick herausgefunden haben. Es gehe „um mehr Flexibilität“, an „365 Tagen im Jahr, sieben Tagen die Woche, 24 Stunden am Tag“, nicht um unbezahlte Mehrarbeit.

Tagesarbeit ohne Limit: Jahrelang haben die Unternehmen mit ihrer Billiglohnstrategie dem Image der Branche in MV geschadet. Jetzt blasen sie mit ihrer Kampagne im beginnenden Bundestagswahlkampf erneut zum Angriff auf Arbeitnehmerrechte. Der Koch solle ständig zur Verfügung stehen – eine „höchst unanständige Forderung“, wehrt Jörg Dahms, Landesgeschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG) ab. Er habe es in 20 Jahren nicht erlebt, das derartig massiv gegen die Mitarbeiter vorgegangen werde. Der Vorschlag zeige, dass die Unternehmen offenbar „unfähig“ seien, Arbeitszeiten zu gestalten. Bereits jetzt könnten sie Arbeitszeitkonten anlegen und flexible Beschäftigungszeiten nutzen. Das lasse der Tarifvertrag in MV zu. „Eine Höchstgrenze der Belastung ist erreicht“, sagte Dahms und kündigte massive Gegenwehr gegen die Arbeitgeberpläne an.

Rückendeckung kommt indes von der Opposition: Die Regelarbeitszeit von acht Stunden und Höchstarbeitszeit von zehn Stunden pro Tag „hat sich über Jahrzehnte bewährt“, kritisierte Simone Oldenburg, Linken-Fraktionschefin im Landtag. Die Leistungsfähigkeit und damit auch die Unfallgefahr würden mit der Länge des Arbeitstages steigen, die Vereinbarkeit von Privatleben und Beruf noch mehr leiden. Kritik auch bei den Grünen: Eine Aufweichung der gesetzlichen Regelungen würde klar zu Lasten der Arbeitenden gehen, sagte Grünen-Landeschefin Claudia Müller: Den Personalmangel durch längere Arbeitszeiten auffangen zu wollen, gehe völlig fehl.  

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