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Mecklenburg-Vorpommern

22. Oktober 2017 | 19:41 Uhr

Uecker : Tagebuch mit Nägeln und Zeichen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

In Düsseldorf wurde dem international renommierten Künstler die erste Museumsausstellung eingerichtet

Man kann sein Werk nicht verstehen, ohne ihn zu verstehen, auf seinen Lebensweg zu schauen. Für Uecker bedeutet ausstellen sich stellen. Seine Handlungen entstehen aus Anwandlungen. Aktionen sind Reaktionen, Poesie tränkt Energie, Sucht die Wucht. Im Taumel seines Glücks der späten Jahre stellt sich der vor allem als Nagelkünstler bekannte Günther Uecker (84) erstmals in einer großen Düsseldorfer Museumsausstellung dem Publikum. Die Ausstellung „ist eine Folge von Liebesbriefen geworden“, gibt er gestern zu Protokoll. Wer die Arbeiten abschreitet, durchlebt seine Biografie, ermisst die Dimension seines vielseitigen universalen Werkes, erlebt seinen unruhigen Geist, seine übergroße Bewegtheit in allen Handlungen, die er selber stets Erschütterung nennt. „Ich mache Aggressionen sichtbar und wandle sie poetisch um.“

Die zwei hohen langgezogenen Hallen der renommierten Kunstsammlung NRW hat er eingenommen, um das Substrat seines über 50-jährigen Schaffens auszubreiten. Dabei war kein Weg zu weit, um die 60 Werke aus aller Welt zu entleihen. Darunter auch der „Fadenstuhl“ aus der Drautzburg-Sammlung des Staatlichen Museums in Schwerin. Viele der Werke waren noch nie öffentlich zu sehen. Entscheidend bei der Auswahl war alleine, was brisant und was ein Schlüsselwerk ist.

Kunst von Uecker dient nie dem Selbstzweck, jedem Bild wohnt eine Botschaft inne. Eingangs, noch im Foyer, steht ein rostiges Boot, zugenagelt, normalerweise aufgestellt in einer Krefelder Kirche. Uecker hatte es für den Katholikentag geschaffen, inspiriert von einer Reise nach Guatemala. Das Boot (1980) ist als Metapher zu sehen, die heute wieder aufs Neue an den Schrecken in der Welt erinnert, an die Bootsflüchtlinge auf dem Meer oder an die Mahnung „Wir sitzen alle in einem Boot“.

Die Grabbe-Halle ist den zentralen Werkkomplexen seiner unruhigen Zeit gewidmet – wie eine Bühne wirkt der Saal. Auf den ersten Blick wird die einzigartige Position dieses Künstlers deutlich, niemand arbeitet wie Uecker. Das „Terrororchester“ hat er aufgebaut (1968–1982), eine lärmende 30-teilige Installation aus Klangobjekten. Mit ihrer visuellen und klanglichen Eindringlichkeit ist die Arbeit für Ueckers Œuvre ganz zentral. Uecker setzt Terror als Reaktion gegen Terror – dabei spielen biografische Erfahrungen eine Rolle, das Erleben des Dritten Reiches, des Zweiten Weltkriegs, zweier deutscher politischer Systeme, der RAF-Zeit, des Kalten Krieges. „Aber was passiert genau“, hat Kuratorin Marion Ackermann den Künstler gefragt, „wenn man mit Terror auf Terror reagiert? Lässt sich das mit Auslöschung oder einer Heilung vergleichen?“ Uecker: „Ja, es ist doch befreiend, so wie ein Kind, das randaliert oder mit Kochgeschirr spielt. Es ist wie eine Läuterung, die Welt zum Tönen zu bringen, zu erhellen, mit der Banalität der Instrumente.“

Ueckers Ausstellungen begleiten weltpolitisch brisante Ereignisse und ihren Wandel. Er sagt: „Ich bin wie ein Trampolin, wie eine Bühne, wo sich vorurteilsbezogene Politiker treffen können und wo ein Dialog möglich wird.“
Die „Sandmühle“, wie sie schon in Schwerin und Güstrow zu sehen war, dreht ihre schleifenden Runden – naturbelassene Materialien hat er in Bewegung versetzt, zum Kreis gefügt. Ein Memento mori stellen diese Mühlen dar, die das Verrinnen der Lebenszeit versinnbildlichen.

Ganz anders die Klee-Halle, gehalten in Farben und Materialien seines Ateliers. Hier sind neben dokumentarischen Kojen seine Lebenswerke aufgereiht, die Nagelfelder. Chronologisch hängen sie nebeneinander; seit Ende der 1950er-Jahre entstehen sie, eines pro Jahr.

Ueckers Ausstellung ist eine Offenbarung über die Größe von Kunst, ihre Kraft und ihren Reichtum. Die Weltbetrachtung ist ein wesentlicher Teil seines Tuns. Uecker erhofft sich Erkenntnis. Wo die Sprache versagt, beginnt das Bild.





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