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Mecklenburg-Vorpommern

21. September 2017 | 21:28 Uhr

Tag des deutschen Schwimmbades

vom

svz.de von
erstellt am 14.Jun.2013 | 06:00 Uhr

Das Bundesparlament hat gestern der Opfer des mit brachialer Gewalt niedergeschlagenen Arbeiter- beziehungsweise Volksaufstandes von 1953 gedacht. In der Bevölkerung ist es derweil - jenseits regierungsamtlichen Erinnerungszeremoniells - im Laufe der vergangenen 23 Jahre in puncto "17. Juni" zu einer Art Wiedervereinigung der Geschichtsbilder gekommen. Für die SED-Führung waren und blieben die Ereignisse des Frühsommers 1953 ein Trauma, auf das mit einer Mixtur aus Tabuisierung und propagandistischer Gegenoffensive ("faschistischer Putschversuch", "Konterrevolution") reagiert wurde. Schließlich ging es vor 60 Jahren um mehr als den bloßen Protest gegen Arbeitsnorm-Erhöhungen. Transparentaufschriften wie "Der Spitzbart muss weg", "Russen raus", "Freie Wahlen" oder "Freiheit für politische Gefangene" sprachen eine deutliche Sprache. Der "Arbeiteraufstand" war eben mehr als ein Arbeiteraufstand. Die Alternativbezeichnung West, "Volksaufstand", geht zwar ein bisschen zu weit. Dass am 17. Juni 1953 diverse Bevölkerungsgruppen (und nicht nur die Arbeiterschaft) gegen den auf der II. SED-Parteikonferenz beschlossenen "Ausbau des Sozialismus" aufbegehrten, steht allerdings außer Frage. Denn dieser "Ausbau" bedeutete nicht zuletzt den Ausbau des Sicherheits-, Polizei- und Bespitzelungsapparates und die Verschlechterung der allgemeinen Versorgungslage.

Bittere Ironie am Rande: Nach den Geschehnissen des Frühsommers 1953 verfeinerte die Regierung Ulbricht die bestehenden Repressionssysteme mit noch perfiderer Akribie und noch gnadenloserem Eifer. Mit der Rücknahme der Normerhöhungen, vor allem aber mit der gezielten Verbesserung der Lebensbedingungen (Preissenkungen in HO-Läden, staatliche Wohnungsbau-Förderung) legte das SED-Regime zu der Peitsche einen Laib Zuckerbrot. Der Grund: Man hatte die systemgefährdende Sprengkraft materieller Not erkannt. Gleichzeitig konnte sich das Politbüro auch nach Stalins Tod auf die einschüchternde Wirkung beherzter sowjetischer Militärinterventionen verlassen. Panzern der Roten Armee ins Mündungsfeuer gesehen zu haben, ist vielen der damaligen Protestler zur bleibenden Erinnerung geworden.

In Westdeutschland wurde der 17. Juni 1953 unterdessen - bereitwillig - als "Volksaufstand", als "gescheiterte Revolution" überhöht. Keine zwei Monate nach den Unruhen erklärte der Bundestag den 17. Juni zum gesetzlichen Feiertag; Antikommunismus als Basiskonsens einer noch ungefestigten Demokratie. Vergleiche, ja Gleichsetzungen des 17. Juni (1953) mit dem 20. Juli (1944) krankten und kranken allerdings an der mehr als unangemessenen Gleichsetzung Hitler-Deutschlands mit dem "Arbeiter- und Bauernstaat". Der "Tag der deutschen Einheit", auch diese Tatsache gehört zu aufrichtigem Gedenken; der "Tag der deutschen Einheit" höhlte sich in der "Bonner Republik" im Laufe der Jahrzehnte inhaltlich immer mehr aus. Ein hoch willkommener freier Tag im Frühsommer, keine Frage. Aber ohne jedes Innehalten, ohne auch nur einen flüchtigen Blick in den Ost-West-Rückspiegel. Spötter sprachen vom "Tag des deutschen Schwimmbades" und selbst Helmut Kohl, der spätere, viel zitierte "Kanzler der Einheit", setzte sich im Sommer 1971 für die Abschaffung des (Pseudo)Gedenktages ein. 19 Jahre darauf, 1990, hat die Öffnung der SED-, Vopo- und Stasi-Archive die speziell in der 70-er und 80er-Jahren versachlichte westliche Lesart des 17. Juni 1953 bestätigt. Der Aufstand war nachweislich kein von der Bundesrepublik oder den USA initiierter "faschistischer Putsch". Er war aber auch keine Beinahe-Revolution. Der 17. Juni 1953 war so etwas wie eine Miniatur-Ouvertüre zum 9. November 1989. Und kaum jemand weiß besser, wie viel eine solche Einstufung bedeutet, als die 80,8 Millionen Menschen, die in der "Berliner Republik" leben und übermorgen vielleicht doch für einen Moment innehalten.

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