Nach Eklat in Essen : Tafeln in MV: „Herkunft spielt keine Rolle“

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Die Tafel in Essen versorgt keine neuen Flüchtlinge mehr. Tafelbetreiber im Nordosten sehen die Entscheidung kritisch

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01. März 2018, 20:45 Uhr

Lebensmittel nur für Bedürftige mit deutschem Pass: Seit einer Woche läuft eine bundesweite Debatte über einen vorübergehenden Aufnahmestopp der Essener Tafel für Ausländer. Die Tafel in Essen begründet ihr Vorgehen mit einem weit überdurchschnittlichen Anteil an Ausländern. Gerade ältere Menschen und alleinerziehende Mütter hätten sich von den vielen fremdsprachigen jungen Männern in der Warteschlange abgeschreckt und weggedrängt gefühlt. Nach massiver Kritik bis hin zu Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) soll ein Runder Tisch in den kommenden Wochen eine Neuregelung für die Essener Tafel erarbeiten.

Krisensituationen wie in Essen schildern auch andere Tafelbetreiber. Die Lebensmittelausgabe in Crivitz etwa sorgte vor zwei Jahren überregional für Schlagzeilen. Dort war es zu Rangeleien und Tätlichkeiten durch Asylbewerber gekommen. Aus einer Gruppe von etwa 25 Männern heraus gab es Übergriffe. Die Lebensmittel wurden zwischenzeitlich unter Polizeischutz verteilt. „Wir haben das Problem in den Griff bekommen“, sagt Thomas Tweer, Geschäftsführer vom Tafelbetreiber Diakoniewerk Neues Ufer. Der Konflikt wurde aber anders gelöst als in Essen.

„Wir haben ganz intensiv geredet“, erklärt Tweer. Die Bürgermeisterin und eine lokale Hilfsinitiative habe man mit ins Boot geholt. Mittlerweile hätten sich die Bedürftigen aneinander gewöhnt. „Und wir haben den Vorteil, dass wir keinen Mangel an Lebensmitteln haben“, sagt Tweer. Die Entscheidung der Essener Kollegen will er nicht kommentieren. „Ist nicht meine Baustelle“, sagt der Diakonie-Geschäftsführer. An der Crivitzer Tafel gelte aber das Motto: „Jeder Mensch ist gleich. Es wird niemand bevorzugt.“

Die Nationalität spielt auch bei der Tafel in Schwerin keine Rolle. „Wir versorgen Menschen in Not. Es wird nicht nach Herkunft entschieden“, sagt Tafel-Chef Peter Grosch. Dass in Essen vorerst nur noch Deutsche verpflegt werden, „geht gar nicht“, findet er. „Wir würden nicht so reagieren“, sagt er. Wer die Bedürftigkeit nachweise, werde versorgt – unabhängig von Nationalität, Alter, Religion und Geschlecht.

Die Schweriner Tafel verteilt in der Landeshauptstadt und Umgebung an 14 Ausgabestellen gespendete Lebensmittel. Rund 3500 Menschen werden pro Woche versorgt. Dass die Verteilung der Lebensmittel nicht immer reibungslos verläuft, hat auch Grosch bereits mehrfach erlebt. „Es wird auch mal geschubst und gerempelt. Aber das gibt es wohl in jeder Warteschlange“, erklärt der Tafel-Chef. An den Ausgabestellen der Parchimer Tafel gibt es nach Angaben des Betreiberverins keine Probleme. „Bei uns ist die Situation entspannt“, sagt der Vereinsvorsitzende Martin Doller. „Das liegt aber sicher auch daran, dass wir in Parchim, Lübz, Goldberg, Plau am See und Karow nur wenige Ausländer haben.“ Etwa 1200 Menschen werden betreut.

Extra: Aufnahmestopp für Alleinstehende

Nach der Debatte um den Aufnahmestopp für Ausländer an der Essener Tafel ist nun eine Einschränkung an einer weiteren Tafel bekanntgeworden: In Marl werden bereits seit einem halben Jahr keine alleinstehenden jungen Männer mehr aufgenommen, bestätigte Tafel-Chefin Renate Kampe gestern. Die Regelung gelte für Deutsche und Ausländer. Familien oder Alleinerziehende mit Kindern und Rentner könnten weiterhin unabhängig von ihrer Nationalität kommen. Grund für die Sperre in Marl sei, dass wegen des Zuzugs von Flüchtlingen die Waren nicht mehr für alle Bedürftigen ausreichten, sagte Kampe. Deswegen dürften die Kunden bereits seit Längerem nur noch alle zwei Wochen in der Tafel einkaufen. Ausnahmen gebe es für Familien mit vielen Kindern. Sobald wieder Kapazitäten frei würden, werde über eine neue Regelung nachgedacht. epd

 

Die Helfer der Tafel achteten drauf, ob die Personen bezugsberechtigt sind und nicht auf deren Nationalität.

An der aktuellen Debatte über die Entscheidung der Essener stört Tafel-Leiter Grosch vor allem, dass eine Art Verteilungskampf zwischen einheimischen und ausländischen Bedürftigen inszeniert wird. Das eigentliche Problem werde dadurch ausgeblendet. „Nämlich, dass in einem reichen Land wie Deutschland nicht alle Menschen satt werden und es immer mehr Tafeln gibt“, stellt Grosch fest.

Es müsse viel stärker über das Armutsproblem in der Republik gesprochen. Vielleicht werde durch die Ereignisse in Essen die Diskussion angestoßen, sich die Ursachen für Armut anzuschauen und anzugehen. „Das würde ich mir von der neuen Regierung wünschen“, sagt Peter Grosch

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