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Hinter den Kulissen: Fähre : Täglich logistische Meisterstücke

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Liegezeit der Fähre im Rostocker Überseehafen wird straff genutzt

svz.de von
erstellt am 02.Feb.2016 | 12:00 Uhr

Der Bauch von „Tom Sawyer“ leert sich langsam. Mitten im Winter sind es gerade mal vier Autos, die mit der TT-Line-Fähre von Trelleborg über die Ostsee gekommen sind, dafür aber jede Menge Trucks aus ganz Europa. Von zwei Ebenen gleichzeitig verlassen sie das Schiff. Wenn erstmal Sommerferien sind, sieht es in dem Stahlkoloss ganz anders aus: Privatwagen werden wieder Stoßstange an Stoßstange stehen, die Lkws sind dann deutlich in der Minderheit.

Maximal anderthalb Stunden liegt die Fähre in Rostock am Kai. In dieser Zeit wechseln nicht nur Ladung und Passagiere. Auch Vorräte müssen aufgefüllt, Wäsche ausgetauscht, Müll entsorgt oder kleinere Reparaturen erledigt werden. Kaum ist der letzte Brummi von Bord gerollt, stehen unten an der Rampe schon die ersten, die nach Schweden wollen. Aber erstmal ist der Nachschub dran: Transporter bringen palettenweise Proviant für die Küche und Waren für den Bord-Shop – mehrmals pro Woche.

„Heute ist das ganz entspannt, heute bekommen wir nur eine Palette“, bemerkt Jörg Fischer, der oben im Restaurant als Kassierer arbeitet. „In der Hochsaison sind es viel mehr, die wir dann zügig kontrollieren müssen. Da wird die Zeit schon mal knapp.“ Gemeinsam mit seinem Kollegen Jürgen Häfele zählt und registriert er sämtliche Artikel, lagert sie ein. „Wir sind alle gut eingespielt, jeder kennt seine Handgriffe“, sagt Häfele und verstaut Pappkartons mit Weinflaschen im Lager. Später wird er sie nach oben in den Bord-Shop bringen und die Regale auffüllen. Auch Schokolode und Parfüm werden nachgeliefert, die Küche bekommt frische Lebensmittel.

Die Kollegen, die hier unten ausladen, gehören zur Abteilung Catering, die sich um Verpflegung, Reinigung und Service an Bord kümmert. Immerhin sind ein Restaurant, der Shop und mehr als 130 Kabinen zu bewirtschaften. „Die Lkw-Fahrer bekommen jeweils eine, die anderen Passagiere können ebenfalls eine buchen, da fallen natürlich – gerade im Sommer – größere Mengen Wäsche an“, erklärt Jörn Borowski, der Terminal-Verantwortliche von TT-Line in Rostock. Mehrmals pro Woche werden die gebrauchten Stücke abgeholt, frische gebracht, dann rollt noch ein Transporter mehr über die Rampe.

Die Nachschub-Transporter sind noch nicht ganz von Bord, da kommen die ersten Lkws auf Deck 3. Sie werden von Bootsmann Christian Lindemann eingewiesen. An Land warten noch die unbegleiteten Trailer. Mit recht kleinen, aber starken Gefährten, sogenannten Tug-Mastern, werden sie an Bord gezogen. Insgesamt passen ungefähr 110 Lkws und Trailer auf die „Tom Sawyer“.

Dreimal pro Tag pendeln die TT-Line-Fähren zwischen Rostock und Trelleborg. Alle Abläufe für die Liegezeit im Hafen sind exakt geplant und werden von Tour zu Tour aktualisiert, je nachdem, wie viel Ladung und Passagiere gebucht sind. „Unsere Kollegen im Fährcenter stehen mit denen am Kai und denen an Bord in Kontakt“, erklärt Borowski. „Die Umschlagsgesellschaft schickt die Fahrzeuge in der Reihenfolge aufs Schiff, die vom Ladeoffizier angefordert wird. Denn der Platz muss ja so gut wie möglich genutzt werden.“ Das Bordpersonal wechselt meist im vierzehntägigen Rhythmus. „Die Kollegen sind zwei Wochen an Bord und haben dann zwei Wochen frei“, erklärt Borowski. „Aber es lösen sich nie alle Abteilungen gleichzeitig ab, sonst müssten wir eine umfangreiche Übergabe machen, für die gar keine Zeit ist.“ Denn alle, auch die Offiziere, haben während der Liegezeit etliche Aufgaben zu erledigen. Und kaum ist alles geschafft, macht sich „Tom Sawyer“ wieder auf den Weg.

Zur Serie: Alltag unter der Lupe

Das, was wir wahrnehmen, ist oft nur ein Teil des Arbeitsalltags. Die Postfrau dreht eben nicht nur einfach ihre Runde durchs Viertel. Ein Schauspieler steht nicht nur abends auf der Bühne, ein Pastor nicht nur sonntags auf der Kanzel. Viele weitere Aufgaben gehören zu diesen Berufen. Und was passiert eigentlich, während eine Ostsee-Fähre im Hafen liegt? Oder bevor ein Buch im Laden steht? Oder bevor eine Ausstellung eröffnet wird? In unserer neuen Serie beantworten wir diese und andere Fragen, nehmen scheinbar Alltägliches unter die Lupe. Und wir möchten von Ihnen, liebe Leser, wissen, hinter welche Türen Sie gern einmal schauen würden. Senden Sie uns Ihre Anregungen und Ideen!

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